Weckt eure Liebe auf! – Exerzitien für Ehepaare

Eine Rezension zu Kardinal Sarahs Buch von Margarete Strauss.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 1. August 2021 um 13:55 Uhr

Im Mai 2019 hielt Robert Kardinal Sarah in Lourdes Exerzitien für Ehepaare ab. Das Herzstück seiner Vorträge ist zu einem Buch mit dem französischen Originaltitel „Couples reveillez votre amour!“ verarbeitet worden. „Weckt eure Liebe auf“ ist ein Weckruf, der sich anschließt an den Appell Jesu zur Wachsamkeit. In zwei Hauptteilen entfaltet der Kardinal die katholische Ehetheologie sowie die konkreten Herausforderungen der Ehepartner in heutiger Zeit. Sodann erfolgen zwei Anhänge, wobei der erste eine Gebetssammlung für Ehepaare darstellt und der zweite mit dem Begriff „Zuhör-Atelier“ betitelt ist.

Der erste Hauptteil stellt einen theologischen Abriss der Ehe dar. Ganz bewusst leitet Sarah ihn mit dem liturgischen Bild des Kelchs ein, um die Ehe zu umschreiben. Dem Adressaten wird gleich zu Beginn signalisiert, dass die Ehe wesentlich ein Sakrament ist. So wie der Becher des Segens im Abendmahlssaal und in jeder hl. Messe zum Becher der Danksagung wird, wird „der Becher der ehelichen Liebe gewissermaßen mit dem zarten Gold des Sakramentes überzogen.“[1] Ausgehend von dieser Analogie leitet Sarah ab, dass die Eucharistie den Kern des religiösen Familienlebens darstellt. Die Analogie zwischen der Konsekration des Priesters und dem Trauungssegen besteht wesentlich in ihrem Hauptakteur Christus. Sie kommt besonders da zum Ausdruck, wo eine Trauung in eine Hl. Messe integriert ist. „Und so wird der mit Feingold überzogene Kelch ihres Ehebundes zum Auffangbecken des kostbaren Blutes dessen, der allein ihren Durst nach Liebe, nach Wahrheit und ewigem Glück stillen kann: Jesus Christus.“[2]

Im Laufe des ersten Abschnitts entfaltet Kardinal Sarah ein „Tryptichon der Liebe“[3], das aus den Phasen der Verzückung, des Opfers und der Auferstehung besteht. Dieses Tryptichon der ehelichen Liebe leitet Sarah ab vom Tryptichon der göttlichen Liebe. Die Verzückung besteht in der Freude über den Ehepartner, ganz wie im Garten Eden, als Adam erstmals seine Frau erblickt. Als Opfer bezeichnet er das eigene Sterben für den anderen, eine Liebe, die über die eigene Komfortzone hinausreicht, stete Vergebungsbereitschaft erfordert und die Analogie zwischen Selbsthingabe Christi am Kreuz sowie Ehesakrament verdichtet: „Es geht darum, von der Ekstase der Verzückung zur Haltung des Samariters zu gelangen, der mit dem Öl seiner Zärtlichkeit und seines Feingefühls die mehr oder weniger verborgene Wunde pflegt, welche der Gatte in der Seele der Person entdeckt, die er ungeteilt liebt.“[4] Die Erfahrung von Schuld und Versagen ist im Eheleben unvermeidlich. Umso mehr führt die Vergebung schließlich in die Freude der Auferstehung, die eine reine und vollkommene Freude darstellt. So geht das Ehepaar vom Hochzeitssaal von Kana über zur Hochzeit des Lammes.

Kardinal Sarah scheut sich nicht, unbequeme Wahrheiten auszusprechen wie die Mogelpackung der „Ehe für alle“. Ausgehend von einer Abhandlung über die Barmherzigkeit Gottes erklärt er, warum eine Pastoral, die Vielfalt statt Umkehr zum Gegenstand hat, gegen die Barmherzigkeit Gottes agiert. Ausgerichtet an der Lehre Jesu warnt Sarah vor vermeintlichen Kompromissen und Relativierungen im Bereich der Ehe: „Die Lehre Jesu lässt keine Zweideutigkeit zu: Es gibt nur eine einzige Ehe und diese ist unauflöslich.“[5] Gewiss kommt Sarah auf die abweichende Realität zu sprechen: „Jesus ist keineswegs empfindungslos gegenüber der Anfälligkeit der Gefühle, die den wahren Sinn der Liebe entstellen, besonders im Ehebruch, in Untreue, in Eifersucht und Lüge. Doch niemals heißt Er die Sünde gut oder stimmt ihr zu.“[6] Kardinal Sarah erklärt, dass die Familie zum Ort der Vergebung und Barmherzigkeit werden muss, die Gott ist, wie Jesus im Gleichnis vom verlorenen Sohn veranschaulicht. Auch das Hohelied der Liebe wird zum Grundsatzdokument, das die Liebe Gottes erklärt. Die Berufung der Eheleute und Familien besteht darin, diese Liebe umzusetzen,[7] was durch den zunehmend inflationären Gebrauch des Begriffs „Liebe“ erschwert wird.

Schließlich stellt er die Wichtigkeit der Familie in Kirche und Gesellschaft heraus. Mit Bezug auf Papst Paul VI betont er, dass das Zeugnis der Familie in heutiger Zeit entscheidend ist: „Eine betende Familie offenbart inmitten einer oft gottlosen Welt die Gegenwart des auferstandenen Christus. Deshalb trägt die christliche Familie den schönen Namen Hauskirche.“[8] Sie ist als Hauskirche Gebetsschule und die Eltern sind Vorbild und Lehrer.

In einem zweiten Hauptteil setzt Sarah das Gesagte in den heutigen Kontext mit all seinen Herausforderungen. Ganz wie in der Johannesoffenbarung Kapitel 12 ist der Kampf dieser Tage ein lebensfeindliches Streben, das vor allem die Kinder tötet. Kardinal Sarah verweist auf die Worte Sr. Lucias, die als letzten Kampf Satans den Kampf gegen Ehe und Familie angekündigt hat. Besonders destruktiv sind die Genderideologie, die Frühsexualisierung der Kinder sowie der Hedonismus, der dem Opfercharakter des Ehesakraments und der Eucharistie entgegensteht. Vergiftet vom Materialismus „meinen wir manchmal, dass das, was Gott uns gegeben hat, nicht genügt.“[9] Dagegen ist die Familie dazu aufgerufen, ganz vertrauensvoll zu bitten und den Tempel des Hl. Geistes zu heiligen, der von „Ehebruch, Untreue, Empfängnisverhütung, Abtreibung und Versuche[n] an Embryonen“[10] verunreinigt wird. Sarah benennt auch Missstände wie die unwürdig empfangene Kommunion, den liturgischen Missbrauch, die verlernte Anbetung und Stille.

Er stellt erstaunliche Übereinstimmungen zwischen der Gesellschaft zu Beginn der Kirche und der heutigen Gesellschaft heraus, insbesondere in Bezug auf ihren moralischen Zustand: „Die Gesellschaft banalisierte Ehebruch, Untreue, Polygamie, Homosexualität, Abtreibung.“[11] Die christliche Familie ist dazu aufgerufen, so wie die ersten Christen keine faulen Kompromisse einzugehen und dem Evangelium treu zu bleiben. Dies macht sie so wie die ersten Christen zum Sauerteig, der die Welt durchsäuert und zur Umkehr führt. In diesem Kontext scheut Sarah sich nicht, Negativbeispiele in der Kirche anzuschneiden wie die Synoden über die Familie 2014 und 2015: „Doch leider schlich sich in diesen Synoden über den Umweg eines irrigen, theologisch-pastoralen Alibis die Versuchung ein, dem heute herrschenden Weltgeist Zugeständnisse zu machen: Die Lehre der Kirche wurde an die Realität der gegenwärtigen Welt angepasst oder theologisch ausgedrückt: Die kirchlichen Grundsätze wurden an pastorale Sonderfälle angepasst.“[12] Vielmehr ruft er zu einem Martyrium im Wortsinn auf – zu einer Zeugnishaftigkeit des gesamten Lebens. Dabei betont er, dass auch jene ein Martyrium erleiden, die für ihre Standhaftigkeit im Glauben mit gesellschaftlichen oder beruflichen Nachteilen bestraft werden. Zu einer solchen Standhaftigkeit sind aber alle Getauften berufen. Sarah verweist auf das Laienapostolat, wie es das Konzil in Apostolicam Actuositatem in den Blick nimmt.[13]

Der stete geistige Kampf, den die Christen immerwährend austragen müssen, muss wesentlich durch die Kraft der Stille bestritten werden: „Durch eure Nähe zu Gott wandelt sich eure Stille in eine Kraft, in die Kraft zum Zeugnis, zum Martyrium, zur Heiligkeit. Denn es ist auch das Schweigen Jesu in Seiner Passion angesichts seiner Ankläger.“[14]

Zum Ende hin stellt Sarah den Einsatz der Christen für eine Kultur des Lebens heraus. Er nennt den „Schutz des Embryos die Conditio sine qua non im Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei und de[n] Garant[en] für die Zukunft unserer Menschheit.“[15] Er ruft zum Einsatz gegen Transhumanismus, Eugenik, Leihmutterschaft und Selektion auf. Schließlich beendet er den zweiten Hauptteil mit dem Verweis auf den Brief an die Familien von Papst Johannes Paul II von 1994.

Nachdem Sarah in den beiden Hauptteilen die wesentlichen Aspekte herausgestellt hat, setzt er in den ersten Anhang einen Gebetsschatz zur konkreten Umsetzung seiner Exerzitien. Für jeden Wochentag wird ein fester Umfang an Gebeten vorgegeben. Es finden sich zudem hilfreiche Hinweise auf die Art des Betens.

Als zweiten Anhang schlägt Kardinal Sarah eine praktische Übung vor, bei der ein beziehungsstärkender Aspekt zwischen Mann und Frau trainiert wird – das gegenseitige Zuhören. Diese Übung, die einmal am Tag in einem ruhigen Moment und in einem ritualisierten Kontext vorgenommen werden soll, bezeichnet Sarah als „Zuhör-Atelier“. Sie soll nicht nur Empathie fördern, sondern auch Syntonie, den Zusammenklang der Herzen.

Insgesamt lässt sich das Buch leicht lesen, denn der Schreibstil ist katechetisch, der Inhalt mithilfe von vielen Beispielen veranschaulicht. Kardinal Sarah baut viele Bilder, Allegorien und Analogien ein, die zu einem großen Teil der Hl. Schrift entnommen sind. All dies nimmt dem Gesagten jedoch nicht die geistige Tiefe und haargenaue Diagnostizierung der heutigen Missstände. Seine Exerzitien sind wahrlich Balsam für die Seele, weil er tief eintaucht in die Quelle der Wahrheit Gottes. Es ist ein Plädoyer für Christus, der wieder in das Zentrum gerückt werden soll. Dieses Buch ist empfehlenswert für alle Ehepaare und jene, die es werden wollen.

Robert Kardinal Sarah, Weckt eure Liebe auf! Exerzitien für Ehepaare, Übersetzung aus dem Französischen von Hedwig Hageböck, 2021 fe Medienverlag.

[1] Robert Kardinal Sarah, Weckt eure Liebe auf, S. 15f.

[2] Ebd. S. 21.

[3] Ebd. S. 23.

[4] Ebd. S. 26.

[5] Ebd. S. 35.

[6] Ebd. S.36.

[7] Vgl. ebd. S. 39.

[8] Ebd. S. 44.

[9] Ebd. S. 70.

[10] Ebd. S. 70.

[11] Ebd. S. 77.

[12] Ebd. S. 79.

[13] Vgl. ebd. S. 85.

[14] Ebd. S. 91.

[15] Ebd. S. 97.

Foto: Weckt eure Liebe auf! (Buchcover) – Bildquelle: Fe-Medienverlag

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