Ein „Haus des Lichts“. Die gotische Chorhalle des Aachener Domes ist 600 Jahre alt

Festwoche in Aachen vom 7. bis 14. September 2014.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 31. August 2014 um 13:29 Uhr
Aachener Dom

Aachen (kathnews). Seit 1978 ist er ein Weltkulturdenkmal und damit das erste deutsche Denkmal, das in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde, zugleich gehört er zu den ersten zwölf Kulturerben weltweit: der Aachener Dom.

In diesem Jahr feiert der Aachener Dom ein besonderes Jubiläum, genauer gesagt: ein Teil dieses architektonischen Meisterwerkes. Am 28. Januar 1414 wurde die gotische Chorhalle des Domes eingeweiht. Es war der 600. Sterbetag Karls des Großen, der seit dem 28. Januar 814 in der Aachener Marienkirche begraben ist. Die 600-Jahrfeier der gotischen Chorhalle fällt mit dem 1200. Todestag Karls des Großen zusammen, den die Stadt und Europa in diesem Jahr begehen. Höhepunkt des Karlsjahres ist eine Ausstellungstrias über Karl den Großen im Aachener Rathaus, im Stadtmuseum Charlemagne und in der Domschatzkammer. Kathnews hat hierüber ausführlich berichtet: Karlsjahr 2014  und Stadtmuseum Aachen

Ein architektonisches Meisterwerk: Der Aachener Dom, das „achte Weltwunder“

Der Aachener Dom ist ein „Patchwork“. So sagte mir einmal ein Gast aus Wiesbaden, dem ich voriges Jahr den Aachener Dom zeigte und erklärte. Der Vergleich ist nicht ganz unzutreffend, denn tatsächlich setzt sich die Aachener Marienkirche – Karl hat die berühmte Pfalzkapelle der Mutter Gottes geweiht – aus unterschiedlichen Elementen verschiedener Stilepochen zusammen: dem karolingischen Zentralbau, also der oktogonalen Pfalzkapelle, die eine markante Barockkuppel krönt und ein sechszehneckiger karolingischer Umgang umschließt, der hochgotischen Chorhalle im Osten, dem auf karolingischem Mauerwerk im Westteil ruhenden neogotischen Turm, dem aus gotischen Kapellen bestehenden und den Zentralbau umschließenden Kapellenkranz, aus dem die barocke Ungarnkapelle an der Südwestseite des Domes heraustritt. Letztere trat an die Stelle einer spätgotischen Kapelle, die der ungarische König Ludwig I. anlässlich seiner Königskrönung 1342 gestiftet hatte. Die gotische „Ungarnkapelle“ wurde jedoch durch den Stadtbrand von 1656 zerstört. Die auf den Mailänder Architekten Josef Moretti zurückgehende Barockkapelle dient heute als Aufbewahrungskapelle des Allerheiligsten und lädt die Gläubigen ein zur stillen Anbetung des unter der Brotsgestalt real und wesentlich gegenwärtigen Herrn.

Im Innern des Domes ziehen jeden Besucher die neobyzantinischen Mosaiken in den Bann, die dem Oktogon und seinem sechszehneckigen Umgang göttlichen Glanz und himmlische Schönheit verleihen. Dieses Ensemble („Patchwork“) unterschiedlicher Bau- und Stilelemente ist das Ergebnis einer jahrhundertealten Baugeschichte, in der sich die Aachener Pfalz- und Marienkirche von der Hof- und Grabeskirche Karls des Großen zur bedeutendsten Krönungs- und Wallfahrtskirche im Mittelalter entwickelte.

Krönungskirche des Sacrum Imperium Romanum

Nachdem schon in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts in der Aachener Pfalz Karls Sohn Ludwig der Fromme sich die Kaiserkrone aufs Haupt gesetzt hatte – den Moment hat Alfred Rethel in einem berühmten Fresko, das im Krönungssaal des Aachener Rathauses zu sehen ist, festgehalten – und Ludwigs Sohn Lothar I. zum Kaiser gekrönt worden war, begann mit der Krönung Ottos I. zum König im Jahr 936 die bis 1531 währende Krönungstradition in Aachen. Die Kirche, in der die Gebeine Karls des Großen, des Begründers des abendländischen Kaisertums nach dem Untergang des Römischen Reiches, liegen, wird die Krönungskirche der Könige des Sacrum Imperium Romanum, des Heiligen Römischen Reiches.  Außerdem entwickelte sich die Aachener Marienkirche im Mittelalter dank ihrer kostbaren Reliquien zu einem der bedeutendsten Pilgerzentren Europas.

Erweiterung der Pfalzkapelle durch die gotische Chorhalle. Vorbild: Sainte-Chapelle in Paris

Die aufwendigen Krönungszeremonien und die zahllosen Pilger führten in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu Überlegungen, den Zentralbau, das Oktogon, durch Annex- und Kapellenbauten zu erweitern. 1355 gab das damalige Aachener Stiftskapitel grünes Licht zum Bau der gotischen Chorhalle an der Ostseite des Oktogons. Dieser Annexbau in Form einer Saalkirche mit polygonalem Abschluss lehnt sich formal an Vorbilder wie die 1239-1248 im Auftrag Ludwigs des Heiligen in Paris errichtete Sainte-Chapelle an, die ebenfalls ein Aufbewahrungsort kostbarer Reliquien ist und königliche Palastkapelle war. Doch auch wenn die formale Nähe der Aachener Chorhalle zum Pariser Original erkennbar ist, sollte in Aachen nicht nur eine Kopie entstehen, sondern etwas Eigenes geschaffen werden. Das gilt übrigens auch vom karolingischen Oktogon, das sich bekanntlich vor allem an die Kirche San Vitale in Ravenna anlehnt (weitere Vorbilder für das Oktogon sind die Grabeskirche in Jerusalem, die oktogonale Kirche der Heiligen Sergio und Bachkos in Konstantinopel sowie die dekagonale Kirche St. Gereon in Köln).

Die höchsten gotischen Fenster von ganz Europa

Die Chorhalle des Aachener Domes wurde am 28. Januar 1414 anlässlich des 600. Sterbetages Karls Großen vom Lütticher Weihbischof – Aachen war damals noch kein Bistum und gehörte zum Bistum Lüttich – eingeweiht. Der gotische Chor hat eine Länge von 25 m und eine Breite von 13 m. Seine Höhe mißt 32 m. Die Außenwand ist weitestgehend in Fenster aufgelöst, die mit einer Höhe von 25,5 m als die höchsten gotischen Fenster in ganz Europa gelten.

Die sakralen Kleinodien der Aachener Chorhalle

Die mehr als 1.000 Quadratmeter Glasfläche dient gleichsam als gläserner Reliquienschrein für die Gebeine des 1165 in Aachen heiliggesprochenen Karl den Großen, die seit 1215 im Karlsschrein ruhen, und für die im Marienschrein aufbewahrten Aachener Heiligtümer. Des Weiteren befindet sich in der Chorhalle vor dem Karlsschrein seit Ende des 18. Jahrhunderts eine Gedenkplatte für das Grab Kaiser Ottos III., der sich im Aachener Dom in der Nähe Karls des Großen hat bestatten lassen. Zu den besonderen Kleinodien des Aachener „Glashauses“ gehören eine Strahlenkranzmadonna aus dem Jahr 1524. An der Südseite des ersten Chorjoches angebracht befindet sich der einzigartige Ambo Heinrichs II. aus dem beginnenden elften Jahrhundert, die sog. „Heinrichskanzel“. Sie ist ein Geschenk Heinrichs II., des Gründers des Bistums Bamberg, der im November 1002 nach seiner Krönung und Salbung in Mainz im Aachener Dom den Thron Karls des Großen bestieg.

Aachen lädt ein zur Festwoche „Haus des Lichts“

Unter dem Leitwort „Haus des Lichts“ feiern das Aachener Domkapitel und die Stadt Aachen vom 7. bis zum 14. September 2014 600 Jahre gotische Chorhalle des Domes. In einem Symposium anlässlich der Festwoche wird der Frage nachgegangen, wozu die Chorhalle errichtet worden ist. Zum Verständnis dieses bedeutenden Bauwerkes der Gotik in Europa werden unterschiedliche Forschungsansätze in einem interdisziplinären Symposium zusammengeführt.

Darüber hinaus wird im Aachener Dom bedeutende europäische Kirchenmusik von ihren Anfängen bis zur Neuzeit erklingen. Erstrangige europäische Spezialensembles und Künstler gastieren in der Karlsstadt. Bei ihren Darbietungen orientieren sie sich an den Kunstwerken der Chorhalle und der Pfalzkapelle Karls des Großen als Marien-, Krönungs- und Pilgerkirche.

Im einzelnen sieht das Programm der Aachener Festwoche wie folgt aus:

Sonntag, 07. September 2014

  • 10.00 Uhr Hochamt Igor Strawinsky (1882 – 1971) Messe für Chor und doppeltes Bläserquintett Vokalensemble Aachener Dom – Aachener Dombläser
  • 19.00 Uhr Klangwunder – Musik der Gotik und der Renaissance, gespielt auf historischen Kopien Gesprächskonzert Choralschola Aachener Dom, Harald Vogel, Bremen

Montag, 08. September 2014

  • 11.00 Uhr Die Orgel im Stundengebet Alternatim-Praxis im italienischen, französischen und süddeutschen Barock Gerhard Weinberger, München 19.00 Uhr L’ecole de Notre Dame – Die Musik der gotischen Kathedralen Ensemble officium, Heidelberg

Dienstag, 09. September 2014

  • 11.00 Uhr Licht im Klangspektrum der Orgel Michael Hoppe, Aachen
  • 19.00 Uhr Lilium Mittelalterliche Mariengesänge im Zeichen der Lilie Ensemble Cosmedin, Stuttgart

Mittwoch, 10. September 2014

  • 11.00 Uhr Kathedralfenster Sechs spätromantische Orgelmeditationen Stefan Engels, Leipzig
  • 19.00 Uhr Der Klang Europas Das gesungene Wort als universelle Sprache Ensemble Opella Nova, Dortmund

Donnerstag, 11. September 2014

  • 11.00 Uhr Apostelbilder Peter Wittrich (*1959) Fünf Orgelskizzen über die Charaktere der Apostel Petrus, Andreas, Judas Iskariot, Johannes und Paul Bernhard Buttmann, Nürnberg
  • 19.00 Uhr Pilgergesänge Auf dem Weg nach Santiago de Compostela ODO Ensemble, Cluny (Frankreich)

Freitag, 12. September 2014

  • 11.00 Uhr Das himmlische Jerusalem Olivier Messiaen (1908-1992) – „Les Corps Glorieux“   Sieben kurze Visionen über das Leben der Auferstandenen Eberhard Lauer, Hamburg
  • 19.00 Uhr Flos florum Maria im Strahlenkranz Ensemble Roselis, Lyon (Frankreich)

Samstag, 13. September 2014

  • 19.00 Uhr Gegenklänge Klangvisionen aus dem 15. und 20. Jahrhundert Studium Chorale, Maastricht (Niederlande)

Sonntag, 14. September 2014

  • 10.00 Uhr Musik im Gottesdienst Heinrich Isaac (1450 – 1517) – Missa paschale á 6 Aachener Domchor, Choralschola Aachener Dom, Ensemble Rabaskadol, Haarlem (Niederlande) Leitung: Domkapellmeister Berthold Botzet
  • 19.00 Uhr Engelskonzert Religiöse Allegorie oder Abbild der Musizierpraxis Ensemble Rabaskadol, Haarlem (NL)

Foto: Südostseite der gotischen Chorhalle des Aachener Domes – Bildquelle: Andreas Gehrmann