Die überlieferte Liturgie. Nur fruchtbar ‚im Geist des Konzils‘ und andernfalls ‚leblos und ohne Zukunft‘?

Dokumentation, Analyse und Anfragen an eine Antwort in einem Interview. Von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 27. September 2019 um 10:02 Uhr

(kathnews). Am 23. September hat der Journalist Edward Pentin vom US-amerikanischen National Catholic Register ein Interview veröffentlicht, das er mit Kardinal Robert Sarah, dem Präfekten der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, geführt hat.

Darin fragt Pentin seinen Gesprächspartner unter anderem: „Warum denken Sie, dass mehr und mehr junge Leute von der traditionellen Liturgie, von der außerordentlichen Form angezogen werden?“

Vorbemerkung

In den Tagen rund um den 25. September 2019 ist die Antwort Sarahs bezeichnend, denn bei einem Purpurträger seines Zuschnitts kann nicht angenommen werden, dass er sie ohne das Bewusstsein gegeben hat, fast auf den Tag genau fünfzig Jahre nach dem Datum zu sprechen, an dem die Kardinäle Ottaviani und Bacci Papst Paul VI. die Kurze kritische Untersuchung des ‚Novus Ordo Missae‘ unterbreiteten, die sie inhaltlich mit ihren Unterschriften unterstützten und in der der Papst dringend gebeten wurde, angesichts gravierender doktrineller Defizite auch weiterhin die Verwendung des bisherigen Messordo zu ermöglichen. Erst gestern habe ich mich hier ausführlicher diesem Jahrestag und Zeitdokument gewidmet.

Dokumentation des Wortlauts in eigener deutscher Übersetzung

Kardinal Robert Sarah: „Ich denke es nicht. Ich sehe es, ich bin Zeuge davon. Und junge Menschen haben mir ihre absolute Präferenz für die außerordentliche Form anvertraut, die lehrreicher ist und stärker auf dem Primat und der Zentralstellung Gottes beharrt, auf der Stille, der Bedeutung des Sakralen und auf der Transzendenz Gottes. Aber vor allem: Wie ist es zu verstehen, wie kann man nicht davon überrascht und darüber zutiefst schockiert sein, dass das, was gestern die Regel war, heute verboten ist? Das Verbot oder der Argwohn gegenüber der außerordentlichen Form kann nur vom Dämon inspiriert sein, der nichts anderes ersehnt, als gleichsam unsere Erstickung und unseren geistlichen Tod.

Wenn die außerordentliche Form im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils gefeiert wird, dann entfaltet sie ihre volle Fruchtbarkeit. Wie können wir überrascht sein, dass eine Liturgie, die so viele Heilige getragen hat, fortfährt, die Seelen junger Menschen anzulächeln, die nach Gott dürsten?

Wie Benedikt XVI. hoffe ich, dass die beiden Formen des Römischen Ritus einander wechselseitig bereichern. Dies schließt ein, dass wir aus einer Hermeneutik des Bruches herauskommen. Beide Formen haben denselben Glauben und dieselbe Theologie. Sie zueinander in Opposition zu setzen, ist ein tiefgreifender ekklesiologischer Irrtum. Er bedeutet, die Kirche zu zerstören, indem man sie aus ihrer Tradition reißt und die Kirche glauben macht, das, was sie selbst in der Vergangenheit als heilig erachtet hat, sei jetzt falsch und unannehmbar. Welch eine Täuschung, was für eine Beleidigung aller Heiligen, die uns vorangegangen sind! Was ist das für eine Sichtweise von der Kirche?

Wir müssen wegkommen von dialektischen Frontstellungen.  Das Konzil wollte nicht mit den liturgischen Formen brechen, die von der Tradition ererbt sind, sondern im Gegenteil besser in sie eintreten und umfassender an ihnen teilnehmen.

Die Konzilskonstitution [über die Heilige Liturgie, Anm. C. V. O.] verlangt, dass ‚neu einzuführende Formen in gewisser Weise organisch aus bereits bestehenden Formen erwachsen sollten‘.

Daher wäre es falsch, das Konzil in Gegensatz zur Tradition zu bringen. In diesem Sinne ist es notwendig, dass diejenigen, die in der außerordentlichen Form zelebrieren, dies ohne den Geist der Opposition tun und folglich im Geiste von Sacrosanctum Concilium.

Wir brauchen die außerordentliche Form, um zu wissen, in welcher Gesinnung die ordentliche Form zu feiern ist. Umgekehrt läuft eine Zelebration der außerordentlichen Form, welche die Richtlinien von Sacrosanctum Concilium nicht berücksichtigt, Gefahr, diese Form auf ein lebloses, archäologisches Überbleibsel ohne Zukunft zu reduzieren.

Es wäre auch wünschenswert, in den Anhang einer künftigen typischen Ausgabe des Missale [Pauls VI., Anm. C. V. O.] den Bußritus und die Opferungsgebete der außerordentlichen Form einzubeziehen, um zu betonen, dass die beiden liturgischen Formen sich gegenseitig beleuchten – in Kontinuität und ohne zueinander in Widerspruch zu treten.

Unter der Voraussetzung, dass wir in diesem Geist leben, wird die Liturgie aufhören, ein Ort der Rivalitäten und der Kritiksucht zu sein und uns schließlich einführen in die große Liturgie des Himmels.“

Textanalyse und Anfragen

Die in Kardinal Sarahs Antwort von mir durch Fettdruck besonders kenntlich gemachten Passagen sollen nun näher untersucht werden. Zugleich wird die Argumentationstruktur des Gesamtzusammenhangs verdeutlicht.

Zunächst fällt auf, dass der Kardinal das Verbot der überlieferten Liturgie in starken Worten geradezu nur als das Werk des Dämons, als einen diabolischen Akt kennzeichnen und verstehen kann. Darin schließt er sich meines Erachtens einer Rhetorik an, die man – freilich zumeist eher in anderen Zusammenhängen – in dieser Deutlichkeit der Diktion in nachkonziliarer Zeit erst wieder kennt, seit der Heilige Vater Franziskus heißt. Dies ist der einzige Bezugspunkt, den man, wenn auch nur indirekt und durch Interpretation, zum aktuellen Pontifikat herstellen kann.

Sodann aber zeigt sich bald, dass Sarah in der Idee einer Hermeneutik der Kontinuität befangen ist, die sich zwar auf Benedikt XVI. stützen kann, die aber selbst während dessen Pontifikat über den unverbindlich bleibenden Vorbildcharakter der seinerzeitigen päpstlichen Liturgien nie hinausgekommen ist. Ähnlich zurückhaltend hofft jetzt auch Sarah, dass die außerordentliche und die ordentliche Form sich wechselseitig bereichern. Er möchte so aus einer Dialektik herauskommen. Dabei wird ausgerechnet übersehen, dass die Idee einer Hermeneutik der Reform in Kontinuität auf theologischer und diejenige der Zweigestaltigkeit eines Ritus auf liturgisch-kirchenrechtlicher Ebene in höchstem Maße selbst dialektisch angelegt ist, indem die postulierte (!) Qualität  der Kontinuität die Synthese einer nicht näher bestimmten oder nachgewiesenen Übereinstimmung mit der Überlieferung vermitteln soll.

Wenn man Sarahs Darlegungen genau anschaut, ist die Mahnung, das Konzil nicht als Gegensatz zur Tradition zu sehen, nicht so sehr an die Adresse der Progressiven gerichtet, sondern wendet sich an diejenigen, die im überlieferten Usus zelebrieren. Dabei habe ich abstrakt die geringsten Bedenken gegen die Forderung, die überlieferte Liturgie im Geiste der Liturgiekonstution zu praktizieren. Ich selbst habe in meinem hier bereits am 9. August 2012 (!) publizierten Beitrag im Abschnitt ‚Lumen Gentium und Sacrosanctum Concilium entfalten Theologie der Liturgie und vertiefen Eucharistielehre des Konzils von Trient‘ versucht, die prinzipielle theoretische Durchführbarkeit dieser These und ihre Umsetzbarkeit in der liturgischen Praxis der überlieferten Ritus-Gestalt aufzuzeigen. Doch erstens ist es mittlerweile evident, dass aus dieser Möglichkeit während des gesamten Ratzingerpontifikats nie verbindliche Konsequenzen gezogen wurden, und zweitens sind die Formulierungen, die weiter gefasst sind und etwa sagen, die sogenannte außerordentliche Form sei nur im Geiste des Konzils gefeiert voll fruchtbar und zukunftsträchtig, höchst fragwürdig und problematisch.

Das gilt auch für die Aussage, die insinuiert, es seien ‚Traditionalisten‘, die den Novus Ordo Missae in einen Gegensatz zur Tradition hineindrängten, ihn und das Zweite Vatikanische Konzil also vielleicht sogar in böswilliger Absicht, jedenfalls aber in theologischem Unverstand fehlinterpretierten. Welche nachkonziliare Liturgie kennt und erlebt Kardinal Sarah, ist man als Leser versucht, ihn oder zumindest sich selbst zu fragen.

Es steht dahinter ein zwanghafter Harmonisierungswille und auch die mangelnde Bereitschaft (oder Fähigkeit?), die behauptete Kontinuität konkret aufzuzeigen.

Wirklich entlarvend auf der direkt liturgischen Ebene ist das einzige konkrete Beispiel, das Kardinal Sarah mit einem Anhang anführt, der in eine künftige Editio typica des paulinischen Messbuchs integriert werden und als weitere Wahlmöglichkeit einen tridentinischen Bußritus (was ist damit eigentlich gemeint? Das Stufengebet, das Asperges mit Oration als eigenständiger Ritus vor dem Sonntagshochamt?) und die Opferungsgebete des MR1962 enthalten soll. Dafür – nur zur Information für Kardinal Sarah – hatte sich Kardinal Medina Estévez schon vor mehr als zwanzig Jahren als Sarahs Vorvorgänger als Präfekt der Gottesdienstkongregation im Vorfeld der Editio typica tertia von 2002 ausgesprochen, ohne dass diese Ausgabe heute einen solchen Appendix umfassen würde.

Sarah gehört neben Burke und mutatis mutandis Müller zu den großen Lichtgestalten und Hoffnungsträgern bestimmter Kreise.

Wenn man nur diese eine Frage aus Kardinal Sarahs jüngstem Interview herausgreift und nüchtern mit der Kurzen kritischen Untersuchung  Kardinal Ottavianis von vor fünfzig Jahren vergleicht, braucht man keinen Dämon zu bemühen, um einen Schuldigen ausfindig zu machen.

Man hat schlicht und ergreifend und ganz freiwillig solide theologische Beweisführung gegen die Behauptung von Kontinuität und – fakultativ zumal – gegen eine gewisse Poesie überlieferter Formen eingetauscht, die die Seelen einiger der noch verbliebenden jungen Menschen anlächeln, die nach Gott dürsten.

Doch wer das bemerkt und ausspricht, unterliegt vermutlich einem tiefgreifenden ekklesiologischen Irrtum und gehört bestimmt zu den Unglückspropheten, die sogar noch post mortem von Kardinal Ottaviani angeführt werden.

Foto: Kardinal Robert Sarah – Bildquelle: Wikipedia – François-Régis Salefran / CC-BY-SA 4.0