Zum Ende des Josephsjahrs am 8. Dezember
Vom heiligen Josef ist kein einziges Zitat in der Bibel überliefert. Und doch hat der Heilige uns heute so viel zu sagen wie kaum ein anderer Heiliger. Pater Jean Galot ist bereits 2008 verstorben. Das französische Original des nun auf Deutsch erschienenen Werks entstand bereits 1962. Jetzt zum Josefsjahr bot es sich an, dieses literarisch und theologisch wertvolle Schmuckstück einer deutschen Leserschaft zugänglich zu machen.
Pater Galot strukturiert seine Betrachtungen anhand der biblisch bekannten Biographie des Heiligen und orientiert sich an wesentlichen Anrufungen sowie Charaktereigenschaften, wie sie uns aus der Josefslitanei bekannt sind. Die biographischen Stationen Josefs hangeln sich am Leben Jesu entlang, was uns direkt zum Kern führt: Josef wird von Christus her betrachtet, seine heilsgeschichtliche Bedeutung von Christus her rekonstruiert und von der Gottesmutter differenziert. Es ist auch stets eine dreidimensionale Betrachtung im Gefüge der Heiligen Familie. Galot beschränkt sich bewusst auf das biblische Zeugnis, ohne apokryphe oder andere außerbiblische Quellen heranzuziehen.
Der Autor beginnt seine Ausführungen mit der Skizzierung der Persönlichkeit Josefs, bevor er dessen Beziehung zu Maria in den Blick nimmt. Dabei bemüht er sich, den Heiligen von seinem ikonographisch vorbelasteten Image eines alten Mannes zu befreien.
Der Hl. Josef wird zu einem Großteil von Maria her definiert, weil seine hauptsächliche Berufung darin besteht, für sie und das göttliche Kind zu sorgen. Bevor dieses sich jedoch ankündigt, nimmt Galot die erste Begegnung Josefs mit Maria und ihre Verlobung in den Blick. Die Grundhaltung Josefs in dieser ersten Phase ist die des ehrfürchtigen Bestaunens ihrer Reinheit. Galot zeichnet nach, wie Josef „in der Schönheit der Jungfrau (…) das wundervolle Ausströmen der göttlichen Gnade“ erkennt, und „den einzigartigen Zauber der Seele Mariens“ erahnt.[1] Er reflektiert auch den wachsenden Entschluss Josefs, mit Maria eine jungfräuliche Ehe zu führen, und sinnt über Jungfräulichkeit nach – eine Überlegung, die uns in heutiger Zeit bei all den Diskussionen um eine Zölibatslockerung ein wichtiger Impuls ist: „Jungfräulichkeit bedeutet bei Maria nicht einfach Selbstbewahrung, noch weniger strengen Verzicht auf sinnliche Neigungen allein, sie war vielmehr die Glut einer größeren Liebe, einer Liebe, die geistiger sein wollte, um reine Liebe zu sein.“[2]
Galot fährt sodann damit fort, über das anfängliche Trauma Josefs nachzusinnen, das er aufgrund der Schwangerschaft Mariens erleidet, bevor er in das Geheimnis der Menschwerdung Gottes einbezogen wird. In dieser Situation wird deutlich, inwiefern sich seine Rolle im Heilsplan Gottes von jener Mariens unterscheidet: „Er blieb im Dunkel, auf der Schwelle. Seine Aufgabe war es, Zeuge zu werden.“[3] Die Anfangseuphorie und das ehrfürchtige Staunen des Ziehvaters Jesu wandelt sich zu einer Bewährungsprobe, die auch die Gottesmutter zu bewältigen hat, weil Zeugenschaft nicht ohne Opfer existiert.[4] Mit dem alles entscheidenden Traum Josefs wendet sich das Blatt und seine Zeugenschaft wandelt sich zu einem Anteil am Geheimnis.[5]
Im weiteren Verlauf betrachtet Galot die Vermählung der beiden sowie den gemeinsamen Alltag, bevor er sich der Geburt Jesu Christi widmet mit allen Herausforderungen und Entbehrungen, die dem Haupt der Heiligen Familie zu schaffen machen.[6] Galots Tiefe der Betrachtungen kommt insbesondere zum Ausdruck, als er die Demütigung Josefs mit der zukünftigen Demütigung des Gottessohns in Verbindung bringt: „Die Demütigung, in ‚seiner‘ Stadt, der Stadt Davids, keinen Platz zu finden, war das Vorspiel der entscheidenderen Demütigung des Erlösers: ‚Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf‘ (Joh 1,11).“[7] Die Freude über das geborene Kind wird als Freude des Volkes Israel über den Erlöser herausgearbeitet. Josef und Simeon werden in ihrer Freude gemeinsam in den heilsgeschichtlichen Gesamtkontext eingebettet.[8]
Im Folgenden widmet sich Galot der Vaterschaft Josefs und stellt dabei heraus, dass sie die bloße Zeugungsfähigkeit übersteigt.[9] Die Vaterschaft Josefs wird mit der des himmlischen Vaters in Beziehung gesetzt,[10] bevor Galot seine Überlegungen folgendermaßen beschließt: „Eine demütige, ganz verborgene Vaterschaft wurde zur Darstellung und Weiterführung der erhabensten aller Vaterschaften.“[11]
Galot setzt die Darstellung Jesu im Tempel, die Begegnung mit Simeon, dessen Ankündigung und die Opferung des göttlichen Kindes in eine typologische Beziehung zu dessen Lebensende: „So wurde die Darstellung zur ersten Opferung des Erlösertodes auf Golgota, der dreißig Jahre später wirklich eintrat.“[12] Auf ähnliche Weise vergleicht Galot die dreitägige Suche des zwölfjährigen Jesus mit der kummervollen Zeitspanne zwischen Tod und Auferstehung des Erlösers.[13]
Das weitere Leben in der Verborgenheit, das uns aus der Heiligen Schrift nur durch eine kurze Notiz belegt ist, betrachtet Galot nicht nur als eine Zeit der Erziehung Jesu durch seinen Vater, sondern auch als Schule für den Zimmermann. So wie die ersten Jünger Jesu kommen und sehen, sich am Anfang „von seinem Wesen durchstrahlen (…) lassen“[14], ist auch Josef Jesu Jünger im schlichten Zusammenleben mit ihm als ein Mann der Arbeit, der das Gewöhnliche mit außergewöhnlicher Liebe tut und zugleich ein zutiefst kontemplativer Mensch ist. Beides ist miteinander verschränkt.[15] Die Kontemplation der Eltern Jesu in der Gegenwart Gottes in Christus übersteigt jene des ersten Menschenpaares im Garten Eden.[16]
Sodann wird Josef in seiner Gerechtigkeit betrachtet, wobei diese den rein juridischen Charakter der Befolgung von Geboten übersteigt. Gerade die Ereignisse vor der Geburt Christi nach Matthäus beweisen, dass Josefs Gerechtigkeit durch die Nichtbefolgung der mosaischen Gesetze offenbar wird.[17] Galot betrachtet Josef auch in seiner Identität als Haupt der Familie mit einer echten Autorität und einem „männlich feste[n] Temperament“, als ein Mann, der mehr ist als „ein Ausstattungsgegenstand für die Heilige Familie.“[18] Es ist eine Autorität, die sich von der Autorität Gottes abgeleitet sieht und die ganze Familie bei der Entscheidungsfindung einbezieht.[19] Als Haupt der Familie wird er als Diener betrachtet, ganz wie Jesus es im Abendmahlssaal durch die Geste der Fußwaschung seinen Aposteln aufgetragen hat. Galot setzt in diesem Kontext das Dienen Josefs in eine typologische Beziehung zum Dienen Jesu, des gerechten Gottesknechts.[20]
Josefs Schweigsamkeit wird anhand verschiedener biblischer Episoden herausgearbeitet wie zum Beispiel sein stiller Schmerz über die Schwangerschaft Mariens, bevor ihm der Heilsplan Gottes im Traum offenbart wird,[21] oder die schweigende Freude über das geborene Kind statt eines Danklieds wie Zacharias bei der Geburt seines Sohnes Johannes. Die Erklärung Galots regt zur Kontemplation an: „Das Mensch gewordene Wort, das Wort, das auf unsere Erde herabgestiegen ist, brauchte schweigsame Seelen, um gehört zu werden.“ Dies sei aber nicht zu verwechseln mit einer „Empfindungslosigkeit“.[22]
Josefs Charakter wird im weiteren Verlauf des Buches von Armut, Reinheit, Einfachheit und Weisheit geprägt. Der Erlöser verdankt der Armut Josefs die Armut des Stalls, die Zeichen der Vorsehung Gottes ist und Wegweiser für alle Christen: eine demütige Haltung der leeren Hände, die alles von Gott erwartet.[23] Die Reinheit Josefs in der Beziehung zur Jungfrau Maria bringt Galot in eine typologische Verbindung zu Adam und Eva in ihrer reinen Beziehung vor dem Sündenfall.[24] Josefs Leben ist von Einfachheit geprägt, seine Liebe eine geradlinige, der Alltag ein eintöniger Ablauf, den er in Treue und Liebe bewältigt. Diese Haltung täuscht nicht hinweg über seine Weisheit, die jedoch mit der Weisheit seines ihm anvertrauten Sohnes nicht mithalten kann. Der Hl. Josef wird sodann in seiner Treue und Hoffnung betrachtet, die er an den Tag legt. Es geht um eine Treue in der Liebe zu seiner Braut und zu seinem Kind, die sich aus der Gottesliebe ableitet. Galot setzt dabei seine Treue mit der Untreue Israels im Laufe der Heilsgeschichte in Beziehung.[25] Die starke Hoffnung Josefs bringt Galot mit der messianischen Erwartung Israels in Verbindung.[26]
Über den Tod Josefs schreibt Galot: Er wird mit dem Beginn des öffentlichen Lebens Jesu nicht mehr erwähnt und Jesu genealogische Zuschreibung auf seine Mutter bezogen – in dem patrilinear orientierten Matthäusevangelium.[27] Sein vorzeitiger Tod wird als ein Umstand der göttlichen Vorsehung betrachtet, der er sich ganz anvertraut hat.[28] Abschließend wird er als Fürsprecher und Patron der Kirche betrachtet. Mit seinem vorzeitigen Sterben ist seine Mitwirkung am Heilsplan Gottes längst nicht beendet, da er als Fürsprecher für die Menschen bei Gott einsteht. Auch wenn er nicht Mittler der Gnaden ist wie Maria, ist er ihr und Jesus so nahe, dass er als besonders wirkmächtiger Fürsprecher zu bezeichnen ist.[29] Als Patron der Kirche wird der Hl. Josef seit dem 8. Dezember 1870 offiziell bezeichnet. Er schützt die Kirche als Familie Gottes wie er die Heilige Familie während seines irdischen Daseins beschützt hat.[30]
Insgesamt wählt Pater Galot eine Sprache, die dem Leser direkt ins Herz geht, ihn gleichsam an die Hand nimmt, um mit ihm gemeinsam das Leben des Zimmermanns zu betrachten. Es ist eine tiefgründige und sehr plastische Betrachtungsweise in schlichten Worten, die zugleich die Leserschaft in die Szenerie eintauchen lässt. Man hat den Eindruck, selbst ein Teil des beschriebenen Geschehens zu sein und die Emotionen zu durchleben, die Josef durchlebt hat. Die einfache Sprache nimmt den Betrachtungen keineswegs die Tiefe, die einer Kontemplation entspringt, einem intensiven Nachdenken des Autors über die einzelnen Stationen Josefs. Es sind keine oberflächlichen und banalen Erkenntnisse dessen, was man ohnehin schon weiß, sondern tiefe Gedanken, die dem Autor ins Herz gegeben worden sind. Pater Galot portraitiert in seinem Werk den Hl. Josef in allen seinen Facetten. Seine wertvollen Erkenntnisse sind eine wahre Fundgrube und Inspiration für Männlichkeit und Familie.
Jean Galot SJ, Der heilige Josef. Ein Mann nach dem Herzen Gottes, Übersetzung aus dem Französischen von Maria Petra Desaign, 2021 Media Maria Verlag.
[1] Jean Galot, Der heilige Josef, S. 15.
[2] Ebd. S. 19.
[3] Ebd. S. 29.
[4] Vgl. ebd. S. 31.
[5] Vgl. ebd. S. 35.
[6] Vgl. ebd. S. 49.
[7] Ebd. S. 49.
[8] Vgl. ebd. S. 51.
[9] Vgl. ebd. S. 55.
[10] Vgl. ebd. S. 56.
[11] Ebd. S. 57.
[12] Ebd. S. 64.
[13] Vgl. ebd. 76-77.
[14] Ebd. S. 85.
[15] Vgl. ebd. S. 94.
[16] Vgl. ebd. S. 96.
[17] Vgl. ebd. S. 99-101.
[18] Vgl. ebd. S. 105.
[19] Vgl. ebd. S. 106-107.
[20] Vgl. ebd. S. 110-111.
[21] Vgl. ebd. S. 115.
[22] Vgl. ebd. S. 116.
[23] Vgl. ebd. S. 120-121.
[24] Vgl. ebd. S. 126.
[25] Vgl. ebd. S. 144.
[26] Vgl. ebd. S. 148.
[27] Vgl. ebd. S. 159.
[28] Vgl. ebd. S. 161.
[29] Vgl. ebd. S. 164.
[30] Vgl. ebd. S. 169.
Foto: Heilger Joseph – Bildquelle: Oldendorf (Privatarchiv)









