Weihnachten – Ein wunderbarer Tausch

Gedanken zum Tagesgebet der 3. Messe am Weihnachtstag. Von Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 24. Dezember 2021 um 14:25 Uhr
Jesuskind in der Krippe

Das Gebet hat durch die nachkonziliare Liturgiereform seinen heutigen Platz als Tagesoration (Collecta) für die 3. Messe des Weihnachtstages erhalten. Freilich ist es älter als die Liturgiereform. Es geht auf das Sacramentarium Leonianum, eine Sammlung von Gebeten aus dem 7. Jahrhundert, benannt nach Papst Leo dem Großen, zurück. Das Gebet ist das Begleitgebet zum Offertorium, genauer zur Vermischung des Weines mit Wasser in der klassischen und in abgewandelter Form in der neuen Messe.

Theologische Tiefe

Die Tagesoration der 3. Messe am Weihnachtstag ist zweifellos eine der schönsten und theologisch reichsten Orationen des Messbuches. Sie bringt die altkirchliche Christologie von Nizäa und Chalzedon auf prägnante Weise zum Ausdruck. Man hört in ihr die  Stimme der Kirchenväter, der Griechen wie der Lateiner, des heiligen Athanasius ebenso wie des heiligen Papstes Leo I. Das Wort ist Fleisch geworden, es hat unsere Menschennatur angenommen, damit wir an seiner göttlichen Natur teilhaben können. Ein wahres sacrum commercium, ein heiliger Tausch.

Man möchte Alex Stock gerne zustimmen, wenn er schreibt, dass diese Oration in der Weihnachsliturgie „einen neuen, passenden“ Platz gefunden hat. (Alex Stock, 40) Während in der klassischen Liturgie das Gebet still vom Priester bei der Vermischung von Wein mit Wasser gebetet wird, kommt durch die zentrale Stellung im Messbuch von Papst Paul VI. als Tagesgebet der Hauptmesse von  Weihnachten, die in vielen Kirchen zurecht auch als Hochamt gefeiert wird, und durch den lauten Vortrag oder Gesang des zelebrierenden Priesters die Würde und der Glanz gerade dieser theologisch so tiefen und reichen Weihnachtsoration besser zur Geltung und zu ihrem Recht. In vielen Punkten ist die nachkonziliare Liturgiereform zweifellos hinterfragbar und – im Lichte der Tradition, des organischen Wachstums und der Kontinuität – verbesserungsbedürftig. Aber die Platzierung dieser Weihnachtsoration als Tagesgebet der Hauptmesse des Weihnachtstages ist ein Beispiel, dass die Liturgiereform auch ihr Gutes hat.

Menschwerdung Gottes zielt auf die Vergöttlichung der Menschen

Das Gebet spricht von Gott als dem Schöpfer und Erneuerer des Menschen. Schon die Erschaffung des Menschen ist ein Wunder (mirabiliter condidisti). Seine Würde besteht darin, dass er nicht nur mit Verstand und Wille ausgestatte ist, sondern vor allem darin, dass er nach Gottes Abbild und seiner Gestalt geschaffen ist.

Doch dieses Wunder wird noch um vieles überhöht durch die Neuschöpfung. Sie wurde notwendig, weil die menschliche Natur durch die Ursünde entstellt war. Die Geburt Christi, sein Tod und seine Auferstehung haben die verwunderte Schöpfung „noch wunderbarer wiederhergestellt“ (mirabilius reformasti). Durch Christus läßt Gott den Menschen teilhaben an seiner eigenen göttlichen Natur. Die Kirchenväter nannte diese Glaubenswahrheit „Vergöttlichung“ (theiosis/deificatio) des Menschen. Einige sprechen sogar von der „Gottwerdung“ des Menschen (fit Deus). Das könnte freilich missvestanden werden. Gemeint ist die Teilhabe an der göttlichen Natur (eius divinitatis esse consortio). Der Mensch bleibt Mensch, wird aber vergöttlicht durch die heiligmachende Gnade im Sakrament der Taufe. Darum übersteigt die „Neuschöpfung … das Wunder der Urgnade im Paradies“ (Pascher, 106).

In der Oration betet die Kirche nun erneut, wie jedes Jahr zu  Weihnachten, um die Teilhabe des Menschen „an der Gottheit des Sohnes, der unsere Menschennatur angenommen hat“ (eius divinitatis esse consortes, qui humanitatis nostrae fieri dignatus es particeps). Die Menschwerdung Gottes, die Inkarnation, ist die Grundlage für die Erneuerung des Menschen, die in der Teilhabe an der Gottheit Christi besteht. Das ist freilich durch die Taufe schon geschehen. „Dass die Liturgie immer wieder einmal uns etwas bitten läßt, was wir durch die Sakramente bereits erhalten haben, hat seinen guten Grund. Der Besitz der Gnade ist für den irdischen Menschen ein sehr labiler Zustand“ (Pascher, 107). Wir tragen, wie Paulus scheibt, „diesen Schatz … in irdenen Gefäßen“ (2 Kor 4, 7). Unsere Menschennatur ist zwar vergöttlicht, aber durch die Konkupiszenz zur Sünde geneigt. Darum ist das Gebet so wichtig, darum die Feier der Sakramente, insbesondere der Eucharistie, die uns heilen und stärken und die Teilhabe an der göttlichen Natur durch die heiligmachende Gnade erneuern.

Das Tagesgebet hält uns vor Augen, dass die Erlösung ein größeres Geschenk ist als die Schöpfung, denn sie macht uns zu Teilhabern am Leben Gottes selbst. An Weihnachten werden wir – vom „Joch der Sünde“   (peccati iugum; Missale Romanum 1962) befreit –  als Gottes Kinder wiedergeboren. Dies ist der Ausgangspunkt für unsere Sehnsucht und unsere Suche nach dem Wahren, dem Schönen, dem Guten in seiner Vollkommenheit: Gott.

Tagesgebet (Collecta)

Deutsches Messbuch

Allmächtiger Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederherstellt. Lass uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes, der unsere Menschennatur angenommen hat.

Lateinischer Originaltext

Deus, qui humanae substantiae dignitatem et mirabiliter condidisti et mirabilius reformasti, da quaesumus, nobis eius divinitatis esse consortes, qui humantatis nostrae fieri dignatus est particeps.

Römisches Messbuch von 1962 (Übersetzung: Pater Martin Ramm FSSP)

Gewähre, so bitten wir, allmächtiger Gott, dass Deines Eingeboren neue Geburt im Fleisch uns befreie, die unter dem Joch der Sünde alte Knechtschaft gefangen hält.

Lateinischer Originaltext

Concede, quaesumus, omnipotens Deus,ut nos Unigenti tui nova per carnem Nativitas liberet, quos sub peccati iugo vetusta servitus tenet.

Foto: Krippe – Bildquelle: C. Steindorf, kathnews

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