Die Braut Christi mit ihren vielfältigen Gesichtern – Sondierung von Querida Amazonia und Auswertung

Teil 8: Ausklang von Kapitel IV – Themenkreis Dialog mit anderen Christen und Religionen, Schluss: Marianischer Weg im Amazonasgebiet – Resümee der Artikelreihe. Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 19. März 2020 um 21:56 Uhr
Papst Franziskus

Als das Erscheinen des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens im Anschluss an die Amazonassynode noch erwartet wurde, veröffentlichte ich zum Fest Maria Lichtmess den Beitrag Verfügbarkeit und Hingabe – Synodaler Weg und Mariens Tempelweg. Liest man diesen in der Rückschau nochmals, bestätigt sich, dass bereits darin einige Akzente vorweggenommen werden konnten, die sich dann in QA und in unserer ziemlich detailierten Beschäftigung damit gezeigt haben. In ganz spezieller Weise gilt das für die Beziehung des Bräutigams zur Braut in Ordo und Eucharistie, die in QA als Begründung dafür hervortritt, dass Papst Franziskus weder eine Lockerung der Zölibatspflicht noch sakramentale Weiheämter für Frauen einschließlich eines Diakoninnenamtes in Aussicht stellt.

Übrigens sprach dieser Beitrag vom 2. Februar 2020 auch schon die Lateinische Kirche als Partikularkirche an, welche die originäre und ideale Verbindung von Zölibat und Ordo prinzipiell stets in ihrer ursprünglichen Verbindlichkeit bewahrt habe und gerade deshalb wahrscheinlich als Gabe und Zeugnis der Lateinischen Kirche an die Gesamtkirche von Papst Franziskus auch in Zukunft beibehalten bleiben werde. Ohne deswegen die Prophetengabe zu beanspruchen, lässt sich feststellen, dass QA allem Anschein nach auch diese Vermutung im nachhinein als zutreffend bejaht. Bei seiner Veröffentlichung trug das Dokument dann passend das Datum des 2. Februar 2020. Außerdem hatten wir damit ebenso die Betonung vorweggenommen, die QA ganz allgemein auf Ortskirchlichkeit und auf eine legitime Individualität von Teilkirchen legt.

Eine weitere Vorbereitung der hier vorgenommenen Auswertung bot am 15. Februar 2020 der Beitrag Synedrion und Ekklesia – Identifikation oder Differenz?. Zu diesem Zeitpunkt war QA bereits seit drei Tagen inhaltlich bekannt und musste man also kein Hellseher mehr sein, um das Eucharistie und Ortskirchen verbindende inkarnatorische Prinzip zu erraten, das die Argumentation von QA wie ein Ariadnefaden durchzieht. Deshalb konnte aber das Augenmerk bereits vorbeugend auf das rechte Verständnis von Synodalität in der Kirche gelenkt werden.

Kirche als Eucharistiegemeinschaft – Synodalität in der Kirche

Gewiss hatten wir uns vorgenommen, gerade die Passagen von QA zu untersuchen, denen anderweitig zu wenig Beachtung geschenkt werden würde. Trotzdem hat sich ergeben, dass dabei zahlreiche Abschnitte zu sichten waren und zur Sprache gekommen sind. Immerhin musste ab dem 21. Februar 2020 bis heute einschließlich eine achtteilige Artikelreihe ausgearbeitet und vorgelegt werden, um alle Themenkreise und Aspekte abdecken zu können. Um dabei Lesefreundlichkeit und Übersichtlichkeit zu wahren, wurde Teil 7 zudem sogar nochmals vierfach untergliedert, erschien also als Teil 7/1-7/4. Nimmt man noch die beiden Beiträge vom 2. und 15. Februar, also im Vorfeld dieser Reihe, mit hinzu, sind folglich insgesamt dreizehn Beiträge erschienen, die sich mit QA befassen.

Das erwähne ich deshalb, weil es bemerkenswert ist, dass Papst Franziskus in allen Abschnitten seines Lehrschreibens, die im Rahmen dieser Reihe Die Braut Christi mit ihren vielfältigen Gesichtern zitiert oder paraphrasiert und behandelt wurden, nur ein einziges Mal von einer synodalen Kirche spricht, und auch da eigentlich nur beiläufig in QA 103, nämlich im Zusammenhang mit Diensten und Ämtern, die nicht die heiligen Weihen erfordern und daher auch der Frau zugänglich sein können sowie von der Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen im organisatorischen Bereich handelt.

Wie herausgearbeitet werden konnte, gibt es nach katholischem Verständnis eine synodale Kirche nicht, sehr wohl aber Synoden oder auch Synodalität in der Kirche. Sie bezeichnet kein Wesensmerkmal, sondern ein Instrument und eine Funktion, deren sich die Kirche bedienen kann. Papst Franziskus zieht es selbst vor, von Synodalität zu sprechen, deswegen ist die Formulierung in QA 103 vielleicht nicht auf die Goldwaage zu legen. Wenn aber die nächste Synode für 2022 angekündigt ist und dann unter das Motto Für eine synodale Kirche gestellt werden soll, ist das eine durchaus bedenkliche Unbedachtheit und Leichtfertigkeit in der Ausdrucksweise. Doch ehe schon die nächste Synode in Aussicht genommen wird, seien noch die letzten Abschnitte aus QA in Augenschein genommen.

Thematisch werden die Fragekreise

Innerchristliche Ökumene und interreligiöser Dialog bloß angeschnitten

Die Knappheit, mit der dies geschieht, überrascht, und sie tut es beinahe auf wohltuende Art und Weise. Zuerst sagt QA 107: „Wir Katholiken besitzen in der Heiligen Schrift einen Schatz, den andere Religionen nicht annehmen, auch wenn sie manchmal mit Interesse darin lesen und sogar einige ihrer Inhalte schätzen lernen. Wir versuchen etwas Ähnliches zu tun im Blick auf die heiligen Texte anderer Religionen und Religionsgemeinschaften, deren ‚Vorschriften und Lehren […] nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet‘. Wir haben ebenso einen großen Reichtum in den sieben Sakramenten, die einige christliche Gemeinschaften nicht in ihrer Gesamtheit oder im gleichen Sinne annehmen. Wir glauben fest an Jesus als den einzigen Erlöser der Welt, gleichzeitig hegen wir eine tiefe Verehrung für seine Mutter. Obwohl wir wissen, dass dies nicht bei allen christlichen Konfessionen der Fall ist, fühlen wir uns verpflichtet, Amazonien den Reichtum dieser herzlichen mütterlichen Liebe zu vermitteln, als deren Hüter wir uns fühlen. Und so werde ich dieses Schreiben dann mit einigen Worten an Maria beschließen.“

Der Heilige Vater zitiert hier die Erklärung Nostra aetate 2, betont aber vor allem sehr ergreifend die Fülle des sakramentalen Lebens aus der Siebenzahl der Sakramente, Jesus als den einzigen Erlöser der Welt im katholischen Glauben und die damit verbundene Verehrung Mariens. Diesen Aspekt wird Franziskus im Ausklang seines Schreibens speziell auf Amazonien anwenden, zuerst betont er noch unmissverständlich in QA 109 diesen Glauben an die Einzigkeit Jesu Christi und an die von ihm bewirkte Erlösung als den eigentlichen Beweggrund zu Ökumene und Mission gleichermaßen:

„Alle Christen sind wir eins im Glauben an Gott, den Vater, der uns das Leben schenkt und uns so sehr liebt. Uns verbindet der Glaube an Jesus Christus, den einzigen Erlöser, der uns mit seinem heiligen Blut und seiner glorreichen Auferstehung befreit hat. Uns eint die Sehnsucht nach seinem Wort, das unsere Schritte leitet. Uns eint das Feuer des Geistes, das uns zur Mission antreibt. Uns verbindet das neue Gebot, das Jesus uns hinterlassen hat, die Suche nach einer Zivilisation der Liebe, die Leidenschaft für das Reich, das mit ihm zu errichten der Herr uns ruft. Uns eint der Kampf für Frieden und Gerechtigkeit. Uns eint die Überzeugung, dass nicht alles mit diesem Leben einmal endet, sondern dass wir zum himmlischen Festmahl berufen sind, wo Gott alle Tränen trocknen und entgegennehmen wird, was wir für die Leidenden getan haben.“

Indigene Inkulturation eines Per Mariam ad Iesum: Maria als Mutter des Lebens und Königin der Schöpfung statt Pachamama

Mit QA 111 endet die Apostolische Exhortation im Anschluss an die Amazonassynode, und wenn man sie mit dem Amazonasstrom vergleicht, dann mündet sie gleichsam ein in ein Mariengebet, in dem Maria als die neue Eva erscheint und als Mutter des Lebens angerufen wird. Dieses Gebet vertraut Amazonien Maria an und erklärt sie zur Königin der ganzen Schöpfung, zur Mutter aller Kreatur.

Der Wortlaut von QA 111 sei vollständig angeführt: „Nachdem ich einige Visionen geteilt habe, ermutige ich alle, auf konkreten Wegen weiterzugehen, die die Realität des Amazonasgebietes verwandeln und es von den Übeln, die es heimsuchen, befreien können. Richten wir nun unseren Blick auf Maria, die Christus uns zur Mutter gegeben hat. Obgleich sie die eine Mutter aller ist, zeigt sie sich in Amazonien auf verschiedene Weisen. Wir wissen, dass ‚die Indigenen auf vielfältige Weise in lebendiger Beziehung zu Jesus Christus stehen; aber vor allem der marianische Weg hat zu dieser Begegnung geführt‘. Angesichts der Schönheit des Amazonasgebiets, die wir bei der Vorbereitung und Durchführung der Synode immer mehr entdecken durften, halte ich es für das Beste, dieses Schreiben mit einem Gebet zur Gottesmutter zu beschließen:

Mutter des Lebens,
in deinem mütterlichen Schoß nahm Jesus Gestalt an,
er, der Herrscher über alles Seiende.
Als der Auferstandene hat er dich mit seinem Licht verwandelt
und zur Königin der ganzen Schöpfung gemacht.
Deshalb bitten wir dich, Maria,
herrsche im pochenden Herzen Amazoniens.

Zeige dich als Mutter aller Kreatur,
in der Schönheit der Blumen, der Flüsse,
des großen Flusses, der dieses Gebiet durchzieht,
und all dessen, was sich in seinen Wäldern regt.
Beschütze mit deiner Liebe diese überbordende Schönheit.

Bitte Jesus, dass er seine ganze Liebe ausgieße
über die Männer und Frauen, die dort leben,
damit sie fähig werden,
diese Schönheit zu bewundern und zu bewahren.

Gib, dass dein Sohn in ihren Herzen geboren wird,
damit er in Amazonien,
in seinen Völkern und Kulturen erstrahle
mit dem Licht seines Wortes, mit dem Trost seiner Liebe,
mit seiner Botschaft der Brüderlichkeit und Gerechtigkeit.

Gib, dass auch bei jeder Eucharistiefeier
sich in uns so großes Staunen regt
über die Herrlichkeit des Vaters.

Mutter, sieh auf die Armen Amazoniens,
denn ihre Heimat wird weiter zerstört
für schäbige Interessen.
Wie viel Schmerz und Elend,
wie viel Verwahrlosung und Rücksichtslosigkeit
in diesem reich gesegneten Land
übervoll von Leben!

Rühre die Mächtigen in ihrem Empfinden an,
denn, obgleich wir das Gefühl haben, es sei zu spät,
rufst du uns zu retten,
was noch am Leben ist.

Mutter mit durchbohrtem Herzen,
die du in deinen gedemütigten Kindern
und in der verwundeten Natur leidest,
herrsche du in Amazonien
zusammen mit deinem Sohn.
Herrsche du, auf dass sich keiner mehr
als Herr des Werkes Gottes fühle.

Auf dich vertrauen wir, Mutter des Lebens,
verlass uns nicht
in dieser dunklen Stunde.
Amen.

Im Verlauf der Beschäftigung mit QA wurde der Hinweis gegeben auf den Zusammenhang zwischen Ästhetik und Kontemplation. Während der Papst bis hierher immer wieder Gedichtzitate anderer in sein Lehrschreiben eingelochten hat, wird er in diesen dichterischen Gebetszeilen selbst zum aktiven Poeten, setzt sich also unmittelbar das durch, was wir als poetisches Lehramt bezeichnet haben.

Der in QA 111 zitierte marianische Weg der Indigenen zur Begegnung mit Jesus hilft, die Sprache dieses Gebets besser zu verstehen. Schaut man sich die Aussagen etwas näher an, bemerkt man, dass in ihnen die Inkulturation gelingt, die durch bloß äußerliche Bezugnahme auf Pachamama und den Einbezug ihrer Bildnisse während der Synode nicht zu erreichen war und sogar als destruktive Provokation angekommen ist.

Übergang von Mutter Erde und Pachamama zu Maria

Das Gebet überträgt eine Reihe von Attributen und Eigenschaften der Pachamama auf die Allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria. Fragt man sich, ob es nicht doch auch in der bildenden Kunst eine Möglichkeit geben könnte, diese Inkulturation gelingen zu lassen, denkt man unwillkürlich an den nicht allzu häufigen, aber dennoch klassischen Typus der Maria lactans in der Darstellung Mariens: die Gottesmutter, die dem neugeborenen Jesusknaben, der vielleicht die Weltkugel in seinen Ärmchen hält, die Mutterbrust reicht, ihn mit der Muttermilch nährt.

Zusammenfassung und inhaltliches Resümee

Fasst man abschließend die Auswertung von QA in einer Art Resümee zusammen, so ist als erstes das inkarnatorische Prinzip in Erinnerung zu rufen, durch das einerseits die Individualität der Ortskirchen gestärkt wird, das aber andererseits vor allem für eine eucharistische Kirche steht und damit für ein Weihesakrament in der Beziehung des Bräutigams zur Braut sowie insgesamt für eine dienende Kultur in der Kirche, die von der Menschwerdung her von der forma Servi geprägt wird.

Vielfältige Gesichter der Braut Christi bei Franziskus – Eröffnung patriarchaler Räume bei Benedikt

Wenn die Braut Christi in den Orts- und Teilkirchen vielfältige Gesichter erhalten darf, ist schließlich daran zu denken, dass Benedikt XVI. als Papst nicht nur für sich persönlich den Titel Patriarch des Westens abgelegt hat. Schon als junger Theologe unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil spielte Joseph Ratzinger mit dem Gedanken der Möglichkeit, zwar nicht neue Patriarchate zu bilden, wohl aber neue patriarchale Räume zu schaffen, in denen Teilkirchen eine größere liturgische und auch disziplinarische Eigenständigkeit gewinnen könnten. Gewissermaßen könnte man die Abschaffung des Patriarchats des Westens dahingehend verstehen, so könnte man es jedenfalls deuten, Platz für patriarchale Räume schaffen.

Wie schon erwähnt, hat Benedikt XVI. dazu mit den Personalordinariaten für gewissermaßen unierte Anglikaner eine Art Versuchsballon gestartet. Mit QA steht eine Umsetzung dessen für die Gesamtkirche sicher nicht unmittelbar bevor, erhält aber für eine mittel- und langfristige Verwirklichung konkret Bezugspunkt und Grundlage. Größere Freiräume zur Eigenständigkeit zu schaffen, bedeutet aber mit Franziskus nicht, den verbindlichen Boden des Dogmas zu verlassen. Es hat sich bei allen Schritten, die wir beim Durchgang durch QA nachvollzogen haben, stets erwiesen, dass Franziskus in den entscheidenden Punkten theologisch sicherlich nicht besonders originell oder spekulativ argumentiert, dafür aber solide biblisch, im guten Sinne einfach nach Art der klassischen Katechismen und an ausschlaggebenden Stellen für einen Jesuiten auch immer wieder überraschend thomistisch.

Josephsfest und Jahrestag der Inauguration von Papst Franziskus

Dieser Abschluss unserer Annäherung an QA erscheint am Josephsfest, am Fest dessen, der der Jungfrau und dem Kinde als Bräutigam und Pflegevater zur Seite gestellt war und Schutzherr der ganzen Kirche ist.

Mit der Nardenblüte trägt Papst Franziskus ein Symbol in seinem Wappen, das auf Joseph verweist, und der heutige 19. März ist der siebte Jahrestag der Amtseinführung des regierenden Heiligen Vaters und soll daher mit einem Gebet für ihn ausklingen:

Gott, Du Hirt und Lenker aller Gläubigen, schau gnädig auf Deinen Diener Franziskus, von dem du wolltest, dass er als Hirte Deiner Kirche vorstehe; gib ihm, so bitten wir, dass er durch Wort und Beispiel denen nütze, denen er vorsteht, damit er zusammen mit der ihm anvertrauten Herde zum ewigen Leben gelange. Darum bitten wir durch Jesus Christus, unsern Herrn. Amen.

Foto: Papst Franziskus – Bildquelle: Kathnews