Liturgie als Ausdruck des Glaubens und christlicher Vitalität – Teil I

Ein Gespräch mit Pater Dr. Johannes Nebel FSO, dem wissenschaftlichen Kurator des Scheffczyk-Zentrums/Bregenz, über Nachlass und Fortwirken des Theologen und Kardinals Leo Scheffczyk (1920-2005) zum 100. Geburtstag.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 22. August 2020 um 17:06 Uhr
Bildquelle: Privatarchiv

Hochwürdiger Herr Pater Nebel, können Sie eingangs etwas zu Ihrer Person sagen?

Ich bin Priester der geistlichen Familie „Das Werk“, vom Fach Liturgiker und in einer Haupttätigkeit seit 2006 in Bregenz mit der Verwaltung des Nachlasses von Kardinal Leo Scheffczyk (1920-2005) beauftragt. Aufgewachsen bin ich nördlich von Frankfurt a.M., habe an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen (Frankfurt) 1993 das Grundstudium in katholischer Theologie mit dem Diplom abgeschlossen und bin im gleichen Jahr der geistlichen Familie „Das Werk“ beigetreten. Im deren Auftrag spezialisierte ich mich am Päpstlichen Liturgischen Institut Sant’Anselmo (Rom) in Liturgiewissenschaft und erwarb 2000 das Doktorat mit einer Arbeit über die Entwicklung des römischen Messritus im Frühmittelalter. Dort gab ich in diesen Jahren auch einige Kurse in liturgischem Latein und in Liturgiewissenschaft. Ich lebe im Kloster Thalbach in Bregenz.

Können Sie etwas zu Ihrer Gemeinschaft sagen?

Die geistliche Familie „Das Werk“ ist 1938 in Belgien entstanden; ihre Gründerin ist Frau Julia Verhaeghe (1910-1997). Seit den 1960er Jahren das „Werk“ in verschiedenen europäischen und außereuropäischen Ländern verbreitet und wurde 2001 von Papst Johannes Paul II. päpstlich anerkannt. Die Mitglieder im engeren Sinn leben als männlicher und weiblicher Zweig – jeweils mit eigener Leitung und mit einer beide umfassenden Gesamtleitung – gemäß den drei evangelischen Räten. Mit Mitgliedern im weiteren Sinn (katholischen Christen aller Lebensstände, zu ihnen gehörte auch Kardinal Scheffczyk) bilden sie eine einzige geistliche Familie.

Worin bestehen Spiritualität und Zielsetzung des „Werkes“?

Man könnte es vielleicht folgendermaßen auf den Punkt bringen: Gebunden an das heiligste Herz Jesu und maßgeblich inspiriert von den Briefen des Apostels Paulus, ist es zentrale Sendung des „Werkes“, in Anbetung, Einheit und gegenseitiger Ergänzung die Schönheit der Kirche als des Leibes Christi sowie die Fülle und Reinheit ihres Glaubens zu bezeugen, für Verwundungen ihres Lebens zu sühnen und in vielfältigen Aufgabenbereichen zu ihrer Lebenskraft beizutragen.

Bekannt ist Ihre Gemeinschaft ebenfalls im Zusammenhang mit dem großen englischen Konvertiten und Kardinal John Henry Newman (1801-1890), der am 13. Oktober 2019 heiliggesprochen wurde.

Ja, im „Werk“ hat sich seit den 1970er Jahren eine eigene Newman-Arbeit entwickelt, die zur Einrichtung mehrerer Newman-Zentren führte (vor allem in Rom und in Littlemore bei Oxford, dem Konversionsort Kardinal Newmans). Mehrere Newman-Symposien und andere Newman-Veranstaltungen wurden vom „Werk“ organisiert beziehungsweise mitgetragen. Papst Benedikt XVI. hat anlässlich der Seligsprechung Newmans den Beitrag des „Werkes“ zur Würdigung Newmans und der Erforschung seines Lebens und seiner Theologie eigens erwähnt, was uns natürlich sehr gefreut hat. Die Verbundenheit mit Newman geht zurück darauf, dass unsere Gründerin beim Lesen von Texten Newmans eine tiefgehende Geisteseinheit zu ihm gespürt hat. Insofern ist auch in ihrem Leben der Einsatz der Gemeinschaft für Newman verwurzelt. Grundsätzlich gesehen ist aber die Spiritualität des „Werkes“ gegenüber Kardinal Newman eigenständig.

Sie kamen auch auf Leo Scheffczyk zu sprechen. Er lehrte katholische Dogmatik in München und wurde 2001 von Papst Johannes Paul II. zur Anerkennung seines theologischen Werkes zum Kardinal erhoben. Damit ist Scheffczyk Theologe von Weltrang. Was umfasst Ihren Einsatz für Kardinal Scheffczyk?

Diese Tätigkeit beinhaltet nicht nur die Verwaltung seines Nachlasses, den er als ganzen dem „Werk“ vererbt hat, sondern auch die Erschließung seiner Biographie sowie die Sorge um die Verbreitung seines theologischen Denkens. In diesem Rahmen habe ich sein klassisches Werk „Katholische Glaubenswelt. Wahrheit und Gestalt“ neu herausgegeben (Schoeningh-Verlag 2008). Jährlich arbeite ich auch im Wissenschaftlichen Beirat der Internationalen Theologischen Sommerakademie in Aigen (Oberösterreich) mit – in Nachfolge von Kardinal Scheffczyk selbst, der diese Akademie maßgeblich geistig mitgeprägt hat.

In diesem Rahmen halte ich verschiedentlich Vorträge zur Theologie Scheffczyks. Im September 2015 fand anlässlich des 10. Todestages Kardinal Scheffczyks im Kloster Thalbach in Bregenz ein erstes Symposium über ihn statt, wozu ich acht qualifizierte Referenten, weitgehend Lehrstuhlinhaber, gewinnen konnte. Die Beiträge habe ich dann zusammen mit der wissenschaftlichen Neuerarbeitung des Gesamtverzeichnisses der Schriften Kardinal Scheffczyks herausgegeben (Kardinal Leo Scheffczyk [1920-2005]. Das Vermächtnis seines Denkens für die Gegenwart, Regensburg: Pustet-Verlag 2017). Im kommenden September wird anlässlich des 100. Geburtstages Kardinal Scheffczyks in Lugano unter Leitung von Prof. Dr. Manfred Hauke und Pater Prof. Dr. Richard Schenk OP – beide waren Schüler Scheffczyks – eine umfangreiche wissenschaftliche Fachtagung stattfinden, zu der auch ich mit einem Vortrag beitragen darf (siehe hier).

Welches Anliegen ist in Scheffczyks Denken zentral? Oft wird für Leo Scheffczyk der marianische Zug seines Denkens herausgestellt.

Dies scheint mir aber missverständlich: Wie anhand jedes anderen Aspekts des Glaubens, so geht es Scheffczyk auch anhand von Maria vor allem darum, Licht auf das Gesamte katholischer Glaubenshaltung zu werfen. Zentrales Anliegen seines Denkens ist es, theologisch darzustellen, worin das ‚Katholische‘ besteht. Er schreckt nicht davor zurück, dies auch offen im konfessionellen Sinne zu verstehen.

Wird der Blick auf das ‚Katholische‘ auch in Lugano zur Sprache kommen?

Gewiss; darum werde auch ich in meinem Beitrag bemüht sein. Ganz zentral für das Denken Kardinal Scheffczyks ist das, was er als „Heilsrealismus“ bezeichnet: Das übernatürliche Heil nimmt die konkrete materiell-geschichtliche Gegebenheit in Dienst. Weil dies Angelpunkt seines Denkens ist, gelingt es ihm (– das kann ich hier nur kurz andeuten –), das bleibende begriffliche Verdienst scholastischer Tradition mit dem heilsgeschichtlichen und personalen Denken so organisch zu verbinden, wie man es sonst selten findet.

Welche Rolle spielt in Scheffczyks Denken die intellektuelle Durchdringung und glaubensgemäße Erfassung der Offenbarung?

Damit sprechen Sie etwas Wesentliches an. Kardinal Scheffczyk versteht Theologie – vielleicht sogar noch pointierter als manche andere namhafte Theologen des 20. Jahrhunderts – von wissenschaftlicher Reflexion her. Sie ist zwar der Verkündigung zugeordnet, bleibt aber von ihr verschieden. Entscheidend ist in Scheffczyks Denken daher eine saubere und konsequente begriffliche Arbeit. Das macht Scheffczyk nicht immer und nicht für alle leicht lesbar, auch wenn sein Stil grundsätzlich verständlich ist. Aber der Intellekt hat dennoch nur eine dienende Stellung, die angesichts des Mysteriums des Glaubens zugleich um ihre Grenzen weiß. Dies drückt Scheffczyk mehrfach offen aus.

Eigentliche Erkenntnisquelle der Theologie ist daher nicht das fachwissenschaftliche Argument, sondern der Glaube. Wissenschaft ist in der Theologie nur sozusagen Weg der Erschließung dessen, was der Glaube grundlegt. Das Glaubensprinzip bindet daher theologische Wissenschaft auch an die Kirche als die vom Lehramt autoritativ geführte Gemeinschaft der Glaubenden. Der klare Blick auf die Quellen theologischer Erkenntnisbildung (loci theologici) ist daher für Theologie als Glaubenswissenschaft entscheidend. Den Glauben, auch in seinem Inhalt, sieht Scheffczyk aber im Dienst der Gottesbeziehung des Menschen, also des wahren Lebens. Daher gibt es in seinem Denken eine vitale Stoßrichtung, die noch mehr entdeckt zu werden verdient.

Leo Scheffczyks Gesamtwerk umfasst über 2100 Publikationen. Bietet er auch eine entfaltete Theologie der Liturgie, ähnlich etwa wie Romano Guardini oder Joseph Ratzinger?

Dies kann man so nicht sagen. Die ausdrücklich der heiligen Liturgie gewidmeten Schriften Scheffczyks machen innerhalb seiner Gesamtbibliographie keinen besonders großen Anteil aus; er hat der Liturgie auch keine eigene Monographie gewidmet.

Könnte man aber trotzdem sagen, dass sein Denken Ansätze und Anstöße zur Theologie der Liturgie bietet?

Scheffczyks Denken zeichnet sich durch eine innere Kohärenz und Konsequenz aus, über die er – hingewiesen durch andere – zu Lebzeiten hin und wieder selbst erstaunt war. Material, das für die Theologie der Liturgie relevant ist, bietet er vielfältig. Es könnte durchaus aussagekräftig sein, etwa seine Ausführungen über lex orandi (Gesetz des Betens, also die Liturgie) und lex credendi (Gesetz des Glaubens), über das Mysterium Gottes, über die Sakramente und über die „Heilsmacht des Wortes“ – so der Titel einer wichtigen Monographie Scheffczyks von 1966 – und manches mehr zu einem Gesamtbild zu vereinigen. Dazu braucht es freilich einen ruhig und sensibel wahrnehmenden Theologen, der zugleich über systematische Integrationskraft verfügt.

Hier gelangen Sie zu Teil II des Interviews.

Foto: Pater Dr. Johannes Nebel FSO – Bildquelle: Privatarchiv