Zur rechten Entweltlichung der Kirche

Ein Kommentar von Mag. theol. Michael Gurtner.
Erstellt von Mag. Michael Gurtner am 23. Februar 2012 um 07:59 Uhr
Petersdom

Noch lange wird das Wort der „Entweltlichung“ in den Ohren vieler AmtstrĂ€ger der katholischen Kirche nachklingen, welche Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI feliciter regnans  in seiner freiburger Rede anlĂ€ĂŸlich seines Staatsbesuches in Deutschland geprĂ€gt hat. Diese Entweltlichung, von welcher der Papst sprach, hat fĂŒr ein gewisses Aufhorchen gesorgt, und mitunter trifft man auf Versuche, diesen Begriff in die eine oder andere Richtung zu verbiegen: dabei wĂ€re es jedoch sowohl falsch zu meinen, der Papst wolle eine dem Geld abgewandte, sozusagen „franziskanische Kirche“, welche dafĂŒr weltoffen ist, als es auch falsch wĂ€re so zu tun, als wolle der Papst eine der Welt abgewandte Kirche, die dafĂŒr dem Geld gegenĂŒber offen ist.

Der Papst hat in seiner Rede den Begriff, abgesehen von einigen Andeutungen, nicht genau prĂ€zisiert, was aus diplomatischen GrĂŒnden sicher geschickt war, besonders wenn man manche Interviews berĂŒcksichtigt, welche kurz zuvor gerade im Bezug auf die Finanzkraft der Kirche in Deutschland, von welcher auch andere LĂ€nder, ebenso wie der Heilige Stuhl profitieren, gegeben wurden, berĂŒcksichtigt. Es ist nicht die Art des Apostolischen Stuhles, einzelne Personen oder Gruppe öffentlich und direkt zu brĂŒskieren und wĂ€re der Sache nicht dienlich. Doch durch geschickte Formulierungen war der Papst dennoch in der Lage, seine Anliegen taktvoll zur Sprache zu bringen.

Die Verwischung von Welt und Kirche

Der Begriff der Entweltlichung wird teilweise verzweckt, wie wir andeuteten. Um ihn recht zu interpretieren (denn wie diese Entweltlichung aussehen soll bedarf einer Konkretisierung), mĂŒssen wir ihn im Zusammenhang mit anderen Reden des Papstes sehen, welche er auf seiner Reise gehalten hat.

Der Papst ist ein brillanter Theologe – und ein brillanter Theologe muß auch ein Realist sein. Aus diesem Grund sieht der Papst in der Kirche eine ĂŒbernatĂŒrliche Wirklichkeit, welche in der Welt sichtbar wurde und in diese gleichsam eingeschrieben ist. Wenn wir den Papst reden hören, so kommt uns das Schriftwort des Herrn aus Jo 15 in den Sinn, welches er auf die Apostel angewandt hat, und welches im Letzten in die Zukunft reichte, nĂ€mlich in die Kirche hinein: Die Kirche stammt nicht von der Welt, aber ihre Diener sind aus der Welt ausgewĂ€hlt und, so dĂŒrfen wir ergĂ€nzen, sie bleiben letztlich auch insofern der Welt, als sie einer Kirche dienen, welche selbst sichtbar und bleibend in die Welt eingesetzt ist. Die Kirche und ihre AmtstrĂ€ger sind aus der Welt herausgenommen, aber dennoch in der Welt eingesetzt. Ja, sie gehört selbst zur Welt, so der Papst in seiner Rede im freiburger Konzerthaus: „
und deshalb muß sie sich immer neu den Sorgen der Welt öffnen, zu der sie ja selber gehört, sich ihnen ausliefern, um den heiligen Tausch, der mit der Menschwerdung begonnen hat, weiterzufĂŒhren und gegenwĂ€rtig zu machen“. Die Kirche ist also zwar sehr wohl in der Welt und dieser zugehörig, jedoch von dieser fundamental unterschieden. Damit die Kirche nicht selbst zur „Welt“ wird, muß sie sich von dieser unterscheiden und immer wieder Distanz zu ihr nehmen. Diese Distanznahme bedeutet keine Weltverachtung in dem Sinne, daß die Kirche die Welt an sich ablehnen oder ihr negativ gegenĂŒberstehen wĂŒrde, ist die Welt doch der guten Schöpfung Gottes entsprungen. Aber diese Distanznahme bedeutet im letzten das abzustreifen, was das Wesentliche der Kirche verdunkelt und sie an ihrem Auftrag hindert. Es geht nicht um eine prinzipielle Abgrenzung wie es pubertierende Jugendliche oftmals tun, sondern um ein Herausarbeiten dessen, was der Kirche zutiefst zu eigen ist und sie ontologisch von ihrer Umgebung Unterscheidet. Im Grunde genommen ist damit eine innere Dynamik angesprochen, welche wir aus der Kirchengeschichte lernen: in die Kirche dringt immer wieder solches ein, was sie an ihrem Auftrag hindert, die Menschen zum Heil zu fĂŒhren.

Diese Hindernisse können zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Dinge sein: was heute schadet kann mitunter morgen nĂŒtzlich sein. Es geht nicht darum, an sich neutrale Dinge (sagen wir etwa Geld) per se abzulehnen, sondern jeweils sich dessen zu entledigen, was zum jeweiligen Zeitpunkt de Auftrag der Kirche entgegensteht. Deshalb muß man jeweils dasjenige entsorgen, was von der Welt in die Kirche eingedrungen ist, insofern dies die Kirche an ihrem Sendungsauftrag hindert. Denn dann, wenn die Kirche ihrem Auftrag nicht mehr nachkommt, dann verwischen sich die Grenzen zwischen Kirche und Welt. Entweltlichung geschieht also nicht aus prinzipieller Verachtung, sondern zur Ermöglichung der ErfĂŒllung des göttlichen Auftrages. Diese Dynamik ist angesprochen wenn der Papst sagt: „Wenn nun die Kirche, wie Papst Paul VI. sagt, „danach trachtet, sich selbst nach dem Typus, den Christus ihr vor Augen stellt, zu bilden, dann wird sie sich von der menschlichen Umgebung tief unterscheiden, in der sie doch lebt oder der sie sich nĂ€hert“ (Enzyklika Ecclesiam Suam, 60). Um ihre Sendung zu verwirklichen, wird sie auch immer wieder Distanz zu ihrer Umgebung nehmen mĂŒssen, sich gewissermaßen ent-weltlichen“.

Kirche und Welt haben ihre je eigene Bedeutung und Berechtigung. In der Kirche greift das Ewige bereits in das Zeitliche hinein, von welchem es unterschieden ist. Durch dieses Hineingreifen ist die Gefahr des Verwischens immer wieder gegeben und muß korrigiert werden. Anders ausgedrĂŒckt: wenn die Kirche in Gefahr kommt, eine zweite Welt zu werden, dann ist dringender Handlungsbedarf gegeben, weil sie dann nur mehr zum Selbsterhalt arbeitet, ihre MaßstĂ€be ĂŒber Bord wirft und jene der Welt ĂŒbernimmt. Dann wird sie nicht mehr zum Heilsinstitus, sondern zur bloßen Organisation. Der Papst sagt hierzu: „In der geschichtlichen Ausformung der Kirche zeigt sich jedoch auch eine gegenlĂ€ufige Tendenz, daß die Kirche zufrieden wird mit sich selbst, sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenĂŒgsam ist und sich den MaßstĂ€ben der Welt angleicht. Sie gibt nicht selten Organisation und Institutionalisierung grĂ¶ĂŸeres Gewicht als ihrer Berufung zu der Offenheit auf Gott hin, zur Öffnung der Welt auf den Anderen hin.“

Es geht im Letzten auch im eine Relation der KrĂ€fte: das Religiöse und das Weltliche ergĂ€nzen sich in gewisser Weise einander, zumindest in einem gesunden VerhĂ€ltnis von Kirche und Staat („sana laicità“ wie es Papst Pius XII nannte). Wie der Staat die wahre Religion schĂŒtzen und ausĂŒben soll, seine Hauptaufgabe jedoch in der Organisation des Weltlichen und des Gemeinwohls liegt, so muß die Kirche sich um das Heil der Seelen kĂŒmmern, wobei sie sich in Kooperation mit dem Staat die nötigen zeitlichen Mittel beschafft, um ihren Auftrag recht zu erfĂŒllen. Doch wenn dieses Gleichgewicht aus den Fugen gerĂ€t, dann ist die nötige Relation zwischen Geistlichem und Weltlichen nicht mehr gegeben, die Kirche wĂ€re somit ĂŒberflĂŒssig und auf Grund der „Doppelstruktur“ zur Welt nur eine Belastung.

Zu viele Gremien und Strukturen, zu wenig GlaubensstÀrke

Fragen wir uns an dieser Stelle, wo wir in unserem Kulturkreis, also im deutschen Sprachraum, konkret solche SelbstgenĂŒgsamkeit gibt, wo die MaßstĂ€be der Welt die MaßstĂ€be der Kirche geworden sind. Der Papst selbst erwĂ€hnt ganz konkret einen solchen Punkt in seiner Rede an das Zentralkomitee deutsche Katholiken, welche er am Vortag ebenfalls in Freiburg gehalten hatte, und dieses Beispiel welches der Heilige Vater selbst bringt, scheint mir ein wesentlicher InterpretationsschlĂŒssen dazu zu sein, was wir uns unter „Entweltlichung“ vorzustellen haben: „Wir sehen, daß in unserer reichen westlichen Welt Mangel herrscht. Vielen Menschen mangelt es an der Erfahrung der GĂŒte Gottes. Zu den etablierten Kirchen mit ihren ĂŒberkommenen Strukturen finden sie keinen Kontakt. Warum eigentlich? Ich denke, dies ist eine Frage, ĂŒber die wir sehr ernsthaft alle nachdenken mĂŒssen. Sich um sie zu kĂŒmmern, ist die Hauptaufgabe des PĂ€pstlichen Rates fĂŒr die Neuevangelisierung. Aber sie geht natĂŒrlich uns alle an. Lassen Sie mich hier einen Punkt der spezifischen Situation in Deutschland ansprechen. In Deutschland ist die Kirche bestens organisiert. Aber steht hinter den Strukturen auch die entsprechende geistige Kraft – Kraft des Glaubens an den lebendigen Gott? Ich denke, ehrlicherweise mĂŒssen wir doch sagen, daß es bei uns einen Überhang an Strukturen gegenĂŒber dem Geist gibt. Und ich fĂŒge hinzu: Die eigentliche Krise der Kirche in der westlichen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, wird alle strukturellen Reformen wirkungslos bleiben:“

Gerade weil die Welt der „Lebensraum“ der sichtbaren Kirche Christi ist, ist auch klar, daß es gewisser bĂŒrokratischer und administrativer Strukturen darf. Diese aber mĂŒssen zum Dienst des kirchlichen Auftrages sein. Wo sie zum Selbstzweck werden und die Kirche die einzelne Struktur erhĂ€lt anstatt die Struktur die Kirche, dort verlieren sie auch ihr Existenzrecht. Wenn wir die Kirchen der deutschsprachigen LĂ€nder mit jenen anderer LĂ€nder vergleichen, so sehen wir deutlich daß mit weniger innerer Struktur oftmals mehr und vor allem Besseres hervorgebracht wird. Italien etwa kennt keine Kirchensteuer, es gibt viel weniger kirchliche Angestellte und bei weitem weniger Gremien. DafĂŒr ist dort aber auch die Arbeitsmöglichkeit des Priesters eine andere, eine anziehendere und eine der Sendung der Kirche nĂ€here. Es gibt gewiß weniger Initiativen, welche dafĂŒr aber doch kraftvoller sind: wo sie entstehen, dort entstehen sie wirklich aus Glaube und Idealismus heraus, besonders weil sie wesentlich auf Freiwilligenbasis aufbauen. Viel weniger ist dort viel mehr. Auch dort ist nicht das Paradies auf Erden zu finden und auch in Italien hat die Kirche ihre Probleme wie ĂŒberall: aber es sind „normale“ Probleme, keine abartigen AuswĂŒchse denen man kaum mehr Herr zu werden scheint – fĂŒr aufstĂ€ndische Priester die offen gegen Glaube und Kirche rebellieren ist dort wenig VerstĂ€ndnis zu finden.

Wenn wir weiterfragen warum die aufgeblĂ€hten Strukturen, die unzĂ€hligen Gremien und Einrichtungen so lĂ€hmend sind so sehen wir bald, daß es sich im Grunde um eine verbeamtlichte Kirche handelt. Kirche ist fĂŒr viele nur mehr ein Beruf, der Glaube wird nicht mehr geteilt und schon gar nicht mehr unvermindert vertreten, wichtig ist die Finanz. JĂŒngstes, skandalöses Beispiel war der Weltbild-Skandal. Die Frage, wie es dazu kommen konnte, kann nicht ausbleiben.

Das Geld muß der Kirche dienen, es darf sie nicht regieren

Mit viel Geld kann man viel Gutes bewirken. Deshalb ist Geld auch ein wichtiger Faktor in der Kirche, keine Frage. SelbstverstĂ€ndlich soll die Kirche auch um jene weltlichen Belange besorgt sein, deren sie fĂŒr ihren Auftrag bedarf. Und wenn sie mit mehr Geld ihren Heiligungsdienst besser wahrnehmen kann, dann ist es sogar ihre Pflicht, sich um die Beschaffung genĂŒgend Mittel zu kĂŒmmern. Doch die Grenze ist genau dort erreicht, wo das Materielle zum Eigentlichen und das Eigentliche zum Vorwand wird. Wo das Geld nicht mehr dazu gebraucht wird, den Glauben, auf welcher Ebene auch immer, zu vertreten und zu verbreiten, dort muß man auch die Axt am Geld ansetzen. In einer Kirche, in welcher das Geld immer mehr wird, aber auch der Glaube, macht etwas richtig weil sie das Geld erfolgreich zur GlaubensverkĂŒndigung einsetzt, vielleicht auch in anderen LĂ€ndern. Doch in einer Kirche, in welcher das Geld immer mehr, der Glaube aber gleichzeitig immer weniger wird, dort lĂ€uft etwas falsch, das Geld scheint dem Glauben hinderlich geworden zu sein. Es geht hier nicht um Armut als selbstwert – aber sie kann notwendig werden, um wieder auf den eigentlichen Auftrag zurĂŒckgeworfen zu werden. Das ist besonders dann der Fall, wenn es, wie schon geschehen, zu einer unappetitlichen VerknĂŒpfung von Geld und Forderungen kommt, welche mit Glaube und Sitte nicht in Einklang stehen.

Wenn es dem Motto zustrebt „wer zahlt schafft an“, indem man verlangt zur Kommunion gehen zu dĂŒrfen, auch wenn man wiederverheiratet ist, oder wenn man verlangt die Lehre oder Disziplin mĂŒsse nach den eigenen Vorstellungen geĂ€ndert werden, da man ja Nettozahler ist, dann ist der Zeitpunkt gekommen, das kirchliche Finanzierungssystem zu Ă€ndern, um solchen Gefahren vorzubeugen. Dies auch im Hinblick darauf, daß es vielen Hirten in Pfarreien wie BistĂŒmern schwer zu fallen scheint, Glaube und Disziplin vollumfĂ€nglich umzusetzen aus Angst, es könnte zu Kirchenaustritten kommen. Das Geld bringt der Kirche somit nicht Freiheit den Glauben zu verkĂŒnden, sondern im Gegenteil, diese Freiheit ist in diesem Fall durch das Geld und die AbhĂ€ngigkeit von diesem gerade genommen. Das Gut wird somit in Schaden gewendet, denn es verfĂŒhrt dazu, nicht mehr zu fragen was die Kirche und der Herr sagen, was Lehre und Disziplin verlangen, sondern die Frage, welche alles entscheidet ist: was kommt an? Welche Reaktionen sind zu erwarten? Was ist konsensfĂ€hig und in welchem Kompromiß können sich möglichst viele zumindest irgendwie wiederfinden? Nicht etwa weil Geld per se etwas schlechtes wĂ€re, sondern weil es in konkreten FĂ€llen derzeit Schlechtes bewirkt, sollte die Kirchensteuer um des Glaubens willen durch andere Modelle ersetzt werden.

Foto: Kuppel des Petersdoms – Bildquelle: M. BĂŒrger, kathnews