Synedrion und Ekklesia – Identifikation oder Differenz?

Eine Vorbemerkung zu einer n√§heren Sichtung von ‚ÄěQuerida Amazonia‚Äú. Von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 15. Februar 2020 um 08:22 Uhr
Petersdom

Unstrittig gibt es in der Kirche synodale Strukturen. Es gibt auch Gemeinschaften, die sich selbst als Kirchen verstehen, in denen dieses Element so stark empfunden wird, dass es zu einer Gleichsetzung von Kirche und Synode kommt. Das ist in protestantischen Gemeinschaften der Fall, am stärksten vielleicht in der Church of England. Auf gewisse, jedoch wieder eigene Art, schwingt es in den orthodoxen Nationalkirchen mit, wird dort allerdings irgendwie auch wieder durch den Stellenwert der Liturgie ausgeglichen.

Ist es aber f√ľr die katholische Kirche zutreffend, kann man (oder Papst Franziskus oder diejenigen, die sich daf√ľr gern auf ihn berufen) sagen, Kirche und Synode seien Synonyme?

Wer so fragt, der wird auf die beiden griechischen Begriffe Synedrion und Ekklesia sto√üen, die beide Versammlung bedeuten. F√ľr die Kirche ist es fraglos konstitutiv, Versammlung zu sein. Deswegen hat auch Joseph Ratzinger an beide Begriffe angekn√ľpft. Er stellt die Frage im Rahmen seines Beitrages ¬†‚ÄěZur Theologie des Konzils‚Äú, der in Teilband 7/1 der Gesammelten Schriften, S. 92-120, greifbar ist. Eine sachbezogen-theologische Begr√ľndung daf√ľr, von diesen beiden Begriffen auszugehen, ¬†sieht Ratzinger in der zweifachen Vergegenw√§rtigung des Heilswortes und Heilswerkes in der Kirche.

Inkarnatorisches Prinzip von Eucharistie und (Orts-)Kirche, synodales Missverständnis

Im Synedrion eines Konzils (und entsprechend einer Synode) vollzieht sich die Gegenw√§rtigsetzung des Offenbarungswortes ins Heute der Ekklesia und durch sie in der Welt. In der Ekklesia selbst aber ist es die Eucharistie, so Ratzinger, die die Gegenw√§rtigsetzung des fleischgewordenen Wortes bewirkt (vgl. a. a O., S. 93). Beides, Synedrion und Ekklesia bedeutet¬† Versammlung, und daher winkt die Verlockung, sie miteinander gleichzusetzen. Die sprachliche Unterscheidung gebietet indes, zu differenzieren: ‚ÄěDas Konzil (hier muss stets Synode mitklingen, und im Lateinischen wird f√ľr Konzil tats√§chlich ja auch immer wieder Synodus gebracht, Anm. CVO) ist Synedrion, nicht Ekklesia. Beides sind qualitativ voneinander verschiedene Formen von Versammlung. Jede eucharistische Versammlung hei√üt Ekklesia und ist es; jede Ortskirche hei√üt und ist Ekklesia, weil sie immer daraufhin besteht, sich als Ekklesia, in der Gemeinschaft des ‚ÄöBrotbrechens‚Äė¬† zu versammeln. Aber das Konzil hei√üt nicht Ekklesia, es hei√üt Synedrion, es stellt nicht Kirche dar, es ist nicht die Kirche, wie jede Eucharistiefeier es hingegen ist, sondern es ist ein bestimmter Dienst in ihr‚Äú(a. a. O., S. 107, Hervorhebung kursiv, CVO).

Will man diesen Befund griffig zusammenfassen, k√∂nnte man sagen, dass in der Sichtweise und Argumentation Ratzingers eine f√§lschliche Identifikation von Synedrion und Ekklesia zu einem synodalen Missverst√§ndnis der Kirche und ihrer konstitutiv vorgegebenen Verfassung f√ľhrt, wohingegen die erforderliche Differenzierung zu einem eucharistisch-ekklesialen¬† Verst√§ndnishorizont der Kirche anleitet, die nicht Synedrion ist,¬† in der vielmehr es die Funktion des Synedrion gibt: ‚ÄěDaraus (…) folgt, dass der Radius des Konzils weit enger ist als der der Kirche insgesamt. Das Konzil ist seinem Wesen nach eine beratende und beschlie√üende Versammlung, es √ľbt eine Aufgabe der Leitung aus, hat Ordnungs- und Gestaltungsfunktion. (…) Die Kirche ist dagegen nicht eine Ratsversammlung, sie ist ihrem Wesen nach die Versammlung um das Wort und um den zur Speise gewordenen Herrn, die vorweggenommene Teilhabe an Gottes Hochzeitsmahl. Das, was sie in ihrem eigentlichen Wesen ist, gemeinsamer Festtisch Gottes und Gegenw√§rtigsetzung des Wahrheitswortes Gottes, das vergeht nicht, sondern das weist √ľber diese Welt hinaus und kommt, wenn sie zerf√§llt, erst zu seiner Erf√ľllung‚Äú (a. a. O., S. 106f).

Auf den Punkt gebracht: Ekklesia ist nicht Synode, sondern Eucharistiegemeinschaft. Diese ist nicht Ort von Machtaus√ľbung, sondern als Vorwegnahme des Himmlischen Hochzeitsmahles ein br√§utliches Geschehen, Kommunikation von Br√§utigam und Braut. Hierin liegen Ursprung und Begr√ľndung der origin√§ren Verkn√ľpfung von Ehelosigkeit und Amtspriestertum, ein Ideal, das die Lateinische Kirche insgesamt und grunds√§tzlich stets bewahrt hat und das Papst Franziskus nunmehr als die spezifische Gabe der Lateinischen Kirche an die Gesamtkirche best√§tigt. Deswegen auch ist die Kirche Braut und Mutter und die zur Eucharistie versammelte Gemeinde weiblich. Das Sakrament des Ordo bildet deshalb in Diakon ‚Äď Priester ‚Äď Bischof ein Gegen√ľber der Repr√§sentanz des Br√§utigams, die Konkretheit der Menschwerdung bedingt die Unabdingbarkeit des Mannes als Empf√§nger und Tr√§ger des Ordo-Sakramentes in allen seinen Stufen. Die Formulierung einer ontologischen Verkn√ľpfung von Ehelosigkeit und Priestertum war allerdings ihrerseits missverst√§ndlich und √ľberzogen und dem Anliegen nicht dienlich. Kritisch ist √ľberhaupt zu fragen, ob nicht schon viel zu lange der Z√∂libat selbst von denen, die ihn akzeptieren und pers√∂nlich ehrlich leben wollen und auch generell bef√ľrworten, weniger als Geschenk und Gabe verstanden und entgegengenommen, vielmehr blo√ü noch irgendwie in Kauf genommen wurde in einer atmosph√§rischen Erwartung seiner Lockerung oder g√§nzlichen Aufhebung in der n√§heren oder ferneren Zukunft.

Schlagwort Synodalität bei Papst Franziskus

Die altliturgische, synodal-ekklesiale Identifikation von Konzil (oder Synode) und Kirche, die Papst Franziskus mit dem angeblichen Wesenselement der Kirche: Synodalit√§t¬† zu behaupten schien, hat Hoffnungen geweckt oder wiederum Missverst√§ndnisse beg√ľnstigt, die jetzt zu Entt√§uschungen f√ľhren mussten.

Die hiermit angek√ľndigte, n√§here Sichtung der Nachsynodalen Apostolischen Exhortation Querida Amazonia wird Aspekte des Schreibens in den Blick nehmen, die dem Spannungsverh√§ltnis Synedrion ‚Äď Ekklesia ¬†zu seinem Recht verhelfen, ¬†das bisher jedoch, sei es durch die (vorl√§ufige?) Ern√ľchterung, sei es von der momentanen Erleichterung, die angesichts von Querida Amazonia empfunden werden, √ľberlagert wird. Dabei wird sich zeigen, dass jedenfalls das Konzept des deutschen Synodalen Weges dieses Spannungsverh√§ltnis nicht versteht und ebenso unberechtigt Papst Franziskus f√ľr sich vereinnahmen will, wie es auf perfid subtile Weise die eigenen Herausforderungen der Ortskirchen im Amazonasbecken und ihrer katholischen Christen f√ľr sich instrumentalisieren will. Letztlich eine ideologische Neuauflage von Kolonialisierung und Versklavung, gegen die sich Papst Franziskus¬† in Querida Amazonia deutlich ausspricht.

Foto: Petersdom РBildquellle: Emilio García, CC

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