Vorwand der Einheit als geheuchelter Anlass zum Rausschmiss?
In meiner großangelegten zweiteiligen, stark kanonistisch ausgerichteten, Analyse des neuen Motu proprio Traditionis Custodes und anderer Dokumente, die zu seiner Interpretation mit hinzugehören, habe ich bereits eingeräumt, dass die Definition des Jurisdiktionsprimates des Papstes, die das Erste Vatikanische Konzil gegeben hat, es erlaubt, Gläubigen und Geistlichen, die sich nicht nur im Bereich der Liturgie, sondern insgesamt entschließen, einfach fortzufahren wie am Vorabend des Zweiten Vatikanischen Konzils, leicht (oder doch eher: leichtfertig?) den Vorwurf des Schismas zu machen.
In diesem Sinne kann Franziskus in seinem Begleitschreiben davon sprechen, sämtliche vorausgegangenen Altritus-Indulte oder damit in Zusammenhang stehenden Zugeständnisse hätten lediglich dem Ziel gedient, das Schisma Erzbischof Lefebvres zu überwinden, auch schon für Phasen des Konfliktes ohne und vor eigenmächtigen Bischofsweihen.
Historisch unrichtige Darstellung
Die Annahme, die Überwindung des vom Papst unterstellten Schismas sei nicht nur ein, sondern sogar das alleinige Ziel gewesen, ist jedoch nachweislich historisch falsch.
Zwar hat Erzbischof Lefebvre nie die Position derer geteilt, die die nachkonziliaren Päpste definitiv als illigitim betrachten, und auch hat er die sakramentale Gültigkeit der neuen sakramentalen Riten niemals prinzipiell bestritten. Aber dennoch hatte er selbstverständlich immer theologische und (kirchen-)politische Probleme, bestimmten Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils zuzustimmen, die oftmals gerade als dessen eigentlichen Fortschritte oder Errungenschaften galten. Doch niemand, auf den auch nur einzelne solcher Schwierigkeiten zutrafen, konnte, selbst wenn er gewollt hätte, strenggenommen je ein Indult in Anspruch nehmen, um an der Alten Messe  festzuhalten.
Die Indulte, wie sie 1971 für England und Wales und dann ab 1984 weltweit galten, hatten von Anfang an im Gegenteil nur solche Personen im Blick, die zwar der überlieferten Liturgie anhingen (oder ihr nachtrauerten), die aber an sich keinerlei Einwände oder Probleme mit Inhalt oder Legitimität der Konzilsaussagen und anschließenden –reformen hatten.
Vielmehr ging es gerade darum, solchen Leuten ein Angebot zu machen, damit sie nicht mangels Alternativen doch zu Lefebvre abwandern würden oder sogar zu Sedisvakantisten, auch wenn sie deren jeweilige theologische Kritik eigentlich gar nicht teilten, sie vielleicht auch nicht verstanden oder für sich als einfache Gläubige als unerheblich einstuften, als etwas, mit dem sich Priester und Theologen oder Kirchenrechtler herumschlagen sollten.
Erst nach dem 30. Juni 1988 kamen auch (ehemalige) Lefebvre-Anhänger als Adressaten des Indults in Frage. Jene nämlich, für die der streitbare Erzbischof mit den Bischofsweihen eine Grenze überschritten hatte, über die hinaus sie ihm nicht folgen wollten oder die schlicht durch seine Exkommunikation eingeschüchtert waren.
Tradition Erbe und Schatz oder Ballast?
Und genau aus diesem Grund gilt für Papst Franziskus eine kirchengeschichtliche Überlegung, die Papst Benedikt 2007 in seinem Begleitbrief zu Summorum Pontificum angestellt hatte: „In der Rückschau auf die Spaltungen, die den Leib Christi im Lauf der Jahrhunderte verwundet haben, entsteht immer wieder der Eindruck, dass in den kritischen Momenten, in denen sich die Spaltung anbahnte, vonseiten der Verantwortlichen in der Kirche nicht genug getan worden ist, um Versöhnung und Einheit zu erhalten oder neu zu gewinnen; dass Versäumnisse in der Kirche mit schuld daran sind, dass Spaltungen sich verfestigen konnten.“
Ob Traditionis Custodes tatsächlich nur ein weiteres Versäumnis dieser Art ist oder nicht viel eher eine bewusste Provokation zur Spaltung, muss sich Papst Franziskus fragen (lassen), wenn ihm tatsächlich Einheit am Herzen liegt und seine Autorität mehr ist als Willkür und sein Lehramt mehr als der Moment, der sogar ganz bewusst Tradition als reinen Ballast empfindet und abschüttelt. Und er muss sich fragen, ob er diese Schuld auf sich laden und tragen will.
Foto: Alte Messe / Manipel – Bildquelle: Berthold Strutz









