Wie Frankfurt am Main durch einen Zufall Krönungsort wurde

600 Jahre lang war Aachen der Krönungsort des Heiligen Römischen Reiches. In der "Goldenen Bulle" von 1356 hat Karl IV. Aachen als Krönungsort reichsrechtlich festgelegt. Doch durch einen Zufall sollte sich das ändern. Von Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 30. Oktober 2020 um 11:57 Uhr
Bildquelle: Gero P. Weishaupt - Privatarchiv

Aachen (kathnews). Genau vor einer Woche öffnete das Centre Charlemagne, das Aachener Stadtmuseum, die Sonderausstellung zur 500-Jahrfeier der Krönung Karls V.. In Anspielung auf die Finanzierung seiner Wahl, vor allem durch Jacob Fugger von Augsburg, gaben die Organisatoren der Ausstellung den Titel „Der gekaufte Kaiser“.

Wieder ein Karlsjahr

Mit dem Jubiläum der Krönung Karls V. vor 500 Jahren veranstaltet die Stadt Aachen erneut ein Karlsjahr, das 2021 mit einer großen Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum über Albrecht Dürer seinen Höhepunkt erreicht. Der Nürnberger Maler hielt sich zur Zeit der Krönung Karls V. in Aachen auf. Im Jahr 2014 erinnerte die Stadt mit einer Trias von Sonderausstellungen an Karl den Großen, der im Januar 814 starb und in seiner geliebten und von ihm errichteten Pfalzkapelle, dem heutige Aachener Dom, bestattet worden ist. Hauptausstellungsort war 2014 der Krönungssaal im historischen Rathaus von Aachen.

Am „richtigen“ Ort

Karl V. sah sich als Nachfolger seines Namensgebers. Darum wollte er auch unbedingt in Aachen gekrönt werden. Eine Verlegung der Krönung nach Köln wegen einer in Aachen damals ausgebrochenen Pest lehnte der Habsburger strikt ab, denn Köln war nicht der „richtige“, der rechtmäßige Krönungsort. Karl IV. hatte Aachen in der „Goldenen Bulle“ von 1356 gleichsam verfassungsrechtlich als Krönungsort festgelegt. Eine Druckausgabe der „Goldenen Bulle“ ist im Centre Charlemagne zu sehen.  Nur wer in Aachen gekrönt worden ist, durfte sich römisch-deutscher König nennen. Mit der Krönung im Aachener Dom avancierte der Gekrönte  zum Anwärter auf die Kaiserkrone. Karl V. erlangte in  Aachen mit seiner Krönung zugleich den Titel „Erwählter römischer Kaiser“. 1530 wurde er in Bologna zum Kaiser gekrönt. Viele von den Kurfürsten zu Königen Gewählte holten die Krönung in Aachen nach, wenn politische Konstellationen oder andere Gründe die Reise zum „richtigen“ Krönungsort unmöglich oder schwierig machten.

Das religiöse Klima im 16. Jahrhundert war für Aachen als Krönungsort nicht günstig

Die Krönung des damalig noch jungen Herzogs von Burgund, der seit 1517 auch König von Spanien war, ragte aus den bisherigen Krönungen allerdings heraus. Die Zeit, in der Karl V. lebte, war geprägt von einem kulturellen, technischen, geistigen und religiösen Umbruch. Als der Habsburger aus dem burgundischen Gent in Aachen zum römisch-deutschen König gekrönt wurde, war der Buchdruck erfunden, war Amerika entdeckt. Humanismus und Reformation bestimmten zunehmend das geistige Klima in jener Zeit. Während der Herrschaft Karls V. wurde die Einheit des Reiches zerstört durch die unselige Kirchenspaltung.  Zugleich sollte die Krönung Karls V. die letzte in Aachen sein, die sich noch einmal im Glanz und der Pracht der Renaissance und des sich bereits ankündigenden Barocks im „Herbst des Mittelalters“ entfalten konnte.  Das  jahrhundertalte Krönungszeremoniell, eingefügt in die erhabene Sakralität der römisch-katholischen Liturgie, sollte nach der Krönung Karls V. in dieser Form nicht mehr aufrechterhalten bleiben. Im Zuge der Folgen der Reformation und der konfessionellen Spaltung, die Karls Reich und das seiner Nachfolger prägte, musste das Zeremoniell „heruntergefahren“ werden. So vollzog sich bereits die Krönung Ferdinands I., die letzte Krönung in Aachen, in einem viel nüchterneren Rahmen als die seines Bruders Karls V.. Der Sohn Ferdinands I., der spätere Kaiser Maximilian II., war dem Protestantismus gar so sehr zugewandt, dass er für das Aachener Krönungszeremoniell nur wenig Verständnis aufbringen  konnte, zumal die Krönungen in Aachen auch noch mit der Verehrung von Reliquien aufs engste verbunden gewesen sind. So hat z. B. Karl V. noch am Tag nach seiner Krönung die vier großen biblischen Heiligtümer verehrt, die im Rahmen der Aachener Heiligtumsfahrt, der „Perigrinatio Aquensis“, noch heute alle sieben Jahre den Gläubigen zu Verehrung gezeigt werden und die zusammen mit zahlreichen anderen Reliquien Aachen zum bedeutendsten Wallfahrtsort im Mittelalter nördlich der Alpen gemacht haben.

Wie aus einem Zufall ein Präzedenzfall wurde

Karls Bruder Ferdinand I. wurde am 5. Mai 1531 in Aachen gekrönt. Seine Krönung war, wie gesagt, die letzte in der Stadt Karls des Großen. Von nun an sollten in Frankfurt am Main bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806 alle Krönungen stattfinden. Wie ist es dazu gekommen?

Der Coronator bei den Aachener Krönungen ist seit der Krönung Ottos I. im Jahre 936 der Erzbischof von Köln gewesen.  Dieses Gewohnheitsrecht wurde in der „Goldene Bulle“ zum „Verfassungsrecht“. Aachen gehörte bis zur Zeit Napoleons zum Bistum Lüttich und damit zur Kölner Kirchenprovinz. Daraus erklärt sich z. B. auch, dass der Erzbischof von Köln, Rainald von Dassel, unter Friedrich I. Barobarossa am 29. Dezember 1165 die Heiligsprechung Karls des Großen im Aachener Dom im Auftrag des Gegenpapstes Paschalis II. vorgenommen hat. Die Krönung von Maximilian II., dem Sohn und Nachfolger Ferdinands I., des letzten in Aachen Gekrönten, sollte am 24. November 1562 gemäß der Bestimmung der „Goldenen Bulle“ darum wie gewohnt in Aachen stattfinden. Doch zu diesem Zeitpunkt war der erzbischöfliche Stuhl von Köln vakant; der Erzbischof war unerwartet verstorben. Zwar hatte das Kölner Domkapitel einen Nachfolger gewählt. Doch zum Zeitpunkt der Wahl Maximilians II. war dieser noch nicht zum Bischof geweiht, so dass er die Salbung bei der Krönungsfeier nicht vornehmen konnte.  Ohne den Kölner Erzbischof war die Krönung Maximilians II. in Aachen ausgeschlossen. Darum beschlossen die in Frankfurt versammelten Kurfürsten, ausnahmsweise als Krönungsort den Ort der Königswahl, und das war, ebenfalls laut der „Goldenen Bulle“ von 1356, die  Stadt Frankfurt. Die Stadt am Main gehörte zur damaligen Mainzer Kirchenprovinz. Als Coronator kam nun der Erzbischof von Mainz, der wie der Kölner zu den geistlichen Kurfürsten gehörte, in Betracht. Ort des Geschehens war diesmal die Frankfurter St. Bartholomäuskirche, jener Ort, in dem die Kurfürsten den König wählten.

Was jedoch von den Kurfürsten als Ausnahme vorgesehen war, entwickelt sich zu einem Präzedenzfall. „Wie so oft in der Geschichte“, schreibt der Historiker Heinz Duchardt, Fachmann für neuzeitliche Geschichte, „erwuchs aus dem Zufall die Tradition. Neben den Habsburgern waren es – eine eher merkwürdige Koalition – wohl vor allem die protestantischen Kurfürsten, die gegen Aachen und das dortige katholische Sakralwesen, die dort praktizierte Heiligenverehrung, die Wallfahrten, Prozessionen, den Reliquienkult und anderes katholisches Brauchtum eingestellt waren und sich für Frankfurt stark machten“ (Heinz Durchardt, „Die Krönungen außerhalb Aachens: Die Habsburger bis 1806, in: Krönungen – Könige in  Aachen – Geschichte und Mythos, Mainz 2000, 638).

Aachen verliert seine reichsrechtliche Stellung als Krönungsort

Im Nachhinein traten andere, auch mehr praktische Gründe hinzu, die schlussendlich dazu führten, dass Frankfurt bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806 der Krönungsort der römischen-deutschen Könige und Kaiser sein sollte.  Nach Heinz Durchardt sprach damals vieles für die Stadt am Main. „Als Wahlort ohnehin schon in der Goldenen Bulle in besonderer Weise ausgezeichnet, sprachen für Frankfurt eine ganze Reihe infrastruktureller und logistischer Gründe. Von verschiedenen Himmelsrichtungen aus auf dem Schiffsweg relativ leicht erreichbar, in der Nord-Süd-Erstreckung des Reiches in einer ausgesprochen zentralen Lage, noch dazu für vier der sieben Kurfürsten in kurzen Reisen erreichbar, war die Stadt dank ihrer beiden Messen, dank ihrer Funktion als Kapitalmarkt und auch als regionalpolitisches Zentrum ohnehin zu einer politisch-ökonomischen Schlüsselstellung aufgestiegen. Frankfurt verfügte mit dem Bartholomäus-Dom, den die Frankfurter Obrigkeit in weiser Voraussicht aufgrund von Ratschlägen Luthers und Melanchtons schon früh dem katholischen Klerus eingeräumt hatte, über ein nicht nur für den Wahlakt ausreichend große Versammlungsstätte, verfügte über eine angemessen große Zahl von Gasthäusern und (anzumietenden) Stadtpalästen und versammelte in ihren Mauern neben den alt- und neugläubigen Bevölkerungsgruppen auch eine starke jüdische Minderheit, die bekanntlich ja in einem direkten Subordinationsverhältnis zum Reichsoberhaupt stand. Und für Frankfurt sprachen, last but not least, historische Argumente: für den Ort einer großen Reichsversammlung Karls des Großen 794 und der Wahl Friedrich Barbarossas 1152, also zweier Herrscher, die jeder auf seine Art zu Mythen geworden waren. … Die Habsburger hatten, sicher auch deshalb, weil die Stadt Frankfurt sich nach den üblichen Anfangsturbulenzen anderer ins reformatorische Lager abwandernden Reichsstädte von allen konfessionellen Zuspitzungen fernhielt, mit der neuen Krönungsstadt generell kein Problem, obwohl die räumliche Distanz zum heimischen Wien natürlich immer noch beachtlich war“ (Heinz Durchardt, 638 f.).

Die Bedeutung Karls des Großen verblaßte

Viktor Gielen, ein Historiker aus dem 19. Jahrhundert, führt noch einen weiteren Grund für die Wahl Frankfurts als neuen Krönungsort an: „(D)ie bei den mittelalterlichen Kaisern so wirkungsvolle Karls-Mystik verlor ihre Anziehungskraft“ (Viktor  Gielen, Im Banne des Kaiserdomes, Aachen 1978, 127). Karl V. habe noch die „Erhaltung des abendländischen Einheit aus der Kraft des christlichen Glaubens als seine wichtigste Aufgabe“ angesehen. Doch diese Einheit ist zerbrochen in seiner Zeit, die eine Zeit der Umwälzungen und Paradigmenwechsel, vor allem durch die Glaubensspaltung in seinem eigenen Reich, gewesen ist. Die Einheit Europas unter Karl dem Großen gab es nicht mehr. „Kein Wunder“, so Gielen, „dass damit auch das Bild dieses großen Herrschers stark verblaßte, und die Könige keinen großen Wert mehr darauf legten, in seiner Grabeskirche gekrönt zu werden“ (Viktor Gielen, 127).

Letzte Hoffnung Aachens: die Hohenzollern

Seit dem Wiener Kongress von 1815 gehörte Aachen bis zum Ende der Monarchie 1918 verwaltungsmäßig zu Preußen. Als sich um 1870 abzeichnete, dass der preußische König Wilhelm I. die Kaiserwürde annehmen würde, hoffte man in Aachen, dass der erste deutsche Kaiser in Aachen gekrönt würde. Vertreter der Stadt reichten am 24. Januar 1871 einen Antrag in Berlin ein mit der Bitte, die Kaiserkrönung in Aachen stattfinden zu lassen. Denn keine andere Stadt konnte so gute Gründe dafür anführen wie die alte Kaiserstadt Aachen. Aber auch Frankfurt, Nürnberg oder Regensburg hatten sich in Berlin beworben. Doch die Preußen lehnten schließlich ab. Eine Krönung war nicht vorgesehen, man benügte sich mit einer Kaiserproklamation in Versailles. „In Berlin verhielt man sich … zurückhaltend. Die Zeitungen wiesen darauf hin, dass das neue Kaiserreich keine Fortsetzung des alten Römischen Reiches Deutscher Nation sei. … Somit mußten die Aachener die Hoffnung auf eine Wiedererweckung der alten Krönungsfeierlichkeiten begraben …“ (Viktor Gielen, 129).

Wenn auch die preußischen Hohenzollern von einer Krönung in Aachen abgesehen haben,  so wußten sie gleichwohl um die Bedeutung der Stadt Karls des Großen. In ihr haben sie viele Spuren hinterlassen: den Elisenbrunnen, das Wahrzeichen der Kur- und Badestadt Aachen, benannt nach Elisabeth von Bayern, der Gemahlin Friedrich Wilhelms IV; das Stadttheater, die renommierte Rheinisch Westfälische Technische Hochschule (RWTh), die in Anwesenheit Wilhelm I. 1865 eröffenet worden ist. Friedrich Wilhelm III. hatte als Kronprinz Aachen mehrmals  besucht, ihm zu Ehren errichteten die Aachener ein Reiterdenkmal, ein Park und eine Straße erinnern ebenfalls an ihn, der im Dreikaiserjahr 1888 an Kehlkopfkrebs gestorben ist.  Die beindruckenden neobyzantinischen Mosaiken im Aachener Dom entstammen ebenfalls der langen wilhelminischen Ära.

Nicht zuletzt verdankt Aachen Kaiser Wilhelm II. die Anfertigung der originalgetreuen Reichsinsignien, die im Krönungssaal des Aachener Rathauses bewahrt werden. Die Reichskrone sowie die drei sogenannten „Aachener Stücke“ der Reichsinsignien: die Stephansburse, der sogenannten „Säbel Karls des Großen“ und das Reichsevangeliar haben nun für eine kurze Zeit ihren  Ort gewechselt. Sie sind im Rahmen der Sonderausstellung über Karl V. im Centre Charlemagne zu sehen, zusammen mit dem originalen Krönungsmantel, der sogenannten „Cappa Leonis“, die Karl V. bei seiner Krönung am 23. Oktober 1520 getragen hat. Sie gehört zu den kostbaren Exponaten der Domschatzkammer des Aachener Domes. Für die Sonderausstellung „Der gekaufte Kaiser“ wurde sie vom Domkapitel ausgeliehen. Sie hat ihren Namen von Papst Leo III.. Er soll sie bei seinem Besuch 805 in Aachen getragen haben. Doch ob Papst Leo III., der Karl den  Großen 800 in Rom zum Kaiser gekrönt hat, überhaupt in Aachen gewesen ist, ist historisch nicht sicher.

Foto: Werbeplakat für die Aachener Ausstellung „Der gekaufte Kaiser“ – Bildquelle: Gero P. Weishaupt