Die Braut Christi mit ihren vielfältigen Gesichtern – Sondierung von Querida Amazonia und Auswertung

Teil 5: Sondierung und Auswertung von Kapitel IV – Nachtrag zu Teil 3, Exkurs und Korrektur zum Traditionsbegriff in QA 66. Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 5. März 2020 um 10:55 Uhr
Petersdom

Bevor mit der Durchsicht von QA fortgefahren werden kann, sei ein Rückblick gestattet auf Teil 3 dieser Artikelreihe, worin aus QA 66 der zugrundegelegte Traditionsbegriff erhoben wird. Die dort getroffene Unterscheidung zwischen Wurzel und Baum als Metapher für die Norm und Qualität der Überlieferung haben wir als einen Beitrag gewürdigt, zu einem korrekteren und präzisen Verständnis der Vitalität der Tradition zu gelangen.

Prägnanz oder Verstümmelung eines Kirchenvaters?

Intuitiv übte ich dabei Kritik an der Knappheit des aus dem Commonitorium des heiligen Vinzenz von Lérins angeführten, in QA selbst unübersetzt bleibenden Zitats. Von der Annahme, das sprachliche Bild von Wurzel und Baum entstamme dem größeren Textzusammenhang der zitierten Stelle, wurde mein eigener Übersetzungsvorschlag geleitet. Zwischenzeitlich war es möglich, die vorbildliche, zweisprachige Ausgabe des Commonitoriums zu konsultieren, die Michael Fiedrowicz bereits 2011 herausgegeben hat und in der dem lateinischen Text die zuverlässige deutsche Übersetzung von Claudia Barthold gegenübersteht. Die fragliche Textstelle mit ihrem größeren Kontext findet man in dieser kritischen Edition lat. S. 268/dt. S. 269.

Tatsächlicher Kontext

Sieht man den Text dort ein, stellt man überrascht fest, dass die botanische Metapher, mit der Papst Franziskus argumentiert, nicht aus dem Commonitorium stammt, sondern vom Heiligen Vater selbst. Das schmälert im Grunde genommen nicht ihren Wert und die Präzision, die die begriffliche Abgrenzung von Wurzel und Baum ermöglicht. Den heiligen Vinzenz von Lérins zu zitieren, ist dann allerdings wissenschaftlich methodisch nicht redlich. Die Autorität des Kirchenvaters kann dafür nicht beansprucht werden, ihn in diesem Zusammenhang anzuführen, ist demnach überhaupt kein Argument, sondern, wie schon ursprünglich vermutet, tatsächlich bloßes Ornament.

In Wahrheit liegt bei Vinzenz eine anatomische Metapher vor, nämlich das Wachstum des menschlichen Körpers und seiner Glieder vom Stadium des Kindes zu demjenigen des Erwachsenen. Sichtet man das angeführte Zitat in seinem tatsächlichen Rahmen, erkennt man außerdem, dass der Papst den dynamischen Aspekt in den Vordergrund stellt, Vinzenz hingegen gerade den beharrenden betont, ich zitiere die Übersetzung nach Fiedrowicz/Barthold: „Wenn sich nun die menschliche Gestalt in ein artfremdes Gebilde verwandelt, oder zumindest der Zahl der Glieder etwas hinzugefügt oder weggenommen wird, so geht zwangsläufig der ganze Körper zugrunde oder wird missgestaltet oder zumindest geschwächt. So ist es auch für die Lehre der christlichen Religion angemessen, diesen Gesetzen des Fortschritts zu folgen, dass sie nämlich mit den Jahren gefestigt, mit der Zeit erweitert und mit dem Alter verfeinert wird, aber dennoch unzerstört und unversehrt bleibt und im gesamten Umfang ihrer Teile, sozusagen an allen ihr zugehörigen Gliedern und Sinnen vollständig und vollkommen ist, dass sie außerdem keine Veränderung zulässt, keinen Verlust ihrer Eigenart und keine Abweichung von ihrer Wesensbestimmung erträgt“ (Fiedrowicz/Barthold, Commonitorium, S. 269, Unterstreichung: von Papst Franziskus selektiv angeführtes Zitat, Fettdruck: in QA unterschlagene Fortsetzung des Zitats). Damit korrigiere ich nebenbei meinen eigenen Übersetzungsversuch, der sprachlich nicht falsch war, aber die Wurzel-Baum-Metapher in Unkenntnis des dem Zitat vorausgehenden und folgenden Textes gutgläubig als lerinensisch vorausgesetzt hatte.

Man kommt also nicht umhin, einzugestehen, dass diese tendenziöse Art der Zitation viel von dem wieder in Frage stellt oder gar zunichte macht, was das also vom Papst selbst stammende, an sich sehr gelungene, sprachliche Bild von Wurzel und Baum prinzipiell zur Begriffsklarheit von Tradition hätte beitragen können.

Foto: Petersdom – Bildquelle: Wolfgang Stuck