Wir sind teuer erkauft worden durch das Blut Christi am Kreuz

Gedanken zur Collecta (Tagesgebet) vom 5. Sonntag der Osterzeit (NO). Von Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 9. Mai 2020 um 11:02 Uhr
Bildquelle: Patrimonium-Verlag

„Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht …“. So beginnt der Introitus (Eröffnungsvers) des 5. Sonntages der Osterzeit in der sogenannten ordentlichen Form des Römischen Ritus (NO). Die großen Taten werden sodann in der Collecta, dem Tagesgebet, genannt: Es sind unsere Erlösung durch Gottes Sohn und unsere Annahme als seine „geliebten Kinder“. In der amtlichen deutschen Übersetzug der Oration heißt es:

Gott, unser Vater, du hast uns durch deinen Sohn erlöst und als deine geliebten Kinder angenommen. Sieh voll Güte auf alle, die an Christus glauben, und schenke ihnen die wahre Freiheit und das ewige Leben. Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Die Erlösung und die Gotteskindschaft  durch die Annahme „als seine geliebten Kinder“ stehen in einem kausalen Zusammenhang: Erstere zielt auf letztere, und die Gotteskindschaft hat ihren Gund, ihre Ursache in der Erlösung durch das Ostergeheimnis von Kreuz und Auferstehung. Im lateinischen Originaltext wird dies sprachlich durch die rhetorische Figur des Chiasmus, die Überkreuz-Stellung einander entsprechender Satzteile oder Wörter, einprägsam hervorgehoben:

Deus, per quem nobis et redemptio venit et praestatur adoptio, filios dilections tuae benignus intende, ut in Christo credentibus et vera tribuatur libertas et hereditas aeterna. Per  Dominum.

Die redemptio (Erlösung) wird der adoptio (Annahme) gegenübergestellt. Durch die chiastische Stellung, die dadurch erzielt wird, dass dem ersten Substantiv (redemptio) das Verb (venit) folgt, dem zweiten Substantiv (adoptio) das Verb (praestatur) vorangestellt ist, werden Erlösung und Annahme einander zugeordnet und dadurch der kausale Zusammenhang zwischen beiden auch sprachlich anschaulich gemacht. Da die deutsche Sprache aufgrund syntaktischer Gesetzmäßigkeiten zu diesen Wortfiguren nicht in der Lage ist, kann die deutsche Oration diese rhetorische Figur im lateinischen Text nicht nachahmen. Die lateinischen Orationen des Messbuches sind Beispiele spätklassischer Kunstprosa, die ihr Vorbild in der klassischen Rhetorik Roms hat, die ihrerseits vom alten Griechenland gelernt hat.

Im lateinischen Original hört man nicht nur Erlösung, wenn von der redemptio die Rede ist. Die lateinische Collecta läßt noch die klassische Bedeutung von Loskauf (redimere = los-, freikaufen) mitschwingen. Im alten Rom wurde ein Sklave durch die redemptio, den Loskauf, „aus der Verfügungsgewalt eines anderen Herrn losgekauft und als freier Sohn in die eigene familia aufgenommen“ (Alex Stock), ein Gedanke, den wir im neuen Testament zurückfinden (1 Kor, 6, 20; 7, 23; Offb 5, 9). Der himmlische Vater hat durch das blutige Sühnopfer seines Sohnes am Kreuz die Menschen aus der Machtgewalt des Teufels losgekauft (redemptio) und als seine Kinder in seinen himmlischen Machtbereich aufgenommen (adoptio).

Das geschieht an jedem einzelnen  durch die Taufe. „Die Taufe reinigt nicht nur von allen Sünden, sondern macht den Neugetauften zugleich zu einer ‚neuen Schöpfung‘ (2 Kor 5, 17), zu einem Adoptivsohn Gottes (filium Dei adoptivum); er hat ‚an der göttlichen Natur Anteil‘ (2 Petr 1, 4), ist Glied Christ, ‚Miterbe‘ mit ihm (Röm, 8, 17) und ein Tempel des Heiligen Geistes“ (KKK 1265).

Dass der Getaufte Adoptivkind Gottes ist, verdankt er der Erlösungstag Christi am Kreuz, dem Loskauf (redemptio) aus dem Machtbereich des Teufels, aus Sünde und Tod. An diesem 5. Sonntag in der Osterzeit bittet die Kirche, dass Gott, der himmlische Vater, auf die  Gläubigen, die an der Feier der heiligen Eucharistie teilnehmen, „voll Güte“ (benignus) schaue, damit er ihnen einst die „wahre Freiheit“ (vera libertas) und das „ewige Erbe“ (hereditas aeterna), die aus der gnadenhaften Adoptivkindschaft folgt, schenke. Schon jetzt ist der Getaufte durch den Loskauf befreit und besitzt bereits ein Unterpfand des ewigen Erbes im Himmel. Aber erst in der himmlischen Gemeinschaft mit dem Vater im  Sohn und durch den Heiligen  Geist wird dem Getauften die wahre Freiheit und das ewige Erbe in Hülle und Fülle zuteil.

Foto: Vom Goldgrund der Kirchengeschichte (Buchcover) – Bildquelle: Patrimonium-Verlag