Ein Dissens und sein eigentlicher Konfliktgegenstand – Differenz im Traditionsbegriff oder vielmehr im Offenbarungsglauben?

Ein Kommentar von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 13. September 2014 um 23:53 Uhr
Alte Messe

Aus mehreren historischen Gr√ľnden und aus aktuellem Anlass habe ich am vergangenen 8. September an die Modernismus-Enzyklika Pascendi des heiligen Papstes Pius‘ X. erinnert, die vor genau 107 Jahren, am 8. September 1907, erschienen war und auf den 14. September 2014 vorausgeblickt, an dem es genau sieben Jahre sein werden, dass das Motu Proprio Summorum Pontificum in Kraft getreten ist.

Da am 21. September 2014 eine Zusammenkunft von Kardinal M√ľller und dem Generaloberen der Priesterbruderschaft St. Pius‘ X. bevorsteht, zu der Bischof Bernard Fellay nach Rom kommen wird und von diesem Treffen jedenfalls Klarheit √ľber die zuk√ľnftigen Verh√§ltnisse zwischen Rom und der Bruderschaft zu erwarten ist, bin ich in diesem Beitrag auf meine Kritik am Traditionsbegriff des Motu Proprio Ecclesia Dei adflicta (vor allem Nr. 4, aber auch Nr. 5b) zur√ľckgekommen und habe erneut auf zwei fr√ľhere Untersuchungen dazu hingewiesen. Es ist bekannt, dass es der damalige Pr√§fekt der Glaubenskongregation gewesen ist, der 1988 dieses Motu proprio inhaltlich konzipiert und vermutlich auch sehr weitgehend selbst formuliert hat. Seit 1981 hatte es ja in Rom auch niemanden gegeben, der mit der ‚ÄěCausa Lef√®bvre“ so vertraut gewesen w√§re wie Joseph Ratzinger.

Einwände

Leser meiner Beitr√§ge werden der Kritik am Traditionsbegriff von Ecclesia Dei adflicta vielleicht entgegenhalten, ein Motu Proprio sei ein so niedrigrangiges p√§pstliches Dokument, dass man nicht darauf zur√ľckgreifen werde, um den doktrinellen Hiatus zwischen der nachkonziliaren Kirche und den katholischen ‚ÄěTraditionalisten“ zu kennzeichnen. Diesem Einwand bin ich ebenfalls bereits vor √ľber zwei Jahren mit der Erwiderung begegnet, dass es sich ja bei Ecclesia Dei adflicta Nr. 4 um ein Zitat aus der Dogmatischen Konzilskonstitution √ľber die G√∂ttliche Offenbarung, n√§mlich aus DV 8, handelt: Offenbarungsverst√§ndnis und Traditionsbegriff der Dogmatischen Konstitution Dei Verbum. Ich bin √ľberzeugt, dass es aktuell hochgradig wichtig ist, den im damaligen Beitrag zusammengestellten und gedeuteten Fakten jetzt und der gesamten, darin behandelten Thematik auch in der weiteren Zukunft besondere theologische Aufmerksamkeit zuzuwenden. Nicht zuf√§llig ist das Zitat, dem ich in ‚ÄěRemember September“ eine Schl√ľsselfunktion f√ľr das Verst√§ndnis der Problematik gegeben habe, ‚ÄěBemerkungen zum Schema De fontibus revelationis“ entnommen, und ebensowenig zuf√§llig stammen diese von Joseph Ratzinger.

Es soll nun aber nicht so aussehen, als wolle ich ihm allein die Verantwortung f√ľr einen zumindest unklaren und missverst√§ndlichen Traditionsbegriff zuschreiben, den man m√∂glicherweise in Zukunft als den offiziell verbindlichen definieren wird, weil man ganz genau wei√ü, dass die ‚ÄěLefebvrianer“ und – wenn sie konsequent sind – alle in der Kirche, die der Tradition derselben nicht blo√ü aus sentimentaler Nostalgie und unverbindlicher Vorliebe, sondern als dogmatischem Fundament verbunden sind, ihn nicht akzeptieren k√∂nnen, ohne der eigenen theologischen Position und Reaktion auf die nachkonziliaren √Ąnderungen selbst jede theologische Grundlage und argumentative Glaubw√ľrdigkeit zu entziehen.

Identität in Wandel und Bewährung

Die Zustimmung, die ich gemeinsam mit vielen anderen dem Kontinuit√§tsverst√§ndnis Joseph Ratzingers w√§hrend des Pontifikats Benedikts XVI. gegeben habe, m√ľssen wir nicht revidieren oder als falsch v√∂llig zur√ľcknehmen. Es enth√§lt weitgehend und zahlreich wertvolle Elemente, die g√ľltig bleiben, vor allem das Konzept organischen Werdens, das abrupte Entwicklungsspr√ľnge und widerspr√ľchliche, pl√∂tzliche Br√ľche grunds√§tzlich ausschlie√üt. Wiederholt bedient sich Ratzinger dazu Metaphern aus der T√§tigkeit eines G√§rtners, der nat√ľrlich auch Garten und Pflanzen pflegen muss, indem er Unkraut j√§tet, abgestorbenes Ge√§st entfernt und Triebe beschneidet. Freilich, √ľber die Frage, was im √ľbertragenen Sinne Wucherungen sind und was √ľppige Vegetation, gibt es in der Kirche sicherlich kontroversere Diskussionen als in der Botanik und im Gartenbau, aus denen das Gleichnis √ľbertragen ist.

Gewebemetapher als Kontinuität und Auflösung der Tradition im bezugslosen Augenblick?

Von Yves Congar √ľbernimmt Ratzinger zus√§tzlich jedoch auch ein mehr mechanisch-handwerkliches Bild f√ľr das ‚ÄěLeben“ der Kirche, das eines textilen Gewebes, beziehungsweise das der T√§tigkeit des Webens. In seiner Arbeit ‚ÄěZur Theologie des Konzils“ (in: Ratzinger, J., Zur Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils, Bd. 7/1 der Gesammelten Schriften, (Herder) Freiburg im Breisgau 2012, SS. 92-120) zitiert Joseph Ratzinger Congar wie folgt: ‚ÄěZun√§chst musste die Webkette gespannt werden, die jedoch noch des Einschussfadens bedurfte. Von nun an wird sich die Kirche wie ein Gewebe bilden und sich aufbauen durch diese beiden Faktoren: die apostolische Kette, die sie im Zusammenhang mit Christus f√ľgt, und der Einschussfaden, der Tag f√ľr Tag das Leben hinzubringt, das die Geistesgaben in den Seelen erweckt haben“ (Congar zitiert bei Ratzinger, J., a. a. O., S. 95). Gleich darauf schlie√üt Ratzinger seine Interpretation dieses Zitates an: ‚ÄěBeides, die Kette und der Faden, die Struktur (das Knochenger√ľst) und das Leben, das Lehren und das H√∂ren haben ihre echte und unumg√§ngliche Funktion.“ Die Aussagen klingen nicht verf√§nglich, sondern sogar fromm, aber trotzdem sind sie nicht spirituell-poetisch, sondern dogmatisch oder immerhin hermeneutisch sogar sehr verf√§nglich, vor allem, wenn man hinzunimmt, was Ratzinger einen Satz weiter sagt: ‚ÄěDie geistigen Grundgegebenheiten in der Welt k√∂nnen nur (!, Betonung C. V. O.) dadurch bestehen, dass jede Generation sie neu mit ihrem Blut durchtr√§nkt (ebd., S. 95). Ratzinger verschr√§nkt hier also zwei sprachliche Bilder, das des Webens, von Kette und Einschussfaden, das er von Congar bezieht, mit dem eines lebendigen K√∂rpers oder Organismus. Ein √úbergang, den er schon mit der Parenthese ‚Äědas Knochenger√ľst“ vorbereitet hat. Was auf den Organismus bezogen zutrifft, dass er nur so lange lebt und lebensf√§hig ist, als er durchblutet wird, stimmt strenggenommen gerade nicht f√ľr die Webkette. Das Muster eines Gewebes wird ausschlie√ülich (!) bestimmt durch den Einschussfaden. Bewegt man sich in diesem Bild, so ist also sogar die Aussage gef√§hrlich, dass die Einschussf√§den auf der Kette; dass das ‚ÄěLeben“ der Kirche auf der Tradition beruht, eben, weil die Kette nichts (!) zu Muster und Erscheinungsbild des Gewebes beitr√§gt. Als Vollzug ist ‚Äělebendige“ Tradition dann nur noch der momentane Augenblick der Kirche – nicht mehr ihre Herkunft, ihr Ursprung und ihr Bezugspunkt und auch nicht ihr Ma√üstab f√ľr die Zukunft, wie ich bereits in ‚ÄěRemember September“ das dortige Ratzingerzitat zuzuspitzen versucht habe.

Dass ich ihn nicht missverstehe oder √ľbelwollend missdeute, best√§tigt Ratzinger selbst, wenn er gegen Ende von ‚ÄěZur Theologie des Konzils“ sagt: ‚ÄěDer t√§gliche Glaube der schlichten Menschen in der Kirche liefert den Einschussfaden f√ľr den g√∂ttlichen Webstuhl der Kirche, der ohne diesen Faden des t√§glichen n√ľchternen Lebens aus dem Glauben der Kirche ein leeres, klapperndes Ger√ľst bedeuten w√ľrde“ (ebd., S. 119 f). Auch dies klingt fromm und erbaulich, ist aber, wenn man hinter die Poesie blickt, nicht weniger einer Deutung zug√§nglich, in der die Aussage sozusagen den bereits mehrfach kritisierten strikten Lehramtspositivismus erg√§nzt und ausgleicht, n√§mlich durch √úberwindung n√ľchterner Theorie und und der hinderlichen Zw√§nge eines trockenen Dogmatismus durch das ‚ÄěLeben“ an der sogenannten ‚ÄěBasis“. Diese Tendenz steht hinter der Erwartung, die bevorstehende Bischofssynode oder jedenfalls der Papst selbst h√§tte die Kompetenz, die Zulassungsvoraussetzungen zum Kommunionempfang und die Unaufl√∂slichkeit der Ehe der von der Lehre der Kirche schuldhaft oder unverschuldet abweichenden ‚ÄěLebenswirklichkeit“ vieler Ehepaare mit einem simplen Federstrich leichthin anzupassen. ‚ÄěLebendige Tradition“, der ein solcher Sinn gegeben w√ľrde, w√§re Modernismus in Reinkultur, kann also nicht Kriterium des Katholischen werden, sondern schlie√üt die Katholizit√§t dezidiert aus.

Foto: Alte Messe – Bildquelle: Marianne M√ľller

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