Verlust und Verheißung – „Annibale Bugnini: Reformer of the Liturgy“

Eine Buchbesprechung von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 22. Februar 2019 um 17:18 Uhr

Selbst, wer in diesem Jahr bereits sein Goldenes Priesterjubiläum begeht, hat im Normalfall niemals selbst die überlieferte Römische Messe gefeiert. Wer einige Jahre nach 1969 erst ins Priesterseminar eingetreten ist, wurde in seiner Ausbildung nie darauf vorbereitet, diese Messe zu zelebrieren. Am 3. April dieses Jahres sind es fünfzig Jahre, seit Paul VI. sein Missale Romanum mit der gleichnamigen Apostolischen Konstitution promulgiert hat. Mit dem 1. Fastensonntag 1976 wurde dessen amtliche landessprachliche Fassung im deutschen Sprachraum für den Gebrauch in der Liturgie verbindlich. In einem Kommentar zu einer kürzlich gehaltenen Papstansprache habe ich hier vor einigen Tagen bereits darauf hingewiesen und diese Rezension angekündigt.

Der arrivierte französische Historiker Yves Chiron, der bereits mehrere Biographien zu verschiedenen Persönlichkeiten der neueren Kirchengeschichte vorgelegt hat, tat dies 2016 auch für Erzbischof Annibale Bugnini (1912-1982), deren 2018 erschienene, englische Ausgabe hiermit vorgestellt wird.

Bugnini ist eine umstrittene Gestalt. Gleichgültig, wie man zur nachkonziliaren Liturgiereform steht, gilt jedenfalls, dass kaum ein anderer – Paul VI. selbst vielleicht ausgenommen – sie derart verkörpert wie Annibale Bugnini.

Mehr als eine Biographie

Das Buch ist mehr als eine Biographie, und dies, obwohl sein knapper Umfang von 200 Seiten sich auf elf Kapitel verteilt. Schon daran sieht man, wie dicht und prägnant das Buch geschrieben ist. Es ist aber nicht nur knapp gefasst, sondern spannend wie ein Krimi zu lesen. Der Leser erfährt nicht nur die Lebensstationen Bugninis, diese dienen vielmehr als eine Art Ariadnefaden, an denen er eine Chronologie der Liturgiereform nachverfolgen kann und so erkennt, dass Bugnini in einem Klima und in einer Atmosphäre stand und agierte, die nicht von ihm erzeugt und gelenkt wurden und auch nicht plötzlich erst mit Paul VI. entstanden waren. In einer gewissen Weise reicht sie zurück bis zur neuen, lateinischen Psalmenversion Pius‘ XII. von 1945, die Kardinal Augustin Bea geschaffen und die bereits Johannes XXIII. im großen und ganzen wieder verworfen hatte, und sogar bis zur Brevierreform Pius‘ X. von 1911. Eine Motivation, die man treffend pastoralliturgisch nennen kann, reicht jedenfalls bis in die 1930ger Jahre zurück, die Apostolische Konstitution Divini Cultus Papst Pius‘ XI. vom 20. Dezember 1928 markiert eigentlich schon den Zeitpunkt, zu dem diese Strömung und Zugangsweise kirchenamtlich prinzipiell übernommen wurde.

Bugnini und andere Mythen

Dies wird hier betont, einerseits, um Bugnini zu entmythologisieren, ihn aber auch zu entlasten und zugleich Verschwörungstheorien zu zerstreuen, die im traditionalistischen Milieu sehr beliebt und verbreitet waren und sind, die aber Chiron überzeugend ins Reich der Märchen verweist. Es ist ein Irrtum, zu meinen, die Vertreter der Liturgischen Bewegung der damaligen Zeit hätten entweder alle eine tiefgreifende rituelle und textliche Revision der Liturgie angestrebt, oder diejenigen, die dies tatsächlich taten (und wie Bugnini und Paul VI. letztlich umsetzten), hätten sich damit bewusst in den Dienst übler Pläne gestellt und seien Teil geheimer, am besten noch freimaurerisch initiierter Ränkespiele gewesen. Andererseits stellen wir es hier so betont heraus, weil damit eine Illusion zerstreut wird, die liturgische Überlieferung der Kirche Roms ließe sich so ohne weiteres mit den liturgischen Büchern von 1962 gleichsetzten. Für die Karwochenreform von 1955 war Bugnini zwar, wie Chiron zeigt, noch ohne jeden inhaltlichen Einfluss, deswegen ist aber nicht gesagt, dass sie inhaltlich besser oder gelungener ist als die liturgische Neuordnung, die mit dem Namen Pauls VI. verbunden ist. Vor allem sind die liturgischen Bücher von 1962 deswegen ungeeignet, die liturgische Tradition vollgültig zu repräsentieren, da die ersten Altarmessbücher, die dieser Editio typica entsprachen, erst 1963 erschienen und diese Editio typica in ihrer Geltung bereits 1964 durch die Instruktion Inter Oecumenici modifiziert und in der Instruktion Tres abhinc annos (1967) stark beeinträchtigt wurde. Die Anwendung dieser Instruktionen wurde zwar schon 1984 bei der damaligen Ermöglichung von Indultmessen außer Kraft gesetzt und gilt auch jetzt nicht für Feiern gemäß Summorum Pontificum (2007), doch wenn man ehrlich ist, muss man sagen, dass das MR1962 überhaupt erst seit 1984 von einem gewissen Teil der Kirche längere Zeit verwendet wurde. Kürzlich wurde eine Statistik publiziert, der zufolge derzeit, also selbst unter den großzügigen Bedingungen seit 2007, 1 % aller Priester die alte Messe feiert, also doch ein sehr überschaubares Segment, das sich noch weiter verringern würde, würde man nur die Priester erfassen, die ausschließlich nach diesen Büchern zelebrieren. Das wird hier vermerkt, um den Wert der liturgischen Bücher von 1962 nochmals zu relativieren. Selbst nach 1984 und 2007 sind sie weit von gesamtkirchlich relevanter Verwendung entfernt.

Chirons Buch versammelt viele Details und Fakten, die in interessierten Kreisen schon lange bekannt sind, aber auch solche, die das Bild vervollständigen. Er unterscheidet sorgfältig Anekdote von Tatsache und leistet selbst eine faire Darstellung. Auch für den Leser, der manches schon wusste, ist das Werk willkommen, weil es alles in einem überschaubaren Rahmen anordnet und zusammenfasst und damit einen echten Überblick schafft und manche, auch neue, Einsichten ermöglicht.

Verlust der Romanitas durch Verstümmelung und Marginalisierung des Kanons

Der Bruch, der sicher am meisten entscheidend war, war die Aufgabe der Einzigkeit des Messkanons. Die Schaffung weiterer Hochgebete wurde 1966 ausdrücklich von Paul VI. gewünscht, was Chiron S. 128 ausführt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Papst erklärte, das I. Hochgebet, das immerhin textlich einigermaßen weitgehend mit dem Kanon übereinstimmt, könne immer benutzt werden. Das festzustellen, ist vielleicht eine ehrenvolle Würdigung, aber prinzipiell kann ebenso jedes andere Hochgebet immer benutzt werden. Meist war es in den Jahren nach der Reform das zweite, weil es das kürzeste ist. Mittlerweile bevorzugen gerade jüngere Zelebranten das dritte, seinerzeit völlig neu geschaffene, Hochgebet. Diese Alternativen neben dem Kanon stellen es sachlich in Frage, ob das Missale Romanum Pauls VI. tatsächlich noch zutreffend römisch genannt werden kann; mit dem vierten Hochgebet, mit dem man ostkirchliche Tradition aufgreifen wollte, wird eigentlich sogar expressis verbis zugegeben, dass der Novus Ordo die gewachsene liturgische Praxis der Westkirche bewusst und gewollt aufsprengt.

Keine Überschätzung, aber Hoffnungskeim

Fünfzig Jahre nach der nachkonziliaren Liturgiereform Pauls VI. zeigt Chirons Schrift, dass dieser Jahrestag kein Jubiläum darstellt, sondern einen Verlust kennzeichnet, der allerdings viel weiter zurückreicht und erheblich früher anfängt. Die  liturgische Tradition ist nicht Momentaufnahme von 1962. Wenn sie in ihrer Breite und Weite wiederentdeckt wird, wozu historischer Realitätssinn erforderlich ist, birgt sie Verheißung. Das gilt selbst dann, wenn man sich eingesteht, dass sie bis jetzt keine Massenbewegung angestoßen hat und statistisch für die Gesamtkirche quasi irrelevant ist. Wenn die Motivation dazu nicht nur in Nostalgie und auch nicht bloß in einer prinzipiellen Haltung der Abschottung liegt, hat die liturgische Tradition vielleicht trotzdem ein Potential wie es im Gleichnis das Senfkorn ausdrückt.

Schon 1960 wurde eines der beiden Feste der Cathedra Petri gestrichen. Am 18. Januar wurde bis dahin traditionell jenes zu Rom gefeiert, am heutigen 22. Februar dasjenige zu Antiochien. Geblieben ist damals als Datum eines generellen Festes der heutige 22. Februar. Sicher nicht der schlechteste Termin für die Veröffentlichung dieser Buchvorstellung.

Chiron, Y., Annibale Bugnini. Reformer of the Liturgy,
(Angelico Press) Brooklyn 2018,
200 Seiten, Paperback,
ISBN 978-1-62138-411-3,
Preis (D): € 31,20,-
bei Amazon.

Das Buch existiert außerdem in einer gebundenen Ausgabe und als eBook.

Foto: Annibale Bugnini – Reformer of the Liturgy – Bildquelle: Angelico Press