„Wir sind nicht hilflos!“

Ein kathnews-Interview mit dem Europaabgeordneten Martin Kastler.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 7. Juni 2012 um 09:17 Uhr
Martin Kastler

Nach den neuen Fällen von Christenverfolgung in Nigeria macht der Europaabgeordnete Martin Kastler, entwicklungspolitischer Sprecher der CSU-Gruppe im Europäischen Parlament, im Interview mit Kathnews konkrete Vorschläge zur Frage, wie die Politik in Deutschland und Europa der weltweit zunehmenden Christenverfolgung entgegen treten kann.

Kathnews: Herr Kastler, bei einem Selbstmordanschlag auf eine christliche Kirche in der nigerianischen Stadt Bauchi wurden am Wochenende mindestens 15 Menschen getötet. Nach den Bildern und Meldungen von Christenverfolgungen am Weihnachtsfest und zu Ostern fragt man sich: Sind Christen in Nigeria Freiwild?

Kastler: Angesichts der schrecklichen Zahl von über 500 Christen, die alleine in diesem Jahr der Verfolgung durch Islamisten in Nigeria zum Opfer gefallen sind, ist Ihre Frage berechtigt. Bisher hat sich niemand zu der Tat bekannt, aber die Behörden vermuten, dass auch dieser Fall von Christenverfolgung auf das Konto der radikal-islamischen Sekte Boko Haram geht. Der nigerianische Staat scheint des Problems nicht Herr zu werden. Die islamischen Fundamentalisten der Boko Haram wollen im Norden des Landes um jeden Preis ihren eigenen Staat errichten, in dem das Gesetz der Scharia gelten soll. Das kann weder die nigerianische Zentralregierung noch die Europäische Union akzeptieren.

Kathnews: Was konkret kann die Europäische Union denn in solchen Konflikten tun?

Kastler: Eine Menge. Zum einen können wir den Regierungen helfen, die tatsächlich dafür kämpfen, dass das Recht auf freie Wahl und Ausübung der Religion – ein zentrales Menschenrecht – in ihrem Land Geltung erlangt und behält. Zum anderen können wir solche Regierungen unter Druck setzen, die religiös bedingte Verfolgungen zulassen oder gar unterstützen. Religionsfreiheit muss ein hartes Kriterium für die Gewährung von Entwicklungshilfegeldern werden. Der europäische Steuerzahler sollte sicher sein können, dass die von ihm finanzierte Entwicklungshilfe nur in solche Länder fließt, wo auch die Chance auf nachhaltige Entwicklung besteht – und das ist nur dort der Fall, wo elementare Rechte gewährt und geschützt werden. Die Religionsfreiheit gehört dazu.

Kathnews: Die Christenverfolgung in Nigeria ist nun schon länger bekannt. Schauen wir als Christen im Westen hilflos zu, wie Mitchristen moderne Märtyrer werden?

Kastler: Wir sind nicht so hilflos, wie es manche Meldung oder manches Bild glauben macht. Nigeria ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Politik in Deutschland und in Europa mehr tut als nur Empörung zu demonstrieren. Die Bundeskanzlerin hat dem nigerianischen Staatschef bei seinem Besuch im April ins Gewissen geredet, das Auswärtige Amt hat klare Forderungen an die nigerianische Regierung formuliert und der Fraktionsvorsitzende von CDU und CSU im Deutschen Bundestag, Volker Kauder, bemüht sich, die Vorfälle auch im Rahmen der UNO zum Thema zu machen. Das ist doch mehr als nur Politik per Pressemitteilung.

Kathnews: Aber müsste – fernab solcher individueller Initiativen einzelner engagierter Politiker – die politische und diplomatische Arbeit gegen Christenverfolgung nicht stärker institutionalisiert werden, zumindest auf europäischer Ebene?

Kastler: Dieses Anliegen teile ich. Deshalb habe ich im Europäischen Parlament öffentlich gefordert, im neuen Europäischen Auswärtigen Dienst ein eigenes Referat einzurichten, das unsere nationalen Maßnahmen koordiniert und in gemeinsame europäische Initiativen übersetzt – und damit effizienter und effektiver macht. Noch wehrt sich Lady Ashton aus mir unerklärlichen Gründen dagegen, aber das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen. Die Realität der Welt von heute wird ihr Recht einfordern: Christenverfolgung nimmt weltweit zu, wie aus Meldungen kirchlicher Hilfswerke, aber auch nichtkonfessioneller Organisationen wie Amnesty International zu entnehmen ist. In vielen Regionen und Ländern Afrikas, Asiens und auch des arabischen Raums werden Christen um ihres Glaubens willen bedrängt, verfolgt, getötet – nicht vor 2000 Jahren, sondern heute.

Kathnews: Über welche Dimensionen sprechen wir da?

Kastler: In ihrem „Weltverfolgungsindex 2012“ geben die Experten des Hilfswerks „open doors“ an, dass wahrscheinlich etwa 100 Millionen Christen in über 50 Ländern wegen ihres Glaubens benachteiligt, diskriminiert, verfolgt oder misshandelt werden. Diese Zahl verhält sich relativ zurückhaltend zur doppelt so hohen Ziffer, von der viele Hilfswerke in den letzten zehn Jahren noch ausgingen. Auf die genaue Zahl kommt es aber auch gar nicht an. Fest steht doch in jedem Fall: Wir sprechen über himmelschreiendes Unrecht in einem Ausmaß, das einem die Stimme verschlägt.

Kathnews: Sie erheben immer wieder die Stimme – und werden als Politiker mehr gehört als andere. Aber was kann man als einzelner Christ und Bürger tun?

Kastler: Ich kann Ihre Frage gut nachvollziehen. Wenn ich von Gräueltaten wie denen höre, zu denen es am Wochenende in Nigeria gekommen ist, versuche ich zu beherzigen, was mir meine christliche Erziehung mit auf den Weg gegeben hat: Beten und arbeiten, und zwar in dieser Reihenfolge. Die bedrängten Christen weltweit brauchen das Gebet ihrer Mitchristen überall auf der Welt. Und ebenso sehr brauchen sie unser entschlossenes Vorgehen, wenn es darum geht, Fälle von Christenverfolgung öffentlich zu machen und damit konkrete Solidarität in Form von Hilfe zu ermöglichen. Hier kommen die kirchlichen Hilfswerke wie etwa das päpstliche Hilfswerk Kirche in Not ins Spiel: Sie sind erste Anlaufstelle für die Bischöfe in den betroffenen Regionen. Und doch können sie nur so viel geben, wie ihnen gegeben wird Über das Gebet und die Wohltat hinaus gibt es eine weitere Möglichkeit, das politische Engagement. Das muss nicht zwangsläufig mit einem Mandat verbunden sein, sondern beginnt da, wo ich meinem Abgeordneten eine Mail oder einen Brief schreibe und ihn wissen lasse, dass mich das Thema „Christenverfolgung“ umtreibt.

Kathnews: Bei alledem braucht es aber ehrlich gesagt eine ordentliche Portion Zuversicht, mit kleinen Dingen große Taten bewirken zu können.

Kastler: Diese Hoffnung und Zuversicht sollte uns als Christen auszeichnen. Manch kleine Tat wendet die Welt mehr zum Guten als jede noch so großartige und wortgewaltige Vision von einer besseren Welt.

Kathnews: Herr Kastler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Foto: Martin Kastler – Bildquelle: Archiv