Was Vaticanum II über den Islam sagt

Das Konzil betont in der Erklärung „Nostra aetate“ im Blick auf den Dialog das Gemeinsame, ohne die Unterschiede zu verschweigen.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 31. Dezember 2014 um 10:28 Uhr
Sultan Ahmed Moschee

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Debatte über die Islamisierung der Gesellschaft ist es angezeigt, die Stimme der Konzilsväter des Zweiten Vatikanischen Konzils zu hören. Sie gehen in der Erklärung Nostra aetate auch auf das Verhältnis von Christentum und Islam ein. Nachdem Nostra aetate in Artikel 2 kurz auf den Hinduismus und den Buddhismus zu sprechen kommt, werden im 3. und 4. Artikel die großen abrahamitischen Religionen (Islam und Judentum) beschrieben, und zwar positiv. In der Beschreibung der verschiedenen Religionen erkennt der Leser unschwer ein Stufenmodell der Nähe der behandelten Religionen zum Christentum. Dieses steht dem Judentum näher als dem Islam.

Respekt vor dem Dialogpartner bestimmt Inhalt und sprachliche Formulierung des Konzilstextes

In dem Bemühen der Konzilsväter – nicht zuletzt auch im Hinblick auf den interreligiösen Dialog und die Zusammenarbeit der Religionen in den vielfältigen kulturellen, sozialen und karitativen Bereichen – das Gemeinsame der Religionen mit dem Christentum gegenüber dem Trennenden zu betonen (denn Dialog geht immer – im Respekt gegenüber dem Dialogpartner – zunächst vom Gemeinsamen und Verbindenen aus, bevor das Trennende thematisiert wird), stellt Artikel 3 der Erklärung die Gemeinsamkeiten, die der Islam mit dem Christentum verbindet, in den Vordergrund.

Sprachlich fällt dieses Bemühen vor allem in der Formulierung der Gottessohnschaft Jesu Christi auf. Die Leugnung der Gottessohnschaft Jesu durch den Islam stellt bekanntlich den zentralen glaubensmäßigen und theologischen Dissenz zwischen Islam und Christentum dar. Da aber das Gemeinsame betont werden soll, formulieren die Konzilsväter diesen Glaubensunterschied nur in einem dem Hauptsatz untergeordneten Relativsatz: „Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, …”. Durch diese Wahl der Formulierung gelingt es den Konzilsvätern, den Unterschied zwar nicht zu verschweigen, aber auch nicht in den Vordergrund zu stellen, denn er wird sprachlich zur Nebenaussage, während die Hauptaussage des Satzes, das worauf es den Konzilsvätern im Duktus der Erklärung ankommt, im Hauptsatz steht. Dass Jesus Prophet gewesen ist, ist biblisch begründet und wird auch von den Christen anerkannt. Jesus als Prophet verbindet Christentum und Islam. Darüber hinaus hebt der Artikel weitere Gemeinsamkeiten und Verbindendes beider Religionen hervor.

Aufruf des Konzils zur Überwindung von Konflikten zwischen Christen und Moslimen

Im zweiten Teil des Artikels wird dazu aufgerufen, trotz der theologischen Unterschiede (vor allem in Bezug auf den Glauben der Christen an den dreifaltigen Gott und die darin begründete unterschiedliche Anthropologie sowie in Bezug auf den Glauben an die Gottessohnschaft Jesu) die Jahrhunderte dauernde Konfliktgeschichte zwischen beiden Religionen zu überwinden und „sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen”. Der Respekt vor den Moslimen muss auch die gegenwärtigen Debatte um eine „Islamisierung Europas“ bestimmen. Ängste und Sorgen sind ernst zu nehmen, Diskriminierung, Gewalt und Hass aber zu vermeiden und zu verurteilen. Hier ist nicht zuletzt die Politik in die Pflicht genommen und gefordert.

Nostra aetate, Artikel 3

„Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslimen, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten.

Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.”

Foto: Sultan Achmed Moschee – Bildquelle: Dersaadet, Wikipedia

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