Gabenbereitung oder Opferung?

Ein Plädoyer für die Wiederherstellung der Opferungsgebete. „Reform der Reform“ oder: Die Bereicherung der sogenannten ordentlichen Form des Römischen Ritus durch die klassische Form des Römischen Ritus. 10. Teil: Gabenbereitung.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 23. September 2016 um 20:22 Uhr

(aus: Gero P. Weishaupt, „Päpstliche Weichenstellungen, 186-188):

In der ordentlichen Form des Römischen Ritus folgt nach den Fürbitten die sogenannte „Gabenbereitung“, der Beginn der Eucharistiefeier. Bei der nachkonziliaren Liturgiereform wurde dieser Teil

„stark vereinfacht, wobei man an dieser Stelle ausdrücklich den Eindruck einer selbständigen Opfer-Darbringung vermied“ (J. Hermans, Die Feier der Eucharistie, 211).

In der außerordentlichen Form des Römischen Ritus wird dieser Teil nicht Gabenbereitung, sondern Offertorium (Opferung) genannt.

„Bei der Reform der Messliturgie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil stand man vor der Frage, ob man den Ritus der Gabenbereitung … wieder in den mehr oder weniger ursprünglichen, einfachen Zustand zurückführen sollte; dies wäre das Herbeibringen von Brot und Wein sowie das Gebe über die Gaben (Gabengebet). Der Opferungs-Ritus war im Laufe der Zeit ja schwer überladen worden; überdies bestand die große Gefahr, daß man diesen Ritus falsch interpretieren könnte. Erst durch die Konsekration im eucharistischen Hochgebet wurde ja das Opfer der Kirche dargebracht“ (Hermans, 211).

Diese Erwägungen haben in der Reform des Messordo im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil zu einer inhaltlichen und stilistischen Änderung der vom Priester zu sprechenden Opferungsgebete geführt. An der Stelle der aus dem Mittelalter (Hermans, 210 f.) stammenden stillen Opferungsgebete „Suscipite Sancte Pater“, „Offerimus tibi Domine“, „Veni Sanctificator“ und „Suscipe Sancta Trinitas“ verwendet das Missale Romanum Pauls VI.

„keine Gebete im Stil der römischen Orationen …, sondern eher Lobpreisungen im Sinne der jüdischen Beracha-Formeln und der Lob- und Dankformeln aus dem Alten und Neuen Testament“ (Hermans, 218).

Mehr als nur ein „Hinreichen der Gaben“

Dabei gehen die neuen Gebete allerdings noch über die jüdische Tradition hinaus, insofern Paul VI. sie durch Zusätze versehen ließ, die „die menschliche Arbeit, durch die Brot und Wein zustande kommen und so als Gaben in der Eucharistie dargebracht werden können“ (Hermans, 219), ausdrücken sollten. Zwar wäre nach Klaus Gamber gegen neue Opferungsgebete nichts einzuwenden gewesen, doch sind für ihn die heutigen Texte „wenig befriedigend“ (K. Gamber, Frangen in die Zeit, 86 f.). So sehr es richtig ist, dass das eucharistische Opfer Christi während des eucharistischen Hochgebetes, näherhin bei der Wandlung erfolgt, so ist die Bereitung der Gaben und die sie begleitenden Gebete des Priesters doch als eine Art Vorweihe der Opfergaben von Brot und Wein und ihre Vorbereitung auf die Wandlung zu verstehen. Die Verantwortlichen für die Reform des Messordo nach dem Konzil hatten zu sehr aus dem Blick verloren, dass der Ritus der Gabenbereitung mehr ist als ein bloßes Herrichten von Gaben.

„Eben als Bereitung besitzt er auch eine vorbereitende Funktion. Die Form des Offertoriums und die begleitenden Gebete sind von großem Wert, die rechte Glaubenhaltung zu fördern, um das Opfer Christi in seiner Kirche zu feiern. In das Darbringen der Opfergaben legt der Gläubige sein Verlangen, am Opfer Christi teilzunehmen. In diesem Sinne hat der Ritus der Gabenbereitung eine tiefere Bedeutung als nur die einer technisch-materielle Vorbereitung“ (Hermans, 212).

Vorweihe im Hinblick auf das sakramentale Opfer

Aus diesem Grund sollte im Rahmen einer „Reform der Reform“ des Messordo Pauls VI. (bzw. dessen Bereicherung durch die klassische Messliturgie) die Bezeichnung „Gabenbereitung“ für diesen Teil der Eucharistie aufgegeben und der theologisch zutreffendere und der Zielrichtung dieses Ritus angemessenere Ausdruck „Opferung“ oder „Offertorium“ wieder aufgenommen werden. Denn es handelt sich nur vordergründig um eine Gabenbereitung, vorm Wesen und Ziel her aber um eine Opferbereitung.

„Der Ausdruck „Gabenbereitung“ ist insofern problematisch, als es weniger um die Bereitung der Gaben als solcher geht (sie stehen fertig zur Verfügung), sondern um die Vorbereitung dessen, was mit den Gaben geschehen soll. Insofern ist der Ausdruck Opferbereitung treffender. … Der Priester hält die irdischen Gaben entgeben mit der Bitte, er möge sie zu den himmlischen  Gaben von Leib und Blut verwandeln. Dass der Kanon diese Bitte wiederholt, braucht nicht gegen den Sinn der Opferbereitung angeführt zu werden. Wiederholungen und Pleonasmen sind in der Liturgie nicht unnützes Rankewerk, sondern unterstreichen ihren mystagogischen (= in das Geheimnis führenden) Charakter“ (U. Filler, Liturgie, 112).

Aus dem Opfercharakter ergibt sich dann wie von selber die Frage, ob die diesen Ritus begleitenden „Lobpreisformeln nach Art der jüdischen Tischgebete“ (Filler, 111) wohl geeignet sind. Im Rahmen einer „Reform der Reform“ (Bereicherung des Messordo Pauls VI. durch die klassische Messliturgie) sollte man ernsthaft erwägen, sie durch solche, die den Opfercharakter eindeutig wiedergeben, zu ersetzen. Dabei sollte die Möglichkeit nicht unbeachtet bleiben, die herkömmlichen Opferungsgebete, wie sie im Missale Pius V. bzw. Johannes´ XXIII. seit dem 11. Jahrhundert vorgesehen sind, ungekürzt zu verwenden, da sie einerseits in der Tradition verwurzelt sind, andererseits den Opfercharakter der Gabenbereitung ungekürzt zum Ausdruck bringen (vgl. hierzu die hervorragenden inhaltlichen Erklärungen der Opferungsgebete bei M. Gaudron, Die Messe aller Zeiten, Ritus und Theologie des Meßopfers, Altötting, 2006, 84-90). Zudem würde hierdurch nicht nur der Opfercharakter der Messe als ganzer besser zum Tragen kommen, sondern auch die Einheit der „lex credendi“ und „lex orandi“ eindeutiger aufscheinen.

 

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Foto: Päpstliche Weichenstellungen – Bildquelle: Verlag fĂĽr Kultur und Wissenschaft