Vatikanum II: Das Christusmysterium ist die Klammer zwischen Altem und Neuem Testament

Kanonische Exegese ist „eine wesentliche Dimension der Auslegung, die zur historisch-kritischen Methode nicht in Widerspruch steht, sondern sie organisch weiterführt und zu eigentlicher Theologie werden lässt.“ (Papst Benedikt XVI./Joseph Ratzinger). Dei Verbum Artikel 14-16.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 24. Oktober 2015 um 12:54 Uhr
Papst Benedikt XVI.

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

Im vierten Kapitel der Offenbarungskonstitution Dei Verbum beleuchten die Konzilsväter die Bedeutung des Alten Testamentes für die Christen. „Die Geschichte des Heiles liegt, von heiligen Verfassern vorausverkündet, berichtet und gedeutet, als wahres Wort Gottes vor in den Büchern des Alten Bundes; darum behalten diese von Gott eingegebenen Schriften ihren unvergänglichen Wert: „Alles nämlich, was geschrieben steht, ist zu unserer Unterweisung geschrieben, damit wir durch die Geduld und den Trost der Schriften Hoffnung haben“ (DV 14).

Exegese der Kirchenväter

Mit den Kirchenvätern deuten die Konzilsväter das Alte Testament als Vorbereitung auf die Ankunft Christi und das Neue Testament als Höhepunkt der Offenbarung Gottes in der Person Jesus Christus. „Gottes Geschichtsplan im Alten Bund zielte vor allem darauf, das Kommen Christi, des Erlösers des Alls, und das Kommen des messianischen Reiches vorzubereiten, prophetisch anzukündigen (vgl. Lk 24,44; Joh 5,39; 1 Petr 1,10) und in verschiedenen Vorbildern anzuzeigen (vgl. 1 Kor 10,11)“ (DV 15). Darum wollte Gott in seiner „Weisheit, dass der Neue im Alten verborgen und der Alte im Neuen erschlossen sei“ (Novus in Vetere latet et in Novo Vetus patet) (DV 16).

Typologische Exegese

Exegese hat darum nicht nur historisch-kritisch zu sein, sondern muss, will sie die Heilige Schrift als Glaubensbuch ernst nehmen, das Alte Testament im Licht des Neuen, d.h von Christus her lesen (siehe hierzu meine Ausführungen zu DV 12, wo ich u.a. auf die „Crux“ mangelnder, einseitig auf die historisch-kritische Methode fixierte Exegese in der Priester- und Theologenausbildung hingewiesen habe). So legen die Exegese erst frei, was unter dem Buchstaben des Alten Testamentes verborgen ist (latet), nämlich das Mysterium Christi. Das Zweite Vatikanische Konzil wünscht eine integrale Exegese, die die historisch-kritischen Erkenntnisse integriert in eine theologisch-dogmatisch-kanonische Exegese (vgl. DV 12). Mit den Kirchenvätern plädieren die Konzilsväter darum für eine typologische Lektüre der heiligen Schriften: „Gott, der die Bücher beider Bünde inspiriert hat und ihr Urheber ist, wollte in Weisheit, daß der Neue im Alten verborgen und der Alte im Neuen erschlossen sei“ (DV 16). Typologisch heißt, dass „das von Christus gebrachte Neue von den `Gestalten`(Typen) her offenbart“ wird, „die ihn in den Geschehnissen, Worten und Sinnbildern des alten Bundes ankündigten“. So deuten „(d)ie Sinnflut und die Arche Nochas … im voraus auf das Heil durch die Taufe, desgleichen die Wolke und der Durchzug durch das Rote Meer. Das Wasser aus dem Felsen war ein Vorausbild der geistlichen Gaben; das Manna in der Wüste wie im voraus auf die Eucharistie, das `wahre Brot vom Himmel`(Joh 6, 32) hin“ (KKK 1094). Schon die Evangelisten und der Apostel Paulus deuten das Alte Testament typologisch. Bekannt ist die Typologie Adam und Christus oder – bei den Kirchenvätern – Eva und Maria.

Christologische Hermeneutik – Kanonische Exegese

Christliche Exegese des Alten Testamentes, so die Konzilsväter, berücksichtigt die Einheit von Altem und Neuen Testament, interpretiert das Alte im Lichte des Christusmysteriums (christologische Hermeneutik). In seinem Buch „Jesus von Nazareth“ nennt Papst Benedikt XVI./Joseph Ratzinger diese Form der Exegese „kanonische Exegese“: Die einzelnen Texte der Heiligen Schrift werden als Ganzheit verstanden, „wodurch alle einzelnen Texte in ein neues Licht rücken. Die Offenbarungs-Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils hatte dies bereits klar als Grundprinzip theologischer Exegese herausgestellt: Wer die Schrift in dem Geist verstehen will, in dem sie geschrieben ist“ muss „auf Inhalt und Einheit der ganzen Schrift achten“. Darum ist die sogenannte kanonische Exegese „eine wesentliche Dimension der Auslegung, die zur historisch-kritischen Methode nicht in Widerspruch steht, sondern sie organisch weiterführt und zu eigentlicher Theologie werden lässt“ (in: Jesus von Nazareth, 17 f.). Denn das Neue (Christus) ist im Alten verborgen (latet) und der Alte im Neuen (Christus) erschlossen (patet). Die Klammer, die Altes und Neues Testament als das Eine und Ganze zusammenhält, ist das Christusmysterium, das im Alten Bund verborgen, im Neuen Bund offenbar wird.

Text von Dei Verbum 14-16 (Deutsch – Latein)

14. Der liebende Gott, der um das Heil des ganzen Menschengeschlechtes besorgt war, bereitete es vor, indem er sich nach seinem besonderen Plan ein Volk erwählte, um ihm Verheißungen anzuvertrauen. Er schloß mit Abraham (vgl. Gen 15,8) und durch Moses mit dem Volke Israel (vgl. Ex 24,8) einen Bund. Dann hat er sich dem Volk, das er sich erworben hatte, durch Wort und Tat als einzigen, wahren und lebendigen Gott so geoffenbart, daß Israel Gottes Wege mit den Menschen an sich erfuhr, daß es sie durch Gottes Wort aus der Propheten Mund allmählich voller und klarer erkannte und sie unter den Völkern mehr und mehr sichtbar machte (vgl. Ps 21,28-29; 95,1-3; Jes 2,1-4; Jer 3,17). Die Geschichte des Heiles liegt, von heiligen Verfassern vorausverkündet, berichtet und gedeutet, als wahres Wort Gottes vor in den Büchern des Alten Bundes; darum behalten diese von Gott eingegebenen Schriften ihren unvergänglichen Wert: „Alles nämlich, was geschrieben steht, ist zu unserer Unterweisung geschrieben, damit wir durch die Geduld und den Trost der Schriften Hoffnung haben“ (Röm 15,4).

15. Gottes Geschichtsplan im Alten Bund zielte vor allem darauf, das Kommen Christi, des Erlösers des Alls, und das Kommen des messianischen Reiches vorzubereiten, prophetisch anzukündigen (vgl. Lk 24,44; Joh 5,39; 1 Petr 1,10) und in verschiedenen Vorbildern anzuzeigen (vgl. 1 Kor 10,11). Die Bücher des Alten Bundes erschließen allen entsprechend der Lage, in der sich das Menschengeschlecht vor der Wiederherstellung des Heils in Christus befand, Wissen über Gott und Mensch und erschließen die Art und Weise, wie der gerechte und barmherzige Gott an den Menschen zu handeln pflegt. Obgleich diese Bücher auch Unvollkommenes und Zeitbedingtes enthalten, zeigen sie doch eine wahre göttliche Erziehungskunst. Ein lebendiger Sinn für Gott drückt sich in ihnen aus. Hohe Lehren über Gott, heilbringende menschliche Lebensweisheit, wunderbare Gebetsschätze sind in ihnen aufbewahrt. Schließlich ist das Geheimnis unseres Heiles in ihnen verborgen. Deshalb sollen diese Bücher von denen, die an Christus glauben, voll Ehrfurcht angenommen werden.

16. Gott, der die Bücher beider Bünde inspiriert hat und ihr Urheber ist, wollte in Weisheit, daß der Neue im Alten verborgen und der Alte im Neuen erschlossen sei. Denn wenn auch Christus in seinem Blut einen Neuen Bund gestiftet hat (vgl. Lk 22,20; 1Kor 11,25), erhalten und offenbaren die Bücher des Alten Bundes, die als Ganzes in die Verkündigung des Evangeliums aufgenommen wurden, erst im Neuen Bund ihren vollen Sinn (vgl. Mt 5,17; Lk 24,27; Röm 16,25-26; 2 Kor 3,14-16), wie sie diesen wiederum beleuchten und deuten.

14. Amantissimus Deus totius humani generis salutem sollicite intendens et praeparans, singulari dispensatione populum sibi elegit, cui promissiones concrederet. Foedere enim cum Abraham (cf. Gen 15,18) et cum plebe Israel per Moysen (cf. Ex 24,8) inito, populo sibi acquisito ita Se tamquam unicum Deum verum et vivum verbis ac gestis revelavit, ut Israel, quae divinae essent cum hominibus viae experiretur, easque, ipso Deo per os Prophetarum loquente, penitius et clarius in dies intelligeret atque latius in gentes exhiberet (cf. Ps 22,28-29; 96 1-3; Is 2,1-4; Ier 3,17). Oeconomia autem salutis ab auctoribus sacris praenuntiata, enarrata atque explicata, ut verum Dei verbum in libris Veteris Testamenti exstat; quapropter hi libri divinitus inspirati perennem valorem servant: „Quaecumque enim scripta sunt, ad nostram doctrinam scripta sunt, ut per patientiam et consolationem Scripturarum spem habeamus“ (Rom 15,4).

15. Veteris Testamenti oeconomia ad hoc potissimum disposita erat, ut Christi universorum redemptoris Regnique Messianici adventum praepararet, prophetice nuntiaret (cf. Lc 24,44; Io 5,39; 1 Pt 1,10) et variis typis significaret (cf. 1 Cor 10,11). Veteris autem Testamenti libri, pro condicione humani generis ante tempora instauratae a Christo salutis, Dei et hominis cognitionem ac modos quibus Deus iustus et misericors cum hominibus agit, omnibus manifestant. Qui libri, quamvis etiam imperfecta et temporaria contineant, veram tamen paedagogiam divinam demonstrant. Unde iidem libri, qui vivum sensum Dei exprimunt, in quibus sublimes de Deo doctrinae ac salutaris de vita hominis sapientia mirabilesque precum thesauri reconduntur, in quibus tandem latet mysterium salutis nostrae, a Christifidelibus devote accipiendi sunt.

16 Deus igitur librorum utriusque Testamenti inspirator et auctor, ita sapienter disposuit, ut Novum in Vetere lateret et in Novo Vetus pateret. Nam, etsi Christus in sanguine suo Novum Foedus condidit (cf. Lc 22,20; 1 Cor 11,25), libri tamen Veteris Testamenti integri in praeconio evangelico assumpti (30), in Novo Testamento significationem suam completam acquirunt et ostendunt (cf. Mt 5,17; Lc 24,27; Rom 16,25-26; 2 Cor 3,14-16), illudque vicissim illuminant et explicant.

Foto: Papst Benedikt XVI. – Bildquelle: Fabio Pozzebom/ABr