„Wir fragen die Kinder ja auch nicht“

Ev. Theol. Münnich reagiert auf Aussagen Lataschs, jüdisches Mitglied im Nationalen Ethikrat.
Erstellt von Radio Vatikan am 3. Oktober 2012 um 10:00 Uhr
Beschneidung Christi

Köln (kathnews/RV). „Ein Religionskrieg“: So nennt Leo Latasch die Debatte über Beschneidungen in Deutschland. Er ist das einzige jüdische Mitglied im Nationalen Ethikrat und hat, wie er am Sonntag sagte, den Eindruck, in Deutschland wolle mal wieder das Christentum den anderen Religionen zeigen, wo es lang gehe. Dem widerspricht im Kölner Domradio der evanglische Theologe Ricklef Münnich: „Er übersieht, dass wir in Deutschland nicht mehr einen christlichen Staat haben, wir sind in einem säkularen Staat. Und das Christentum steht an der Seite des Judentums in der Beschneidungsdebatte. Hier gibt es eine Front gegen die Religionen.“

Ebenfalls ein starker Vorwurf. Münnich verweist auf das Urteil des Kölner Landgerichts, das Beschneidungen aus religiösen Gründen als „Körperverletzung“ gewertet und damit die Beschneidungsdebatte in Gang gebracht hatte. „Es wird häufig übersehen, dass das Kölner Landgericht auch gesagt hat, die Veränderung des Körpers läuft dem Interesse des Kindes zuwider, später selber über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können. Hier sind die Kirchen genauso angegriffen wie das Judentum. Wir haben die Kindertaufe, bei der wir die Kinder auch nicht fragen! Und Beschneidung und Taufe verbindet: Beide sind nicht zurücknehmbar, auch die Taufe ist unwiderruflich. Man kann später aus der Kirche austreten, aber getauft ist getauft.“

Dass nun ausgerechnet Deutschland diese Beschneidungsdebatte führe, sei ausgesprochen „peinlich, gerade mit Blick auf die Völker der ganzen Erde“, findet Münnich. Ausgerechnet Deutschland wolle auf einmal die Beschneidung verbieten? „Zwischen 1940 und 1945 wurden eine Million Kinder von Deutschen oder unter ihrer Mithilfe ermordet. Und jetzt dreht man das um und macht die ,Opfer zu Tätern‘, jetzt werden jüdische und muslimische Eltern angegriffen, sie würden ihre eigenen Kinder verstümmeln. Damit arbeitet man sich in Deutschland an der eigenen Vergangenheit ab. Anders kann ich mir das Ausmaß der Diskussion nicht erklären!

Foto: Beschneidung Christi – Bildquelle: Andreas Gehrmann

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