Lumen gentium, Artikel 15

Nichtkatholische Kirchen und kirchliche Gemeinschaften.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 19. Juli 2014 um 12:33 Uhr
Petersdom

Einleitung von Gero P. Weishaupt. Es gibt eine gestufte Kirchengliedschaft. Das wurde bereits in Lumen gentium Art. 14 deutlich. Im gegenständlichen Artikel 15 führen die Konzilsväter diese Thematik im Hinblick auf den ökumenischen Dialog mit den nichtkatholischen christlichen Gemeinschaften fort.

Verbundenheit mit den nichtkatholischen Gemeinschaften

Es gibt Kirchlichkeit bzw. Zeichen/Elemente der wahren Kirche Christi, die einzig und allein in der Römisch-Katholischen Kirche subsistiert (vgl. Lumen gentium Art. 8), auch in anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Dadurch besteht zwischen der wahren Kirche Christi und den nichtkatholischen Gemeinschaften eine Verbundenheit, deren Ausgangspunkt die eine Taufe ist, sofern sie in den nichtkatholischen Gemeinschaften gültig gespendet wird. Je nach Glaubensbekenntnis und der Beziehung zum Nachfolger des Apostels Petrus obwaltet zwischen der Katholischen Kirche und den nichtkatholischen christlichen Gemeinschaften eine Stufung.

Elemente der wahren Kirche

Die Stufung bis hin zur wahren Kirche, die unter dem Nachfolger des Apostels Petrus steht, wird durch die Elemente bestimmt, die diese Gemeinschaften infolge der  Abtrennung von der wahren Kirche Christi im Laufe der Kirchengeschichte bewahrt haben. Wo eine christliche Gemeinschaft die meisten Elemente bewahrt hat, d.h. die  Schrift als Glaubens- und Lebensnorm, die Sakramente bis hin zum Episkopat und der heiligen Eucharistie als den beiden entscheidenden Kirche konstituierende Elementen, ist Kirche-Sein verwirklicht. Dieses Kriterium trifft im Grunde nur auf die Kirchen des Ostens (Orthodoxe Kirche, vgl. Dekret Unitatis redintegratio, Art. 14) zu. Wohingegen nur einige Elemente bewahrt sind, wie etwa die Heilige Schrift und einige Sakramente, spricht man von einer kirchlichen Gemeinschaft. Zu ihnen gehören z.B. jene christlichen Gemeinschaften, die aus dem abendländischen Schisma, d.h. der Reformation im 15. Jahrhundert, hervorgegangen sind (vgl. Dekret Unitatis redintegratio, Art. 19). Eine kirchliche  Gemeinschaft ist auch die Anglikanische Kirche, wobei hier freilich zwischen Low und High Church wiederum zu unterscheiden ist. Letztere steht der wahren Kirche Christi, also der katholischen, näher als die Low Church. Insofern die High Church die sieben Sakramente kennt und diese in ihr auch gültig gespendet werden, erfüllt sie die Merkmale des Kirchenbegriffs.  Wohingegen  eine anglikanische Gemeinschaft Frauen zum Bischofsamt zuläßt, bewegt sie sich hin zur untersten Stufe der Zugehörigkeit zur wahren Kirche Christi, da nach katholischem Glaubensverständnis Christus das geweihte Amt nur Männern vorbehalten hat. Es ist klar, dass eine solche Entwicklung den gegenwärtigen ökumenischen Dialog mit der Anglikanischen Kirche belastet und erschwert, denn das Bischofsamt für Frauen ist kein Element der wahren Kirche Christi.

Anerkennung und Würdigung

Im Hinblick auf den ökumenischen Dialog nimmt das Konzil jedoch grundsätzlich eine positive Haltung gegenüber allen nichtkatholischen Gemeinschaften ein, indem es jene Elemente, die durch Abtrennung von der wahren Kirche Christi außerhalb des sichtbaren Gefüges der Kirche gelangt sind, als wahre kirchliche Elemente betrachtet, da es ihre eigenen sind. Hierin „offenbart (sich) die grundsätzliche Einstellung des Konzils zu den Getrennten“ (Alois Grillmeier). Auch in den nichtkatholischen christlichen Gemeinschaften gibt es  Elemente des Wahren und der Heiligung, also katholische Elemente, und insofern ist die wahre Kirche Christi – dank dieser Elemente und Zeichen – in den nichtkatholischen Gemeinschaften anwesend, sei es auf unvollkommene Weise.

Ziel der ökumenischen Bewegung

Vor diesem Hintergrund meiden die Konzilsväter die Begriffe „Schismatiker“ und „Häretiker“ zur Kennzeichnung nichtkatholischer Christen. Diese Begriffe werden ersetzt durch die positiven, weil diese Gemeinschaften anerkennenden und würdigenden Begriffe „Kirchen“ und „kirchliche Gemeinschaften“. Die Kirche kann sie anerkennen und würdigen, weil in ihnen Elemente der wahren Kirche Christi bewahrt sind. Damit wird aber zugleich zum Ausdruck gebracht, dass den nichtkatholischen Gemeinschaften das vollkommene und wahre Kirche-Sein noch fehlt. Die ökumenische Bewegung hat das Ziel „dass alle in der von Christus angeordneten Weise in der einen Herde unter dem einen Hirten in Frieden geeint werden mögen“. Dass dies nicht nur von seiten der nichtkatholischen Christen die Rückkehr zur Katholischen Kirche, die in der wahren Kirche Christi subsistiert (Lumen gentium, Art. 8), bedeutet, sondern auch Bekehrung der Katholiken, daran erinnern die Konzilväter, wenn sie schließlich darauf hinweisen, dass die Kirche „ihre Söhne zur Läuterung und Erneuerung“ ermahnt, „damit das Zeichen Christi auf dem Antlitz der Kirche klarer erstrahle“. Im Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils sowie im Dekret über die Ostkirchen werden für den ökumenischen Dialog konkrete Handlungsmaximen vorgelegt.

Lumen gentium, Artikel 15

„Mit jenen, die durch die Taufe der Ehre des Christennamens teilhaft sind, den vollen Glauben aber nicht bekennen oder die Einheit der Gemeinschaft unter dem Nachfolger Petri nicht wahren, weiß sich die Kirche aus mehrfachem Grunde verbunden. Viele nämlich halten die Schrift als Glaubens- und Lebensnorm in Ehren, zeigen einen aufrichtigen religiösen Eifer, glauben in Liebe an Gott, den allmächtigen Vater, und an Christus, den Sohn Gottes und Erlöser, empfangen das Zeichen der Taufe, wodurch sie mit Christus verbunden werden; ja sie anerkennen und empfangen auch andere Sakramente in ihren eigenen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften. Mehrere unter ihnen besitzen auch einen Episkopat, feiern die heilige Eucharistie und pflegen die Verehrung der jungfräulichen Gottesmutter. Dazu kommt die Gemeinschaft im Gebet und in anderen geistlichen Gütern; ja sogar eine wahre Verbindung im Heiligen Geiste, der in Gaben und Gnaden auch in ihnen mit seiner heiligenden Kraft wirksam ist und manche von ihnen bis zur Vergießung des Blutes gestärkt hat. So erweckt der Geist in allen Jüngern Christi Sehnsucht und Tat, daß alle in der von Christus angeordneten Weise in der einen Herde unter dem einen Hirten in Frieden geeint werden mögen. Um dies zu erlangen, betet, hofft und wirkt die Mutter Kirche unaufhörlich, ermahnt sie ihre Söhne zur Läuterung und Erneuerung, damit das Zeichen Christi auf dem Antlitz der Kirche klarer erstrahle.“

Foto: Petersdom – Bildquelle: Wolfgang Stuck