Joseph Ratzinger: Die Zelebration zum Osten richtet Priester und Gemeinde gemeinsam auf den Herrn und nicht auf sich selbst

„Reform der Reform“ oder: Die Bereicherung der sogenannten ordentlichen Form des Römischen Ritus durch die klassische Form des Römischen Ritus. 5. Teil: Die Zelebration versus Orientem. Theologischer und spirtueller Grund (aus: Gero P. Weishaupt, „PĂ€pstliche Weichenstellungen“, 166-169.)
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 13. August 2016 um 00:00 Uhr
Papst Benedikt XVI.

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

Nachdem ich in der letzten Folge dieser Kathnews-Reihe aufzuzeigen versucht habe, dass die Zelebration „zum Herrn“ hin, also die Feier der Messe, bei der der Priester nicht dem Volk zugewandt, sondern zusammen mit dem Volk in einer Gebetsrichtung zum Herrn (ad orientem) hin die heilige Messe zelebriert, auch weiterhin die rechtlich vorgesehene Zelebrationsweise ist, wird in diesem Beitrag kurz der theologische und spirituelle Grund fĂŒr diese Zelebrationweise betrachtet. Dabei richte ich mein Augenmerk wiederum vornehmlich auf die Aussagen von Joseph Kardinal Ratzinger, des spĂ€teren Papstes Benedikt XVI.

(aus: Gero P. Weishaupt, PĂ€pstliche Weichenstellungen, 166-169.)

Apostolische Überlieferung

Benedikt XVI. hat als Kardinal verschiedentlich in Veröffentlichungen und VortrĂ€gen auf die Stellung des Altares und die Gebetsrichtung in der Liturgie hingeweisen. In seinem Buch „Der Geist der Liturgie“ erinnert er:

„Vor allem aber ist es ĂŒber alle Variationen hinaus bis tief ins 2. Jahrtausend hinein fĂŒr die ganze Christenheit eines klar geblieben: Die Gebetsrichtung nach Osten ist die Tradition von Anfang her und grundlegender Ausdruck der christlichen Synthese von Kosmos und Geschichte, von Verankerung im Einmaligen der Heilsgeschichte und vom Zugehen auf den kommenden Herrn. Die Treue zum schon Geschenken wie die Dynamik ds VorwĂ€rtsgehens drĂŒcken sich in ihr gleichermaßen aus“ (J. Ratzinger, Gesammelte Schriften, Bd. II, 77 f.).

Der Osten ist Symbol der Schöpfung, der Auferstehung und der Wiederkunft Christi, der Vollendung der mit Ostern begonnenen Neuschöpfung.

Auf die Frage, wie die Kirche zu einem reformierten Ritus im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils zurĂŒckkehren kann, hebt Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. neben der ZurĂŒckgewinnung einer recht verstandenen KreativitĂ€t, der Notwendigkeit originalgetreuer Übersetzungen und der Bewahrung der lateinischen Kultsprache die geostete (orientierte) Zelebrationsrichtung des Priesters hervor:

„Das dritte Problem ist die Zelebration versus populum. Wie ich in meinen BĂŒchern ausgefĂŒhrt habe, bin ich der Meinung, dass die Zelebration Richtung Osten, in Richtung des kommenden Christus, eine apostolische Überlieferung ist“ (J. Ratzinger, Gesammelte Schriften, Bd. II, 676).

Gleichrichtung von Priester und Volk

Die Zelebration zum Osten richtet Priester und Gemeinde gemeinsam auf den Herrn und nicht auf sich selbst. Dazu bemerkt Ratzinger/Benedikt XVI.:

„Die Wendung des Priesters zum Volk formt 
 die Gemeinde zu einem in sich geschlossenen Kreis. Sie ist – von der Gestalt her – nicht mehr nach vorne und oben aufgebrochen, sondern schließt sich in sich selber. Die gemeinsame Wendung zum Osten war nicht die ‚Zelebration zur Wand‘, bedeutet nicht, dass der Priester ‚dem Volk den RĂŒcken zeigt‘: So wichtig war er gar nicht genommen. Denn wie man in der Synagoge gemeinsnam nach Jerusalem blickte, so hier gemeinsam „ zum Herrn hin“. Es handelte sich – wie es einer der VĂ€ter der Liturgiekonstitution des II. Vaticanums, Josef Andreas Jungmann ausdrĂŒckte – vielmehr um eine Gleichrichtung von Priester und Volk, die sich gemeinsnam in der Prozession zum Herrn hin wußte. Sie schließen sich nicht zum Kreis, schauen sich nicht gegenseitig an, sondern sind als wanderndes Gottesvolk im Aufbruch zum Orient, zum kommenden Christus, der uns entgegengeht“ (J. Ratzinger, Gesammelte Schriften, Bd. II, 81 f.).

Darum hat A. Heinz recht, wenn er hierzu anmerkt:

„Es ist ein MissverstĂ€ndnis, wenn diese Zelebrationsweise oberflĂ€chlich und salopp als Zelebration ‚mit dem RĂŒcken zum Volk‘ abgetan wird. In Wirklichkeit geht es dabei um ein gemeinsames Zugehen und Warten aller auf den Herrn, der seinem Volk entgegenkommt und es mitnimmt in seiner Hingabe an den Vater. Wenn die Gleichgerichtetheit von Priester und Volk in der Gebetshaltung dem erhöhten und wiederkommenden Herrn entgegen (Orientierung) uns ganz abhanden kĂ€me, wĂ€re das ein bedauerlicher spiritueller Verlust“ (A. Heinz, „Aus Sorge um die Einheit. Das Motu Proprio ‚Summorum Pontificum‘ – eine Einladung zu innerkirchlicher Toleranz“, in: Klerusblat 87 [2007] 195.).

Übergangsperiode

Trotz der triftigen liturgiegeschichtlichen, theologischen und spirituellen GrĂŒnde fĂŒr die Zelebration versus Orientem warnt Ratzinger/Benedikt XVI. von ĂŒbereilten rĂ€umlichen VerĂ€nderungen in den KirchengebĂ€uden:

„Allerdings bin ich gegen permanente Revolution in den Kirchen; es wurden jetzt so viele Kirchen umgestaltet, dass es ĂŒberhaupt nicht opportun erscheint, in diesem Moment wiederum damit zu beginnen“ (J. Ratzinger, Gesammelte Schriften, Bd. II, 676 f.).

In „Geist der Liturgie“ schreibt er:

„Nichts ist fĂŒr die Liturgie schĂ€dlicher als das stĂ€ndige Machen, auch wenn es sich um wirkliche Erneuerung zu handeln scheint“ (J. Ratzinger, Gesammelte Schriften, Bd. II, 84.).

Die Änderungen bedĂŒrfen der Zeit und einer klugen und weisen HinfĂŒhrung der GlĂ€ubigen in die vom Zweiten Vatikanischen Konzil nach wie vor vorgesehene Zelebrationsrichtung versus Orientem. Angesichts mancher Fehlentwicklungen in der Liturgiepraxis nach dem Konzil, die nicht von heute auf morgen behoben werden können, ist darum eine Übergangsperiode pastoral notwendig. Manche Kirchen sind architektonisch zudem so gestaltet, dass eine Zelebration versus Orientem nicht möglich ist oder sehr schwierig erscheint. Darum gilt es, bei kĂŒnftigen Neubauten von Kirchen diesen wichtigen liturgischen Aspekt der orientierten Zelebrationsrichtung nicht aus dem Auge zu verlieren. FĂŒr die Zwischenzeit bzw. da, wo eine Ostung des Altares ohne gravierende architektonische Eingriffe in den Kirchbau nicht oder kaum realisierbar ist, kann ein Kreuz auf dem Altar nĂŒtzlich und sinnvoll sein. Ratzinger schreibt:

„Ich sehe einen Ausweg in einem Hinweis, der sich im Anschluss an Einsichten von Erik Peterson ergibt. Die Richtung des Ostens  
 mit dem ‚Zeichen des Menschensohnen‘ in Verbindung gebracht, mit dem Kreuz, das die Wiederkunft des Herrn ankĂŒndigt. So wurde der Osten sehr frĂŒh mit dem Kreuzzeichen verbunden. Wo die direkte gemeinsame Zuwendung zum Osten nicht möglich ist, kann das Kreuz als innerer Osten des Glaubens dienen. Es sollte in der Mitte des Altares stehen und der gemeinsame Blickpunkt fĂŒr den Priester und die betende Gemeinde sein. So folgen wir dem alten Gebetsruf, der an der Schwelle der Eucharistie stand: ‚Conversi ad Dominum‘ – Wendet euch zum Herrn hin. So schauen wir zusammen auf den, dessen Tod den Tempelvorhang aufgerissen hat – auf den, der fĂŒr uns vor dem Vater steht und uns in seine Arme schließt, uns zum lebendigen neuen Tempel macht“ (J. Ratzinger, Gesammelte Schriften, Bd. II, 84.).

aus: Gero P. Weishaupt, PĂ€pstliche Weichenstellungen. Das Motu Proprio Summorum Pontificum Papst Benedikts XVI. und der Begleitbrief an die Bischöfe. Ein kirchenrechtlicher Kommentar und Überlegungen zu einer „Reform der Reform“, Bonn 2010, 166-169.)

Vorausblick

In der nĂ€chsten Folge (immer samstags) lesen Sie im Rahmen dieser Reihe ĂŒber die Reform der Reform der nachkonziliaren Liturgie bzw. der Bereicherung der ordentlichen Form durch die klassische Form des  Römischen Ritus Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils ĂŒber die Bewahrung und den Schatz der „Musica sacra“, d. h. des Gregorianischen Chorals und der Polyphonie.

Bisherige BeitrÀge in dieser Reihe:

Kirchliche Dokumente: Es geht um die Stellung des Altares, nicht um die Zelebration zum Volk hin 

Vatikanum II: Der Gebauch der lateinischen Sprache soll erhalten bleiben

Das Problem der Übersetzungen ist ein ernstes Problem

Was die ordentliche Form von der klassischen Form des Römischen Ritus lernen kann

Foto: Papst Benedikt XVI. – Bildquelle: Rvin88 / Wikipedia

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