Ideologische Instrumentalisierung der Lauretanischen Litanei?

Ein Kommentar von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 27. Juni 2020 um 09:00 Uhr
Hl. Gottesmutter Maria

Am 20. Juni 2020 wurde ein Rundschreiben der Gottesdienstkongregation veröffentlicht. Darin wendet sich der Präfekt dieser Kongregation, der soeben im Amt bestätigte Kardinal Robert Sarah, an die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen und weist sie darauf hin, dass der Heilige Vater Franziskus drei neue Anrufungen in die Lauretanische Litanei aufgenommen hat und teilt ihnen mit, an welcher Stelle der Muttergotteslitanei diese jeweils einzufügen sind. Mater misericordiae – Mutter der Barmherzigkeit und Mater spei – Mutter der Hoffnung wirken dabei auf Anhieb vertraut, ja, Mutter der Barmherzigkeit war schon von Johannes Paul II. angeregt und vielerorts bereits seit circa zwanzig Jahren eingefügt worden, jetzt ist diese Ergänzung weltkirchlich verbindlich.

Es lässt sich nicht argumentieren, dass Ergänzungen der Lauretanischen Litanei prinzipiell ausgeschlossen seien. Immer wieder hatten die Päpste Anrufungen in sie hinzugefügt. Die letzten vorkonziliaren Zusätze waren 1917 unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges Regina pacis – Königin des Friedens durch Benedikt XV. und 1950, nach der Dogmatisierung vom 1. November, Regina in caelum assumpta – Königin in den Himmel aufgenommen durch Pius XII.

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil proklamierte Paul VI. den Titel Mater Ecclesiae – Mutter der Kirche, und um die Institution von Ehe und Familie in ihrer naturrechtlichen Verankerung sowie sakramentalen Erhebung unter die Schutzherrschaft Mariens zu stellen, trug Johannes Paul II. 1995 die Anrufung Regina familiae – Königin der Familie in die Litanei ein.

Anders wäre es wahrscheinlich bei der Herz-Jesu-Litanei. Deren harmonische Komposition würde durch jede zusätzliche Einfügung empfindlich gestört, denn sie umfasst genau dreiunddreißig Anrufungen, die den dreiunddreißig Jahren des Erdenlebens des Heilandes entsprechen.

Diskussion eines dritten Einschubs durch Papst Franziskus

Eine dritte Einfügung in die Lauretanische Litanei, die Papst Franziskus jetzt verfügt hat, klingt zuerst ungewohnt und hat den Verdacht geweckt, es liege eine missbräuchliche Instrumentalisierung für eine politische Agenda des Papstes vor. Die Formulierung, die gemeint ist, lautet Solacium migrantium und ist nach der schon seit alters bestehenden Anrufung Refugium peccatorum – Zuflucht der Sünder einzuflechten.

Um eine möglichst sinnentsprechende deutsche Wiedergabe des neuen Titels möchte ich mich später bemühen; zunächst soll der lateinische Wortlaut analysiert werden, weil sich gerade daran die kontroverse Kritik entzündet hat, der Papst trage die aktuelle Flüchtlingsproblematik mit ihren politischen Implikationen in die Litanei hinein. Das lateinische migrantium klingt für unsere Ohren natürlich besonders stark nach dem deutschen Wort Migranten und scheint damit von tagesaktuellen Themen und politischen oder soziologischen Interessen vereinnahmt zu sein. Solacium heißt Trost und ergäbe dann die Prägung Trost der Migranten.

AuĂźer migro – ich wandere, ich ĂĽbersiedele kämen noch (re-)fugio – ich (ent-)fliehe, ich suche Zuflucht oder als drittes Verb der räumlichen Bewegung peregrinor – ich reise (umher) in Betracht. Möglich wären also alternativ die Formulierungen Solacium (re-)fugientium und Solacium peregrinorum.

In refugientium würden die refugees der modernen Weltsprache Englisch anklingen, der Einwand unzulässiger Politisierung womöglich noch vorwurfsvoller vorgetragen. Migrare ist von diesen Verben jedenfalls am meisten allgemein.

So erstaunlich es sein mag, wäre eine rechtlich-politische Konnotation an sich bei Solacium peregrinorum am stärksten, denn klassisch und rechtssprachlich bezeichnet peregrinus im Lateinischen den (schutzlosen) Fremden ohne (römisches) Bürgerrecht. Im mittellateinischen und kirchlichen Sprachgebrauch allerdings nimmt peregrinus die Bedeutung von Pilger an, was den Sinngehalt und die Interpretation der neuen Anrufung in eine nicht beabsichtigte Richtung verlagern und vielleicht tatsächlich verharmlosen würde.

Der heilige Joseph als solatium Mariens

Bemerkenswert ist, dass in einer Predigt des heiligen Hieronymus, aus der im klassischen Römischen Brevier am 19. März in der III. Nokturn gelesen wird, ausgerechnet im Zusammenhang mit der Flucht nach Ägypten vom heiligen Joseph (!) als dem solatium (man beachte die jüngere Schreibweise!) Mariens die Rede ist: ut in AEgyptum fugiens haberet solatium – damit sie (= Maria), nach Ägypten fliehend, einen Trost habe.

Dieser Bezugspunkt könnte wiederum als Argument für die Formulierung Solacium (re-)fugientium gelten, die außerdem das vorangegangene Refugium peccatorum sprachlich schön aufgreifen würde. Jedoch würde die politische Linke dann dem Papst am Ende noch vorwerfen, er insinuiere, es sei ein moralisches Fehlverhalten, gar eine Sünde, die Heimat zu verlassen; ein Flüchtling zu sein.

Insgesamt ergibt sich, dass die tatsächlich vorgeschriebene Formulierung Solacium migrantium im Lateinischen gleichsam die neutralste und am weitesten gefasste, insofern sogar die am wenigsten politisierte Prägung ist. Man könnte schlieĂźlich noch daran denken, statt solacium das dichterische solamen vorzuziehen, um die zumindest akustische Verwechslungsgefahr mit dem deutschen Fremdwort Solarium auszuschlieĂźen, aus der sich fĂĽr den des Lateinischen Unkundigen – gerade beim gesungenen Vortrag –  eine unfreiwillige Komik der Anrufung ergeben kann.

Doch schwerer wiegt der schon angeführte Wortgebrauch im Brevier und beim heiligen Hieronymus. Die neue Anrufung ist übrigens passend eingebettet in den Motivzusammenhang von Zuflucht und Trost, denn auf sie folgt Con-„sola“-trix afflictorum – Trösterin der Betrübten.

Versuch und Vorschlag einer treffenden deutschen Formulierung

Für die deutsche Übersetzung bietet sich, auch wenn es im Lateinischen sehr allgemein migrantium heißt, nach eingehender Abwägung all dieser Überlegungen und Aspekte Solacium migrantium – Trost der Zufluchtssuchenden an. Mit diesem Übersetzungsvorschlag wäre einerseits der möglicherweise wirklich zu sehr aktualitätsgebundene und politisch aufgeladene Begriff der Migranten (der im lateinischen Ausdruck gerade nicht vorliegt) vermieden und andererseits doch das spezifisch Gemeinte in echter Gebetssprache gesagt.

WiedereinfĂĽhrung eines Festes

Nachdem wir uns hier mit einer Erweiterung der Lauretanischen Litanei befasst haben, soll nochmals in Erinnerung gerufen werden, dass Papst Franziskus am 7. Oktober 2019 das 1960 abgeschaffte Fest der Übertragung des heiligen Hauses der Allerseligsten Jungfrau Maria am 10. Dezember als Fest Unserer Lieben Frau von Loreto wieder eingeführt und als nichtgebotenen Gedenktag in den aktuellen Generalkalender des Römischen Ritus eingefügt hat. Bis 1960 gab es ebenfalls mancherorts das Fest der Flucht Unseres Herrn Jesus Christus nach Ägypten am 17. Februar. Papst Franziskus könnte entsprechend auch dieses wiederherstellen und es auf die gesamte Kirche ausdehnen. Die Oration seines insgesamt sehr schönen Messformulars lautet in eigener deutscher Übersetzung:

„Du Beschützer derer, die auf Dich hoffen: Gott, der Du Deinen Eingeborenen [Sohn], unseren Erlöser, durch die Flucht nach Ägypten dem Schwerte des Herodes entrinnen lassen wolltest, gewähre uns, Deinen Dienern, dass wir, für die die Allerseligste, immerwährende Jungfrau, Seine Mutter Maria, eintritt, von allen Gefahren der Seele und des Leibes befreit, zum himmlischen Vaterlande zu gelangen verdienen. Durch denselben Jesus Christus, unsern Herrn.“

Foto: Hl. Gottesmutter Maria – Bildquelle: C. Steindorf, kathnews