Remember September – Erinnerungen und ein Ausblick

Ein Kommentar von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 8. September 2014 um 21:50 Uhr
Alte Messe - Manipel

Am 3. September feiert die Römische Liturgie in ihrer ĂŒberlieferten Gestalt das Fest des heiligen Papstes Pius‘ X. 2014 ein besonderer Termin, denn am 20. August hat sich zum 100. Male der Todestag Pius‘ X. gejĂ€hrt. Am 29. Mai, der heuer auf das Fest Christi Himmelfahrt gefallen ist, war es genau 60 Jahre her, dass Pius X. heiliggesprochen wurde. Wir stehen also schon von diesen beiden Daten her in doppelter Hinsicht in einem JubilĂ€umsjahr „Heiliger Papst Pius X.“

Sieben Jahre Rechtskraft von Summorum Pontificum

Am 7. Juli 2007 erließ Papst Benedikt XVI. sein Motu proprio Summorum Pontificum, mit dem er der ĂŒberlieferten Römischen Liturgie juridisch in der Kirche breiten Raum zurĂŒckgab, indem er praktisch alle kirchenrechtlichen HĂŒrden beseitigte, die bis dahin zu ĂŒberwinden waren, wollte jemand seit der EinfĂŒhrung des Novus Ordo Missae die liturgischen BĂŒcher von 1962 innerhalb der offiziellen kirchlichen Strukturen und in vollem Einvernehmen mit der kirchlichen Obrigkeit weiterhin oder wieder benutzen. Dieses Motu proprio sollte nach dem Willen des Papstes am Fest Kreuzerhöhung, dem 14. September 2007, in Rechtskraft erwachsen. Folglich können wir an diesem Sonntag, dem 14. September 2014, auf sieben Jahre Summorum Pontificum zurĂŒckblicken. Allerdings: Summorum Pontificum erlebt bezeichnenderweise gerade jetzt sein „verflixtes siebtes Jahr“.

107 Jahre Enzyklika Pascendi Pius‘ X.: 8. September 2014

Heute, am 8. September, jĂ€hrt sich außerdem auf den Tag genau zum 107. Mal das Erscheinen der Enzyklika Pascendi, mit der sich Pius X. energisch gegen die Irrlehre des Modernismus gewandt hat. Man muss also nicht Miss Marple sein, um in diesem Jahr und speziell in diesen Tagen erinnert zu werden: „Remember September!“

„Gipfeltreffen“ am 21. September 2014

In dieser gedĂ€chtnisgeschwĂ€ngerten AtmosphĂ€re nun drang – irgendwie sehr passend fast exakt zum traditionellen Festtermin Pius‘ X. – die Nachricht an die Öffentlichkeit, am Sonntag, den 21. September 2014 werde es in Rom zu einer inoffiziellen Begegnung Bischof Bernard Fellays, des Generaloberen der Priesterbruderschaft St. Pius‘ X., mit Gerhard Kardinal MĂŒller, PrĂ€fekt der Glaubenskongregation und damit PrĂ€sident der PĂ€pstlichen Kommission Ecclesia Dei, kommen. Dass diese Nachricht durchsickerte, wurde dem Vernehmen nach erstaunlicherweise seitens der Piusbruderschaft mit einiger Überraschung aufgenommen. Die Beunruhigung und das MissvergnĂŒgen ĂŒber diese undichte Stelle konnten sich indes bereits wieder legen, da das Treffen inzwischen ohnehin von Pater Frederico Lombardi SJ bestĂ€tigt worden ist, der dabei den keineswegs informellen, vielmehr ausdrĂŒcklich offiziellen Charakter des bevorstehenden Zusammentreffens von Fellay mit MĂŒller betonte.

Was wird dieses Treffen bringen? Jedenfalls Klarheit darĂŒber, dass die Priesterbruderschaft St. Pius‘ X. die sogenannte Doktrinelle PrĂ€ambel in ihrer, Fellay 2012 schließlich ĂŒberraschend vorgelegten Fassung, nicht annehmen kann und wird.

Der Traditionsbegriff von Ecclesia Dei adflicta in letzter Konsequenz

An dieser Stelle rufe ich in Erinnerung, was ich hier auf kathnews.de bereits am 9. August 2012 zu bedenken gegeben habe: Neue Analogie zum Monophysitismus oder Catholic Amish People. Ich bin frappiert, wie sehr alles darauf hindeutet, dass das damals Skizzierte jetzt tatsĂ€chlich eintritt. Mehrfach und besonders ausfĂŒhrlich in dem damaligen Beitrag habe ich gezeigt, wie schwach und letztlich verfehlt das Konzept ist, das im Motu Proprio Ecclesia Dei adflicta vom 2. Juli 1988 von der „Lebendigkeit“ der Tradition entworfen wird. Damit habe ich nicht bestritten, dass die Tradition lebendig ist, sondern sogar aufzuzeigen versucht, in welchem Sinne sie dies tatsĂ€chlich ist und selbstverstĂ€ndlich sein muss.

Nimmt man aber jetzt in Rom Zuflucht zum Traditionsbegriff von Ecclesia Dei adflicta, um eine „lefĂšbvrianische HĂ€resie“ mit einem lehrmĂ€ĂŸigen Inhalt zu fĂŒllen, muss diese Verurteilung ebenso schwach und verfehlt sein, wie der ihr zugrundegelegte Traditionsbegriff selbst. Hierbei darf man nicht ĂŒbersehen, dass dieser Traditionsbegriff, wenn er nicht ĂŒberhaupt dem Denken Joseph Ratzingers entsprungen ist, so jedenfalls mit diesem sehr ĂŒbereinstimmt. Schon als Konzilstheologe schrieb er: „Wenn man die Offenbarung mit ihren Materialprinzipien (Schrift und Tradition, Anm. C. V. O.) identifiziert, dann muss man Tradition als eigenes Materialprinzip aufrichten, wenn nicht die Offenbarung als Ganze in der Schrift aufgehen soll. Wenn man aber Offenbarung als das Vorausgehende und GrĂ¶ĂŸere erkennt, dann kann man es ruhig dabei belassen, dass es nur ein (kursiv im Text, Anm. C. V. O.), Materialprinzip gibt, das dennoch immer noch nicht das Ganze ist, sondern nur das Materialprinzip der ĂŒbergeordneten GrĂ¶ĂŸe Offenbarung, die in der Kirche lebt. Dann ergibt sich freilich auch, dass man die drei GrĂ¶ĂŸen Schrift – Überlieferung – Kirchliches Lehramt nicht statisch nebeneinander stellen kann, sondern als den einen lebendigen Organismus des Wortes Gottes betrachten muss, das von Christus her in der Kirche lebt“ (Ratzinger, J., Bemerkungen zum Schema „De fontibus revelationis“, in: ders., Zur Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils, Bd. 7/1 der Gesammelten Schriften, (Herder) Freiburg im Breisgau 2012, SS. 157-174, hier: S. 165).

Liest man diesen Passus flĂŒchtig und oberflĂ€chlich, mag seine Sprengkraft nicht sogleich ins Auge springen. Doch bedenkt man ihn genau, so sagt Ratzinger letztlich, dass Tradition ein eigentlich ĂŒberflĂŒssiges Hilfskonstrukt ist oder etwas weniger provokant formuliert, dass die Schrift in der Kirche nicht von der mĂŒndlichen Überlieferung und bestĂ€ndigen Praxis (consuetudo ecclesiae) flankiert, sondern von der stets grĂ¶ĂŸeren Offenbarung Gottes oder dem „Wort“ Gottes gleichsam umfangen wird und dass das jeweils gegenwĂ€rtige Lehramt dessen stets aktuelles Organ ist. Tradition kann so jedenfalls kein Maßstab mehr sein, an den das Lehramt gebunden und an dem die jeweils gegenwĂ€rtige Lehre und Praxis der Kirche zu messen ist. Vielmehr ist die Tradition der Kirche dann letztlich immer nur ihre jeweilige Gegenwart. Ein Konflikt der gegenwĂ€rtigen Lehre und Praxis der Kirche und insbesondere des Lehramts mit der Vergangenheit der Kirche kann dann formal prinzipiell gar nicht eintreten, ja ist bereits als Möglichkeit grundsĂ€tzlich ausgeschlossen. Das ist aber nichts anderes als ein versteckter, aber umso mehr auf die Spitze getriebener Lehramtspositivismus, den man sich kaum autoritĂ€rer und gegen jedes Kriterium immunisierter vorstellen kann.

Wenn dies das ist, was Papst Franziskus mit der „Unabgeschlossenheit theologischen Denkens“ meint, ist diese keineswegs ein Ausdruck liberaler Aufgeschlossenheit und geistiger Regsamkeit, sondern ein quasi absolutistischer Gestus, sich von jedem verbindlichen Inhalt zu emanzipieren und jedes logische und theologische Kriterium völlig unbekĂŒmmert hinter sich zu lassen. Das Skandalöse an einem solchen Konzept wird deutlich, wenn man es ganz praktisch herunterbricht: WĂ€re es tatsĂ€chlich zutreffend, wĂ€re jede Theologie als Wissenschaft unmöglich, der Austausch verschiedener inhaltlicher, theologischer Positionen von vornherein zumindest sinnlos. Dass wir davon nicht weit entfernt sind, wird zunehmend offenkundig. Beispielsweise an den Problemen, die Theologen bekommen, die die Hermeneutik der Reform ernstnehmen und ernsthaft inhaltlich substantiieren wollten.

Zum Traditionsbegriff im Motu Proprio Ecclesia Dei adflicta siehe grundlegend hier.

Eine unausweichliche Gewissensfrage

Nachdem zusĂ€tzlich deutlich wird, dass Summorum Pontificum kein Element oder erster Schritt zu einer Reform der Reform war, dass es eine solche nicht geben wird und dass sie wahrscheinlich nie substantiell-konkret beabsichtigt war, mĂŒssen sich diejenigen, die sich bisher fĂŒr ihre Treue zur ĂŒberlieferten Liturgie oder ihre Zuwendung zu ihr auf Summorum Pontificum gestĂŒtzt haben, ernstlich fragen, inwieweit die PrĂ€missen dieses Motu proprio in Zukunft noch akzeptabel sind und ob man dem Traditionsbegriff von Ecclesia Dei adflicta zustimmen kann, sobald man sich diesen einmal wirklich mit all seinen dogmatischen Implikationen bewusstgemacht hat.

Wenn der 21. September 2014 autoritĂ€re Sanktionen gegenĂŒber der Priesterbruderschaft St. Pius‘ X. und den Katholiken in ihrem Umfeld nach sich ziehen sollte und diese Maßnahmen dann als Druckmittel gegen die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften verwendet werden, sich endlich völlig stromlinienförmig und kritiklos gleichschalten zu lassen, sollten Kardinal MĂŒller und Papst Franziskus allerdings nicht vergessen, was solche autoritĂ€ren Sanktionen im umgekehrten Falle, dem Antimodernisteneid Pius‘ X., im Endeffekt tatsĂ€chlich genutzt haben. Und damit sind wir zurĂŒck beim heutigen 107. Jahrestag der Enzyklika Pascendi im „verflixten siebten Jahr“ von Summorum Pontificum und gespannt auf den 21. September 2014, nicht jedoch beunruhigt oder einzuschĂŒchtern.

Foto: Manipel – Bildquelle: Berthold Strutz

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