Polemik gegen neue Anrufung Mariens hält an

Eine Erwiderung auf Einwände von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 9. Juli 2020 um 14:51 Uhr
Hl. Gottesmutter Maria

In einem ersten Beitrag wurde hier auf drei ergänzende Anrufungen hingewiesen, deren Einführung in die Lauretanische Litanei Papst Franziskus angeordnet und die Kardinal Robert Sarah als Präfekt der Gottesdienstkongregation bekanntgegeben hat. Die Kritik beschränkt sich dabei prinzipiell auf eine dieser drei neuen Anrufungen, welche solacium migrantium lautet.

Wer ideologisiert diese Anrufung migrationspolitisch?

Zugestanden sei den Skeptikern, dass es Papst Franziskus unter Umständen ganz recht sein mag, dass der lateinische Wortlaut migrantium phonetisch wie von selbst Assoziationen mit Migration und Migranten weckt und mit allen Schlag- und Stichworten, die im Zusammenhang mit den aktuellen Phänomenen Flüchtlingsströme, Flüchtlingskrise, Migrationshintergrund und Integration stehen.

In der ursprünglichen Beschäftigung mit der neuen Einfügung konnten mögliche Alternativen zur vorgeschriebenen lateinischen Formulierung aufgezeigt werden, und es hat sich ergeben, dass solacium migrantium insgesamt sogar die neutralste Ausdrucksweise von diesen ist.

Wenn Kritiker das nicht wissen wollen und ignorieren und ihrerseits die Bedeutung der Anrufung vom Wortgebrauch in den modernen Volkssprachen herleiten, sind sie es, die eine Politisierung und ideologische Vereinnahmung aktiv betreiben, nicht der regierende Pontifex, denn die Bedeutung, die ein Ausdruck in der Liturgie hat, ist vom Latein vorgegeben, nicht von einem lateinischen Lehnwort in den Volkssprachen und von dessen dort vom Lateinischen abweichender oder weiterentwickelter Verwendung.

Parallele Anrufung bereits in Josephslitanei vorhanden

Hingewiesen wurde schon auf die Bezeichnung des heiligen Joseph als solacium Mariens während der Flucht nach Ägypten laut Breviarium Romanum. Intuitiv könnte sich mancher fragen, warum denn dann Franziskus die Lauretanische Litanei ergänzt hat und nicht vielmehr die ebenfalls in offiziellem liturgischen Gebrauch stehende Josephslitanei. Die Antwort ist einfach und zugleich hochinteressant: In der Josephslitanei gibt es bereits die Anrufung Solacium miserorum.

Anregung zur deutschen Übersetzung der neuen Anrufung innerhalb der Lauretanischen Litanei

In der Josephslitanei wird die bereits immer bestehende Anrufung gemeinhin mit Trost der Elenden übersetzt. Das lateinische miser bedeutet unter anderem elend. Im Deutschen existiert elend als Adjektiv und Substantiv, das Elend. Für die deutsche Übersetzung der neuen Anrufung in der Lauretanischen Litanei wurde von mir letzthin nach einigen Schritten der Annäherung am ehesten Trost der Zufluchtssuchenden empfohlen, was freilich einige Interpretation enthält. Schwächer, aber immer noch vorhanden wäre sie in der Übertragung Trost der Fliehenden/Flüchtenden, die exakt im Lateinischen allerdings solacium fugientium voraussetzen würde.

Elend: Wortherkunft und –geschichte im Deutschen

Wenn man sich nun vor Augen führt, dass das mittelhochdeutsche Ellende ursprünglich soviel heißt wie anderes Land und die Elenden damit diejenigen Fremdlinge sind, die aufgrund von Widerwärtigkeiten gezwungen sind, ihr Heimatland zu verlassen oder sich letztlich unfreiwillig außerhalb ihrer eigentlichen Heimat aufzuhalten (was genau der Situation heutiger Geflüchteter entspricht) und weiter bedenkt, dass sich in der Sprache der Liturgie oft alte Wortbedeutungen lange erhalten oder sich auch in einem hieratischen Sprachgebrauch maßvoll wieder aufgreifen lassen, ergibt sich als Resultat die an sich doch naheliegende Möglichkeit, die bestehende Anrufung des heiligen Joseph als Solacium miserorum und die zusätzliche Anrufung Mariens als Solacium migrantium im Deutschen jeweils übereinstimmend mit Trost der Elenden wiederzugeben.

Damit wäre der Prägung jede tendenziöse Färbung genommen, die Kritiker Papst Franziskus unterstellen und entgegenhalten könnten und zugleich ein die Geschichte durchziehendes Phänomen angesprochen, das also nicht nur einer momentanen und vorübergehenden Situation oder Aktualität geschuldet oder verhaftet ist. Man erinnere sich nur der Heimatvertriebenen. Diese generelle Präsenz der Flüchtlingsproblematik durch die Zeitläufte hindurch kann schließlich als zusätzliches Argument angeführt werden, das die entsprechende Ergänzung der Lauretanischen Litanei auch dauerhaft vollauf rechtfertigt.

Foto: Hl. Gottesmutter Maria – Bildquelle: Kathnews