Hermeneutik der Krise bei Papst Franziskus und die Hermeneutik der Reform seines Amtsvorgängers

Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 3. September 2021 um 08:19 Uhr
Statue des hl. Petrus

Anfang des Jahres habe ich mich selbst bemüht, Ausführungen des regierenden Heiligen Vaters bei einer Ansprache vor Katecheten im Lichte der Reformhermeneutik zu verstehen, die Papst Benedikt XVI. am 22. Dezember 2005 entwickelt hatte Papst Franziskus bekräftigt Papst Benedikts „Hermeneutik der Reform“ « kathnews. Einer Anregung Gero P. Weishaupts folgend, das neue Motu proprio Traditionis Custodes nur vor dem Hintergrund dieser Hermeneutik einzuordnen, habe ich mich noch einmal mit der Weihnachtsansprache an das Kardinalskollegium von 2005 auseinandergesetzt. Dies ist in drei aufeinander aufbauenden Beiträgen bei den Kollegen von Katholisches.info geschehen Christi Leib und Kleid – Katholisches. Aufgrund der Dialektik, die die Überlegungen des emeritierten Papstes seinerzeit selbst gekennzeichnet hat, ist es zwar nicht nötig, grundlegend einen Widerspruch zwischen Papst Franziskus und der Argumentation Benedikts XVI. zu sehen, aber vor dem Horizont der Ansprache beim Weihnachtsempfang  am 21. Dezember 2020 kann die pia interpretatio, die ich der Ansprache an die italienischen Katecheten vom 30. Januar 2021 zuerst zugrundegelegt hatte, nicht in der ursprünglichen Geschmeidigkeit aufrechterhalten werden.

Umwidmung von Reform und Krise

Ganz ähnlich wie Benedikt XVI. den Begriff der Reform 2005 aus seinem vorherrschend progressiven Verständnis herauslöste, verfährt Papst Franziskus in der Ansprache beim Weihnachtsempfang des letzten Jahres mit dem Terminus der Krise. Während Krise im allgemeinen Sprachgebrauch eher etwas Problematisches bezeichnet und mehr oder weniger negativ angehaucht ist, spricht Papst Franziskus von der vom Heiligen Geist gewollten und eingeführten Krise, gibt dem Begriff also ganz dezidiert eine unkonventionell positiv ausgerichtete Bedeutung. Wie die genauere Analyse gezeigt hat, entsteht so doch eine Akzentverschiebung zwischen Benedikt und Franziskus: Während Benedikt XVI. Spannungen lösen und erklären wollte, indem er Diskontinuitäten in den Kontext einer sie umfangenden größeren Kontinuität einzubetten bestrebt war, wird nun bei Franziskus doch die Krise zum Verständnisschlüssel des Ganzen. Schaut man hinter die Subtilität der Ausführungen bei Benedikt, aber auch beim amtierenden Papst, muss man sich eingestehen, dass die Hermeneutik der Krise konsequent zu Ende gedacht eine Hermeneutik des Bruches ist, für die die Autorität des Heiligen Geistes in Anspruch genommen wird.

Liturgie und Glaube sowie die Autorität von Konzilien in der Logik wechselnder Moden?

Insbesondere im letzten der drei Beiträge auf Katholisches.info konnte ich aufzeigen, wie Papst Franziskus ausgehend von Lk 5, 36-38 die Liturgie im Unterschied zum Leib als das Gewand Christi betrachtet. Alte und neue Liturgie sind dann ein altes und ein neues Kleid, die sich ablösen, und auch der Gedanke einer wechselseitigen Bereicherung wird notwendigerweise obsolet, denn niemand schneidet ein Stück von einem neuen Gewand ab und setzt es auf ein altes Gewand.

Man muss diese Argumentation nicht auf die Liturgie beschränken, kann sie viel umfassender anwenden: Papst Franziskus will Schluss machen damit, dass Katholiken meinen, nach dem Zweiten Vaticanum in der Kirche unbehelligt weiter so tun und leben zu können, als trage sie nach wie vor ihr tridentinisches Gewand, oder vielleicht noch genauer, das Gewand, welches das Erste Vaticanum ihr aus dem Tridentinum geschneidert hat, wie etwa Hubert Wolf argumentieren würde. Ohne eine solche Sichtweise zu teilen oder auch nur zu billigen, muss man sich bei manchen heutigen Traditionalisten überdies fragen, ob sie sich nicht wirklich das Bild einer neotridentinischen oder antimodernistischen Kirche zurechtlegen, die es so wahrscheinlich nie gegeben hat (oder die lediglich eine Strömung neben anderen war).

Das eigentliche Problem freilich ist, dass man sich mit der Situation, die nach Traditionis Custodes entstehen wird, nicht mehr arrangieren kann, wenn man Tradition und Kontinuität ernstlich als konstitutiv für den katholischen Glauben und seine Praxis ansieht, und das gilt dann bei weitem nicht nur für den Bereich der Liturgie.

Foto: Statue des hl. Petrus – Bildquelle: Kathnews

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