Vatikanum II: Anerkennung wahrer kirchlicher Elemente in den nichtkatholischen Kirchen und Gemeinschaften

Doch nur durch die katholische Kirche kann man Zutritt zur ganzen Fülle der Heilsmittel haben. Unitatis Redintegratio, Artikel 3. Einleitung und Text.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 11. April 2015 um 18:15 Uhr
Vaticanum II, Konzilseröffnung

Von Gero P. Weishaupt:

In Artikel 3 von Unitatis redintegratio, dem Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus, wird zunächst auf die Spaltungen hingewiesen, die im Laufe der Kirchengeschichte entstanden sind. Besonders schwer wiegen dabei die Spaltungen im 11. und 16. Jahrhundert. Die Konzilsväter heben hervor, dass die Schuld dafür auf beiden Seiten liegt. Doch könne „(d)en Menschen …, die jetzt in solchen Gemeinschaften geboren sind und in ihnen den Glauben an Christus erlangen, … die Schuld der Trennung nicht zur Last gelegt werden. … Denn wer an Christus glaubt und in der rechten Weise die Taufe empfangen hat, steht dadurch in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche“. Nichtkatholische Christen sind, sofern sie niemals vorher katholisch gewesen sind, weder Häretiker noch Schismatiker

Unvollkommene Gemeinschaft mit der katholichen Kirche

Die vollkommene Gemeinschaft mit der katholischen Kirche fehlt den nichtkatholischen Gemeinschaften wegen der Unterschiede in Lehre, Disziplin und Struktur. Darum besteht die Einheit noch nicht, „die Christus all denen schenken wollte, die er zu einem Leibe und zur Neuheit des Lebens wiedergeboren und lebendig gemacht hat, … jener Einheit, die die Heilige Schrift und die verehrungswürdige Tradition der Kirche bekennt. Denn nur durch die katholische Kirche Christi, die das allgemeine Hilfsmittel des Heiles ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben“. Es ist das Ziel der ökumenischen Bewegung, durch Dialog und andere Initiativen die volle sichtbare Gemeinschaft wiederherzustellen.  (Lesen Sie hierzu auch  meine Ausführungen zu Artikel 15 von Lumen gentium: Nichtkatholische Kirchen und Gemeinschaften).

Anerkennung kirchlicher Elemente

Anknüpfungspunkte für die Wiederherstellung sehen die Konzilsväter in den Gütern bzw. Elementen der Kirche, die sich auch in den nichtchristlichen Kirchen und Gemeinschaften finden: „das geschriebene Wort Gottes, das Leben der Gnade, Glaube, Hoffnung und Liebe und andere innere Gaben des Heiligen Geistes und sichtbare Elemente: all dieses, das von Christus ausgeht und zu ihm hinführt, gehört rechtens zu der einzigen Kirche Christi.“ Außerdem gibt es bei den nichtkatholischen Christen liturgische Handlungen, die „ohne Zweifel tatsächlich das Leben der Gnade zeugen können und als geeignete Mittel für den Zutritt zur Gemeinschaft des Heiles angesehen werden müssen“. Diese und andere Elemente und Güter haben ihre geistliche Wirklichkeit nur, weil sie „sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet“, betonen die Konzilsväter.

Unitatis redintegratio. Artikel 3. Text

In dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Zeiten an Spaltungen entstanden, die der Apostel aufs schwerste tadelt und verurteilt; in den späteren Jahrhunderten aber sind ausgedehntere Verfeindungen entstanden, und es kam zur Trennung recht großer Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche, oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten. Den Menschen jedoch, die jetzt in solchen Gemeinschaften geboren sind und in ihnen den Glauben an Christus erlangen, darf die Schuld der Trennung nicht zur Last gelegt werden – die katholische Kirche betrachtet sie als Brüder, in Verehrung und Liebe. Denn wer an Christus glaubt und in der rechten Weise die Taufe empfangen hat, steht dadurch in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche.

Da es zwischen ihnen und der katholischen Kirche sowohl in der Lehre und bisweilen auch in der Disziplin wie auch bezüglich der Struktur der Kirche Diskrepanzen verschiedener Art gibt, so stehen sicherlich nicht wenige Hindernisse der vollen kirchlichen Gemeinschaft entgegen, bisweilen recht schwerwiegende, um deren Überwindung die ökumenische Bewegung bemüht ist. Nichtsdestoweniger sind sie durch den Glauben in der Taufe gerechtfertigt und Christus eingegliedert, darum gebührt ihnen der Ehrenname des Christen, und mit Recht werden sie von den Söhnen der katholischen Kirche als Brüder im Herrn anerkannt.

Hinzu kommt, daß einige, ja sogar viele und bedeutende Elemente oder Güter, aus denen insgesamt die Kirche erbaut wird und ihr Leben gewinnt, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche existieren können: das geschriebene Wort Gottes, das Leben der Gnade, Glaube, Hoffnung und Liebe und andere innere Gaben des Heiligen Geistes und sichtbare Elemente: all dieses, das von Christus ausgeht und zu ihm hinführt, gehört rechtens zu der einzigen Kirche Christi.

Auch zahlreiche liturgische Handlungen der christlichen Religion werden bei den von uns getrennten Brüdern vollzogen, die auf verschiedene Weise je nach der verschiedenen Verfaßtheit einer jeden Kirche und Gemeinschaft ohne Zweifel tatsächlich das Leben der Gnade zeugen können und als geeignete Mittel für den Zutritt zur Gemeinschaft des Heiles angesehen werden müssen.

Ebenso sind diese getrennten Kirchen und Gemeinschaften trotz der Mängel, die ihnen nach unserem Glauben anhaften, nicht ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heiles. Denn der Geist Christi hat sich gewürdigt, sie als Mittel des Heiles zu gebrauchen, deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet.

Dennoch erfreuen sich die von uns getrennten Brüder, sowohl als einzelne wie auch als Gemeinschaften und Kirchen betrachtet, nicht jener Einheit, die Jesus Christus all denen schenken wollte, die er zu einem Leibe und zur Neuheit des Lebens wiedergeboren und lebendig gemacht hat, jener Einheit, die die Heilige Schrift und die verehrungswürdige Tradition der Kirche bekennt. Denn nur durch die katholische Kirche Christi, die das allgemeine Hilfsmittel des Heiles ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben. Denn einzig dem Apostelkollegium, an dessen Spitze Petrus steht, hat der Herr, so glauben wir, alle Güter des Neuen Bundes anvertraut, um den einen Leib Christi auf Erden zu konstituieren, welchem alle völlig eingegliedert werden müssen, die schon auf irgendeine Weise zum Volke Gottes gehören. Dieses Volk Gottes bleibt zwar während seiner irdischen Pilgerschaft in seinen Gliedern der Sünde ausgesetzt, aber es wächst in Christus und wird von Gott nach seinem geheimnisvollen Ratschluß sanft geleitet, bis es zur ganzen Fülle der ewigen Herrlichkeit im himmlischen Jerusalem freudig gelangt.

Foto: Konzilsväter auf dem Petersplatz – Bildquelle: Peter Geymayer / Wikipedia