Wie ein Sauerteig wirkt das Evangelium

Predigt von Hw. Prof. Dr. theol. habil. Josef Spindelböck.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 11. August 2019 um 20:23 Uhr
Schafherde

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

„Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.“ (Lk 12,32). Mit diesen Worten wendet sich unser Herr Jesus Christus im heutigen Evangelium nach Lukas an seine Jünger.

Wenn wir es im Zusammenhang der damaligen Zeit verstehen, so begreifen wir, dass diese Worte Jesu eine Ermutigung darstellten für die verhältnismäßig kleine Zahl der Christen am Anfang. Kein Mensch konnte erwarten und vorhersehen, dass sich die Kirche Jesu Christi im Laufe der Jahre ausbreiten würde über die ganze Welt. Und doch hatte Jesus ausdrücklich den Auftrag dazu gegeben:

„Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,19–20). So lauten die Schlussworte des Matthäus-Evangeliums.

Wir erkennen also in den Worten Jesu an seine Jünger eine gewisse Spannung: Einerseits ist die Schar der Christen eine „kleine Herde“, andererseits soll die Botschaft Christi verbreitet werden in der ganzen Welt und alle Menschen erreichen. Das Reich Gottes aber, welches Jesus verkündet, ist mit seinem Kommen bereits angebrochen und eine lebendige Wirklichkeit.

In der gegenwärtigen Zeit nehmen wir einen sichtbaren Rückgang der Glaubenspraxis wahr; die Zahl der getauften Katholiken in den westlichen Ländern ist – von Ausnahmen abgesehen – im Sinken; die sonntäglichen Kirchenbesucher nehmen ab. Im öffentlichen und politischen Leben werden die Fundamente des Naturrechts und die Grundsätze des Evangeliums von vielen missachtet. In Wissenschaft und Technik gelten längst andere Standards als die christlichen Werte. Sollen wir angesichts dieser Befunde nicht mutlos und ängstlich werden? Hat das Christentum überhaupt noch Zukunft?

Wenn wir dem die eingangs angeführten Worte Jesu entgegensetzen, dann sieht dies allerdings anders aus! Die Kirche und die an Christus Glaubenden brauchen demnach nicht zu verzagen, wenn sie in bestimmten Perioden der Geschichte nur klein an Zahl sind. Gottes Heilsplan mit uns Menschen verwirklicht sich auch in unserer Zeit. Was nötig ist, ist ein fester, unerschütterlicher Glaube und ein grenzenloses Gottvertrauen! Wie das 2. Vatikanische Konzil ausgeführt hat, ist die Kirche Christi eine zugleich sichtbare Versammlung wie auch eine geistliche Gemeinschaft. Sie hat vom Herrn den Auftrag erhalten, ihren Weg mit der ganzen Menschheit gemeinsam zu gehen. Auf diese Weise soll sie „gewissermaßen der Sauerteig und die Seele der in Christus zu erneuernden und in die Familie Gottes umzugestaltenden menschlichen Gesellschaft“ sein (GS 40).

Vom Sauerteig aber sagt man, dass eine geringe Menge genügt, um das Ganze zu durchsäuern. Die Welt braucht also gemäß den Worten des Herrn nicht zuerst viele Christen, sondern vor allem überzeugte, vom Glauben erfüllte und vom Heiligen Geist geleitete Menschen, die an Jesus Christus glauben, auf ihn hoffen und ihn lieben. Wachsamkeit ist nötig, denn die Endstation unseres Lebens ist nicht das irdische Wohlleben oder der Friedhof, sondern die Vollendung im Reich Gottes. Wir erwarten das Kommen des Herrn in Herrlichkeit und die Auferweckung unseres Leibes durch die Macht Gottes!

Die Geschichte des Christentums hat schon oft gezeigt, wie gerade in Zeiten der Krise Menschen aufgetreten sind, welche vom Heiligen Geist erfüllt waren und so die Kirche und die Gesellschaft wie ein Sauerteig erneuert haben. Wir brauchen die Hoffnung nicht zu verlieren, auch wenn es derzeit nicht allzu viele sind, welche bereit sind, für Christus und die Kirche Zeugnis abzulegen. Gott kennt das Prinzip der Stellvertretung: Wenn auch nur eine Person für andere betet, so sind diese geistig mit hineingenommen in den Gnadenstrom Gottes, der aus dem Erlösungsopfer Christi fließt. Überall dort, wo die heilige Messe gefeiert wird, wo Menschen auf das Wort Gottes hören, wo sie danach trachten, es in ihr Leben aufzunehmen, da zeigt sich die rettende Macht des Herrn, und sie kommt auch vielen von denen zugute, die selber nicht die nötige Klarheit und Entschiedenheit besitzen, ein Leben des Glaubens zu führen. Das soll nun beileibe keine Ausrede für Faulheit oder Nichtstun sein; aber es ist ein Trost für uns alle, da wir wissen, dass nichts Gutes umsonst ist und der gute Sauerteig des Evangeliums mit Sicherheit seine Frucht bringen wird.

Was hilft uns persönlich weiter? Was stärkt unseren christlichen Zusammenhalt? Wie können wir noch wirksamer Zeugnis für das Evangelium Christi ablegen?

Vor allem eines scheint nötig: Wir sollten uns mehr Zeit nehmen für uns selber, für andere Menschen und vor allem für Gott. Wenn wir dies tun und zum Beispiel dem Gebet mehr Raum geben, wenn wir das Wort Gottes betrachtend im Herzen erwägen, wie dies die selige Jungfrau Maria getan hat, dann bleibt dies nicht ohne positive Auswirkungen auf uns selber und auf andere. Von innen her verwandelt Gott selbst unser Herz. Wir gewinnen eine neue Freude, die uns niemand nehmen kann; die Qualität unseres Lebens hier auf Erden definiert sich dann nicht mehr nach unserem materiellen Wohlstand, sondern danach, ob wir im Frieden mit Gott, mit den Mitmenschen und mit uns selber und auch mit der Natur leben.

So lasst uns Gott den Herrn um sein Erbarmen anrufen: Der Heilige Geist möge uns allezeit zum Guten erwecken und uns mit dem Feuer der Liebe Gottes erfüllen. Dann verwandelt sich das Antlitz der Erde und das Reich Gottes wird sichtbar.

Amen.

Mit freundlicher Genehmigung von Hw. Prof. Dr. theol. habil. Josef Spindelböck.

Foto: Schafherde – Bildquelle: Kathnews