Die Heiligen der Trierer Kirche – neu vorgestellt

Eine Buchbesprechung von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 31. Oktober 2020 um 10:19 Uhr

Noch druckfrisch ist ein Buch, das soeben im Trierer Verlag für Geschichte und Kultur erschienen ist. Sein Verfasser ist der emeritierte Professor für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät Trier, Msgr. Dr. Andreas Heinz, und der Titel ist unprätentiös schlicht: Das Trierer Heiligenbuch. Die Eigenfeiern der Trierischen Kirche.

Dass den Leser dennoch eine leuchtende Strahlkraft erwartet, die von den Glaubensgestalten der Trierer Kirche ausgeht und über die Jahrhunderte nicht verblassen muss, tritt uns in der Einbandgestaltung entgegen, die auf goldenem Grund figurenreich die Trierer Heiligen und Seligen zeigt. Eine zeitgenössische Ikone, deren Darstellung auf ihre Weise die tiefen und frühen Wurzeln des Christentums im Trierer Land in Erinnerung ruft, die in eine Zeit zurückreichen, in der die Kirche noch nicht in Ost und West geschieden war.

Mit dem Buch sieht man sich zugleich in eine europäische Region versetzt, was sich schön im Geleitwort des Erzbischofs von Luxemburg[1] ausdrückt, das Kardinal Jean-Claude Hollerich aus freundschaftlicher Verbundenheit zum Verfasser beigetragen hat. Bereits 2017 wurde Heinz‘ Verbundenheit mit dem Luxemburger Land und kirchlichem Leben, besonders seine Verdienste um die geschichtliche Erforschung der Verehrung der Trösterin der Betrübten, gewürdigt, indem Hollerich Monsignore Heinz als ersten Trierer Diözesanpriester überhaupt zum Ehrendomherrn an der Kathedrale zu Luxemburg ernannte.

Heimatverwurzelter Europäer

Heinz ist nicht nur Europäer im besten Sinne des Wortes, sein Buch ist auch ein Beleg für seine Heimatverwurzelung in einem kleinräumigen Sinn, was für den ortskundigen Leser sofort auffällt, für andere vielleicht mehr subtil auf den zweiten Blick sich verrät: Die allererste Abbildung im Buch[2] zeigt die Holzplastik der Drei Auwer Jungfrauen, die auf einem Esel reitend vor dem Frankenkönig  Dagobert I. (+ 638, in der Dreiergruppe nicht in Sichtweite) fliehen, der ihrer gottgeweihten Jungfräulichkeit nachstellt. Die Darstellung ist auf der Evangelienseite des Chorraumes über der Sakristeitür der Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt in Auw an der Kyll angebracht, dem Heimatdorf von Andreas Heinz, wo er auch lebt. Der rückwärtige Umschlag bietet eine Kurzinformation zur Biographie und Person des Autors und zeigt ihn in der Soutane eines Monsignore – auch wenn es sich nur um einen kleinen Bildausschnitt handelt – unverkennbar vor der Haustüre des früheren Pfarrhauses von Auw stehend.

Das charakteristische Geschichtsbewusstsein des Eifeler Gelehrten und Priesters wird deutlich, wenn er in seinem eigenen Vorwort auf das letzte, umfangreichere Vorläuferbuch, das Trierer Heiligenviten beschrieben hat, hinweist, welches 1892 erschienen war und damit gleichsam auch rechtfertigt, nach so langer Zeit ein aktualisiertes Werk hagiographisch-historischer Darstellung bedeutender Gestalten, die auf Trierer Diözesangebiet in seiner historischen Ausdehnung oder auf der Ebene seiner regionalen Dimension wirkten und prägend wurden, vorlegen zu wollen.[3]

Die Trierer Diözese ging erst spät vollständig zur römisch-tridentinischen Liturgie über, nämlich zum 1. Januar 1887. Bis dahin war noch in circa dreißig Prozent der Pfarreien der Trierer Eigenritus verwurzelt gewesen, wie er sich für die heilige Messe im Trierer Missale von 1608/10 fand. Zwischen den Missae Propriae im Eigenkalender, den Rom 1886 für das Bistum Trier approbiert hatte und seiner Fassung von 1962 gibt es einige kleinere Abweichungen. Heinz folgt sinnvollerweise dem liturgischen Kalender im Anschluss an die Liturgiereform, die Papst Paul VI. nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil verfügt hat. Hier ist es von Interesse, dass der nachkonziliare Kalender die Feier der heiligen Adelgundis am 30. Januar wiederhergestellt hat, die der Kalenderreform unter Pius X. 1911-1913 zum Opfer gefallen war.[4] Jeweils das Tagesgebet in seiner amtlichen deutschen Form schließt jeden kalendarischen Eintrag ab, sofern es sich nicht um einzelne Personen, die auch berücksichtigt sind, handelt, deren Seligsprechungsprozess noch im Gange ist.

Einzelne Vorzüge und teilweise gestärktes Traditionsbewusstsein im nachkonziliaren Trierer Eigenkalender

Positiv am nachkonziliaren Diözesankalendarium beziehungsweise an Heinz‘ Buch zu werten ist ein breiteres historisches Bewusstsein verglichen mit dem letzten, vorkonziliaren Stand. So ist der heilige Athanasius berücksichtigt, für den Trier zum Verbannungsort wurde.[5] Heinz schreibt unmissverständlich: „Das klare Christusbekenntnis des Konzils von Nizäa konnte die verkehrte Christologie der Arianer nicht über Nacht aus der Welt schaffen.“[6] Kaiser Konstatin der Große (306-337) habe Kompromissformeln begünstigt, wo es keine Kompromisse habe geben können.[7] Wenn sich, so möchte man Heinz ergänzen, ein historisches Bewusstsein mit wachem Gegenwartsbezug verbindet, so ist die Aktualität dieses Bekenntnisses gerade heute wieder frappierend, wo es bei vielen Theologen und häufig noch verflachter bei der Minderheit der nach wie vor praktizierenden oder sogar kirchlich engagierten Gläubigen die Tendenz gibt, Jesus auf einen „besonders begnadeten und herausgehobenen Menschen“[8] zu reduzieren oder dogmatische Fragen ganz generell als für Praxis und Pastoral belanglos und insbesondere für das ökumenische Gespräch und Miteinander selbst am Altar und Kelch der Eucharistie als letztlich unerheblich erscheinen zu lassen.

Ein weiterer Gewinn oder Vorzug des aktuellen Eigenkalenders ist die Möglichkeit des heutigen Bistums Trier, liturgisch wieder offiziell an der Luxemburger Verehrung der Trösterin der Betrübten teilzunehmen. Als die Gottesmutter 1678 unter diesem Titel zur Schutzfrau des Luxemburger Landes erwählt wurde, gehörten Luxemburg-Stadt und der größte Teil des Landes zum damaligen Erzbistum Trier.[9]

Der Heilige Rock als Sinnbild kirchlicher Einheit der Christenheit und eine wechselhafte Geschichte des Festtermins

Bei der Schilderung der Verehrung der Tunika Christi[10], volkstümlich besser bekannt als der Heilige Rock, hätte Heinz die geschichtliche Fluktuation des Festermins erwähnen sollen, die dazu führt, dass dieses wichtige Bistumsfest nach nachkonziliarem und 1962er Eigenkalender weiterhin auf zwei völlig eigene Daten fällt und so nach dem MR1962 bei Teilnahme an den jährlichen Heilig-Rock-Tagen strenggenommen lediglich als feierliche Votivmesse zelebriert werden kann. Zu begrüßen ist, dass die für das tridentinische Proprium seinerzeit eigens formulierte Oration im deutschen Tagesgebet des nachkonziliaren Messformulars erhaltengeblieben und fast wortgetreu im Deutschen wiedergegeben ist. An diesem Beispiel sieht man schön den Wert des jüngsten Dekretes der Glaubenskongregation Cum Sanctissima, welches die überlieferte Liturgie betrifft. Sonst gibt es öfters Verschiebungen um einige Tage im Termin, die allerdings in den jeweiligen Generalkalendern ja auch nicht wirklich stören.

Praktisches Resümee und Ausklang

Das neue Trierer Heiligenbuch gliedert sich in vier Hauptabschnitte. Zuerst ein Durchgang durch die Eigenfeiern im Kranz der Monate des bürgerlichen Jahres, die das gesamte Bistum betreffen[11], gefolgt von solchen Gedenktagen, die nur an einzelnen Orten gefeiert werden[12] und von Heiligen, die bloß hier und da als Kirchenpatrone anzutreffen sind[13]. Den kürzesten Abschnitt ergeben Personendarstellungen zu drei Seligsprechungsprozessen[14], die aktuell geführt werden.  Deren letzterer betrifft die Schönstätter Marienschwester Emilie Engel (1893-1955).[15] Wohltuend ist, dass der Prozess, der aktuell noch für den Gründer der Schönstattbewegung geführt wird, bereits keine direkte Erwähnung mehr findet.[16] Ein Orts- und ein Personenregister erleichtern die Benützung des Buches außerordentlich.

Will man am Buch inhaltlich eine leise Kritik anbringen, so könnte man anführen, dass der Autor darin immer wieder als Vertreter einer Generation von Liturgiewissenschaftlern durchscheint, die zur kritischen Mentalität der nachkonzilaren Liturgiereformer nicht ihrerseits auch in eine kritische Distanz treten konnten und können.[17] Sein persönliches Geschichtsinteresse hat das freilich bei Heinz immer schon angenehm abgemildert und versachlicht, ebenso seine moderat-ausgewogene und menschlich umgängliche, bescheidene Wesensart.

Sein Werk ist deshalb insgesamt uneingeschränkt empfehlenswert. Es tritt in einen scharfen Kontrast zur Strukturreform des Bistums Trier, die, als Aufbruch getarnt, mehr oder weniger unbeholfen den kirchlichen Niedergang verwaltet und realitätsfremd-uneinsichtig den Schwund an Gläubigen und Priestern immer noch als Erneuerungsfrucht nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil auszugeben versucht. Freilich ein Phänomen, das nicht auf die Diözese Trier beschränkt ist und als dessen neuestes Symptom der Synodale Weg bezeichnet werden kann, auch wenn die Faktoren, die zu diesem Substanzverlust geführt haben, nicht ausschließlich dem bisher letzten Konzil und der anschließenden Neugestaltung des Gottesdienstes zuzuschreiben sind.

Ein äußerlich-praktischer Nachteil des Trierer Heiligenbuches besteht darin, dass es auf ungetönt weißem Papier gedruckt ist, dessen hochglanzbeschichtete Oberfläche beim Lesen elektrisches Licht unangenehm reflektiert.

Bibliographische Angaben und Bestellmöglichkeit: Verlag für Geschichte und Kultur

[1] Vgl. Heinz, A., Trierer Heiligenbuch. Die Eigenfeiern der Trierischen Kirche, Trier 2020, S. XVf, fortan zitiert als Heinz, Heiligenbuch.

[2] Vgl. ebd., S. 4.

[3] Vgl. ebd., S. XII sowie im Literaturverzeichnis Mohr, J., Die Heiligen der Diözese Trier, Trier 1892, ebd. S. 264, allerdings listet es auch Sauser, E., Trierer Heilige. 38 Betrachtungen, Trier 1988 auf, vgl. ebd. S. 265.

[4] Vgl. ebd., S. 14.

[5] Vgl. dessen Eintrag, ebd., S. 49-52.

[6] Ebd., S. 49.

[7] Vgl. ebd., a. a. O.

[8] Vgl. ebd., a. a. O.

[9] Vgl. ebd., S. 44-46, hier S. 45.

[10] Vgl. ebd., S. 40-43.

[11] Vgl. ebd., S. 3-191.

[12] Vgl. ebd., S. 195-222.

[13] Vgl. ebd., S. 227-235.

[14] Vgl. ebd., S. 239-249.

[15] Vgl. ebd., S. 247-249.

[16] Vgl. dazu Teuffenbach v., A., Vater darf das. Sr. M. Georgina Wagner und andere missbrauchte Schönstätter Marienschwestern, Nordhausen 2020.

[17] Vgl. Heinz, Heiligenbuch, beispielsweise im Eintrag zum heiligen Valerius, S. 10-13, hier S. 10 und passim.

Foto: Das Trierer Heiligenbuch – Buchcover – Bildquelle: Verlag für Kunst und Kultur