Tridentinischer Einheitssog oder Einheit in Verschiedenheit? Prominente Wortmeldung zur Befragung der Bischöfe

Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 28. Mai 2020 um 14:42 Uhr

Wie Die Tagespost in ihrer Ausgabe vom 25. Mai 2020 meldet, hat sich der vatikanische Ökumene-Minister Kardinal Kurt Koch vor der Herder Korrespondenz dafür ausgesprochen, irgendwann eine Synthese aus ordentlicher und außerordentlicher Form des Römischen Ritus und somit wieder eine einheitliche Gestalt des Ritus zu gewinnen. Hintergrund der Aussage Kochs war die derzeit durchgeführte Umfrage der Glaubenskongregation zu Summorum Pontificum, an der teilzunehmen alle Diözesanbischöfe der Welt aufgerufen sind.

Versöhnte Verschiedenheit und das Argument der Einheitlichkeit

In der Ökumene, selbst im interreligiösen Dialog, wird sonst gerne die Argumentationsfigur der versöhnten Verschiedenheit oder der Einheit in Verschiedenheit ins Treffen geführt. Wenn es auch theologisch und dogmatisch stimmt, dass die Eucharistie das Sakrament der Einheit ist, verwundert es doch einigermaßen, dass ausgerechnet Koch im Gottesdienst diese kirchlich-eucharistische Einheit mit liturgischer Einheitlichkeit oder Uniformität zu verwechseln scheint. Die katholische Kirche ist nicht die Lateinische Kirche allein und besteht auch heute noch aus einer Vielzahl verschiedener Rituskirchen. Gemeinsame Liturgien sind oftmals Brücke und Bindeglied zu entsprechenden getrennten Kirchen des Ostens.

Tridentinischer Einheitssog?

Wenn man an der nach-tridentinischen Entwicklung der Liturgie zurecht etwas kritisieren kann, ist es ein zwar nicht ursprünglicher, aber recht bald einsetzender und sich bis zum Ersten Vaticanum immer mehr steigernder Sog zu Uniformität mit dem römisch-tridentinischen Einheitsritus, in dem sich vor-tridentinisch überlieferte Eigenriten von Orden und Ortskirchen innerhalb der Lateinischen Kirche zunehmend aufgaben, bloß, um bis ins Detail und in jeder Äußerlichkeit mit Rom und dem Papst übereinzustimmen. So paradox dies klingen mag, war ausgerechnet der Novus Ordo Pauls VI. letztlich der Gipfelpunkt dieser Entwicklung, was sich schon deutlich an der Bezeichnung zeigen lässt, die dem Prototyp dieses neuen Messordo gegeben wurde: Missa normativa. Sie war den Teilnehmern der ersten römischen Bischofssynode nach dem Konzil 1967 vorgestellt worden und hatte nicht die erforderliche Zustimmung erreicht. Trotzdem war anschließend der nachkonziliare Messritus von 1969/70 nahezu unverändert deckungsgleich mit dieser durchgefallenen Missa normativa.

Wo wäre da die Wechselseitigkeit der Bereicherung?

Bei dem, was Kardinal Koch vorschlägt und was leider ganz ähnlich auch Kardinal Sarah schon vorgeschlagen und bei der Pfingstwallfahrt im französischem Chatres teilweise sogar zumindest praeter legem praktiziert hat, wird zwar immer wieder darauf hingewiesen, dass schon Benedikt XVI. eine wechselseitige Befruchtung oder Bereicherung beider Formen des Römischen Ritus intendiert habe, und man kann sogar zugeben, dass dessen Konzept einer Reform der Reform vermutlich tatsächlich einen genuin erneuerten und zugleich unstrittig traditionskonformen Römischen Ritus der Zukunft angestrebt hat. Allerdings muss man nüchtern konstatieren, dass man selbst im Pontifikat des Ratzinger-Papstes diesem potentiellen Ziel keinen einzigen, verbindlichen Schritt konkret nähergekommen ist; es blieb bei optionalen, stilistisch-ästhetischen Impulsen innerhalb der päpstlichen Liturgien, die unter Papst Franziskus sofort wieder abgeklungen waren und teils auch wieder ausdrücklich zurückgenommen worden sind.

Was wäre so komplex an der von Koch ins Auge gefassten Synthese?

Man braucht sich nur das allererste Altritus-Indult von 1971 in Erinnerung zu rufen, das auf England und Wales beschränkt war, um zu erkennen, dass das, was Koch vorschwebt, kein Stein der Weisen wäre, den man erst noch finden müsste. Bei jenem ersten Indult waren die anfänglichen rubrizistischen Reformschritte, die in den Dokumenten Inter oecumenici (1964) und Tres abhinc annos (1967) beschrieben und festgelegt waren, verbindlich. Sogar die Möglichkeit dreier zusätzlicher Hochgebete außer dem Canon Romanus war mit diesem Stadium der nachkonziliaren Liturgiereform bereits gegeben. Ebenso weitreichende Optionen zum Gebrauch der Volkssprache und zur Zelebration versus populum. Formal jedoch war das zugrundeliegende Missale die Editio typica von 1962, ganz so, wie es jetzt das Motuproprio von 2007 voraussetzt. Wenn man alle Möglichkeiten, die bis 1967 konzediert waren, ausschöpft, dessen kann man Kardinal Koch versichern, würde der durchschnittliche Kirchgänger in der Bank keinen echten Unterschied zu einer Eucharistiefeier nach dem Messbuch Pauls VI. mehr feststellen.

Was denn könnte unter Traditionalisten eine größere Bereitschaft zu Änderungen am Status quo begünstigen?

Diejenigen freilich, die ein Interesse an der überlieferten Liturgie bekundet haben, sind liturgisch sensibel, bisweilen zugegebenermaßen fast allergisch, und haben kein Interesse, mit einigen Jahrzehnten Verzögerung eine Art Liturgiereform light nachzuholen, wo sie doch gerade aufgrund von deren Brachialform Zuflucht zum Refugium der liturgischen Tradition nehmen. Deswegen ja auch die Feinfühligkeit der jüngsten Ermöglichung neuer Heiligenfeste und einzelner, weiterer Präfationen. Möglichkeiten, die beide optional bleiben. Angesichts der Tatsache, dass das Messbuch Pauls VI., das doch so reich an Wahlmöglichkeiten ist, auch in seiner Editio typica von 2002 oder während des Pontifikats Papst Benedikts XVI. kein einziges, konkretes Element aus der tridentinischen Liturgie aufgenommen hat – nicht einmal rein optional, wäre auch schwer einsichtig zu machen, was eine größere Offenheit für Zusätze an der bisher letzten Editio typica des tridentinischen Missale Romanum begründen könnte. Wie die Jahre zeigen, die seit 2007 vergangen sind, weitet sich der Blick eher immer bereitwilliger für die Breite und Tiefe und der bereichernden Mannigfaltigkeit gegenüber der liturgischen Tradition bis oder vor 1962.

Foto: Pius V. in einer Darstellung von El Greco – Bildquelle: Wikipedia