Vom Vorrang der Lust

Spiegel einer weichgespĂŒlten Zivilmoral an theologischen FakultĂ€ten und auf dem Synodalen Weg. Eine Buchrezension vom Margarete Strauss.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 28. Mai 2021 um 15:11 Uhr

Zwei namhafte Moraltheologen, Christof Breitsameter in MĂŒnchen und Stephan Goertz in Mainz, haben als PlĂ€doyer einer neuen Sexualmoral gemeinsam ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Vom Vorrang der Liebe“. Es ist 2020 im Herder Verlag erschienen. In diesem Werk rĂŒtteln sie jedoch an jeglichen katholischen Grundeinstellungen und ersetzen in mĂŒhevoller Steinbruchtheologie den Felsenbau Christi durch ein zeitgeistliches Kartenhaus – Kant und Hegel statt Schrift und Tradition.

Die Autoren wechseln sich mit ihren AusfĂŒhrungen kapitelweise ab, sodass die Kapitel 1, 3, 5 und 9 auf Breitsameter, die Kapitel 2, 4, 6-8 auf Goertz zurĂŒckgehen. Der sprachliche Stil ist einerseits nĂŒchtern wissenschaftlich, zeugt andererseits von einer antikirchlichen Polemik, die den wissenschaftlichen Anstrich wiederum beeintrĂ€chtigt. Insgesamt ist das Werk in drei grobe Blöcke zu unterteilen: ZunĂ€chst wird die bisherige katholische Sexualmoral in ihren GrundzĂŒgen skizziert (I), wobei diese etisch erfolgt, das heißt von außen betrachtet, als ob die Autoren nicht selbst Teil dieser Kirche sind. Dieser Trend ist vermehrt in heutiger Theologie zu beobachten, gleichsam ein Gegenakzent zur „knienden Theologie“. Im Anschluss werden die Konsequenzen der bisherigen Lehre aufgezeigt (II), bevor das von den Autoren geforderte neue Konzept vorgestellt wird (III).

Die Skizze bisheriger Sexualmoral (I) offenbart eher eine Karikatur als die wirkliche Lehre der Kirche, wobei diese konsequent pathologisiert wird. Die Darstellung ist geprĂ€gt von Verallgemeinerungen und plumpen Behauptungen, die nicht belegt werden. So wird beispielsweise immer wieder behauptet, dass Liebe in der Ehe nie eine Rolle gespielt habe und der Ehebruch von MĂ€nnern stets geduldet worden sei. Dass Christus in den Evangelien selbst dazu deutlich Stellung bezogen hat, wird außer Acht gelassen. Insgesamt wird der historische RĂŒckblick aus rein kulturellen und gesellschaftlichen Perspektiven vorgenommen. Theologische Aspekte werden ganz ignoriert. Der Kirche werden strategische Absichten unterstellt, wenn eine strenge Monogamie gefordert werde, so als ob die Zehn Gebote und die schöpfungs- sowie bundestheologische Grundlage des Ehesakraments fĂŒr die Kirche keine Rolle spielen wĂŒrden. Ausgehend von dieser reduktionistischen Darstellung verwundert die Kritik am Lehramt nicht, trotz verĂ€nderter gesellschaftlicher ZustĂ€nde an den alten Geboten festzuhalten. Monogamie als Sicherstellung des Herrschaftsbereichs des Mannes und seiner MachtausĂŒbung spiele in heutiger Zeit partnerschaftlicher Augenhöhe keine Rolle mehr.

Es zeigt sich eine erstaunliche Glorifizierung der AufklĂ€rung und zuvor der AusfĂŒhrungen Luthers zum Thema Ehe. Ein wesentliches Problem besteht in der Definition von Liebe: Was die Autoren darunter verstehen, entspricht nicht der Definition der Kirche, der sie deshalb die UnterdrĂŒckung von Liebe vorwerfen. Was sie eigentlich meinen, ist Lust und Begehren. Fruchtbarkeit als Hauptzweck der Ehe wird nicht von der Ebenbildlichkeit Gottes abgeleitet, sondern als EngfĂŒhrung verunglimpft, wobei wiederholt die „Liebe“ der Ehegatten gegen die Zeugung und Erziehung von Nachkommen ausgespielt wird, so auch unterstrichen durch folgendes vielgelobtes Zitat: „Ich habe meine Frau nicht geheiratet, um mit ihr Kinder zu bekommen, ich habe sie geheiratet, weil ich sie liebe.“ Die Autoren versĂ€umen es, die Verbindung der Hauptzwecke der Ehe herauszustellen.

Bei der Skizzierung bisheriger Lehre kommen die KirchenvĂ€ter schlecht weg, allen voran Augustinus. Dieser wird als besonders leibfeindlich empfunden, was ihm aber nicht gerecht wird. Die Ekklesiologie, die die beiden Autoren voraussetzen, ist regelrecht gnostisch geprĂ€gt. Immer wieder unterstellen sie der Kirche ein Misstrauen gegenĂŒber der SexualitĂ€t. Dabei wird nicht erkannt, dass die Kirche sich stets bemĂŒht hat, den besonders zerbrechlichen Bereich des Menschen, die SexualitĂ€t, zu schĂŒtzen. Auch Thomas von Aquin wird sehr leibfeindlich bewertet. Seine AusfĂŒhrungen werden dabei anachronistisch betrachtet, um nicht zu sagen ausgehend von einer genderorientierten Sichtweise soziologistischer Art. Eine solche Haltung seit den Sechzigerjahren wird unkritisch behandelt und als Fortschritt hingenommen, hinter dem die ewiggestrige Sexualmoral der Kirche zurĂŒckbleibe. PrĂ€gend ist der durchgĂ€ngig negative Grundduktus bezĂŒglich naturrechtlicher Argumentation.

Im nÀchsten Abschnitt (II) werden die vermeintlichen Konsequenzen der traditionellen Sexualmoral herausgearbeitet, wobei die Schlussfolgerungen als Folgefehler zu betrachten sind: Ausgehend von einer unangemessenen Pathologisierung katholischer Sexualmoral entfernen sich die Schlussfolgerungen noch weiter von der RealitÀt.

Auch in diesem Kapitel wird ein verklĂ€rter Blick auf Luther deutlich, dessen AusfĂŒhrungen zur Ehe fĂŒr die Bewertung der katholischen Ehetheologie wenig hilfreich sind. Schließlich betrachtet er sie nicht einmal als Sakrament. Auch die AufklĂ€rung wird zur VerklĂ€rung. Liebe und Lust entwickeln sich zu Synonymen, was wohlwollend hingenommen wird. Insgesamt wird die traditionelle Sexualmoral als Liebestöter betrachtet. Was sie fĂŒr die Autoren jedoch anstĂ¶ĂŸig macht, ist ihre konstruktive Lenkung sowie Transzendierung von SexualitĂ€t, statt Förderung grenzenloser Auslebung von Lust. Transzendierung menschlicher Liebe wird als Rechtfertigungsdruck fĂŒr Liebende empfunden, ihr Wegfall durch die Entwicklungen der AufklĂ€rung und spĂ€testens seit der sexuellen Revolution als Befreiung bewertet. Menschliche Liebe genĂŒgt sich selbst und muss nichts mit Gottesliebe zu tun haben.

Es findet eine Umkehrung dessen statt, was reife SexualitĂ€t ausmacht: Ein Mensch wird glĂŒcklich, wenn er keusch ist. Keuschheit bedeutet laut KKK 2237 die geglĂŒckte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person des Menschen. Keuschheit in der Ehe macht diese zu einer guten Ehe. Was Breitsameter und Goertz daraus machen, ist: Erst durch ausgelebte SexualitĂ€t wird eine Liebesbeziehung personal intim, so als ob IntimitĂ€t nur auf sexueller Ebene bestehe. Dies wiederum dient zur Legitimation kĂŒnstlicher VerhĂŒtung. Besonders peinlich werden VorwĂŒrfe gegenĂŒber jenen PĂ€psten, die wahre Liebe und Keuschheit in ihren Schreiben stark machen. So werden Pius XI mit Casti connubii nationalistische Absichten unterstellt. Paul VI mit Humanae vitae wird ganz falsch begriffen. Die Unterscheidung zwischen kĂŒnstlicher VerhĂŒtung sowie natĂŒrlicher EmpfĂ€ngnisregelung verfehle den Menschen als Freiheitswesen. Freilich unterscheidet sich der Freiheitsbegriff von Breitsameter und Goertz wesentlich vom Freiheitsbegriff der Kirche. Was die Autoren offenbaren, ist ein Neognostizismus, denn wer das ganzheitliche Menschenbild der Hl. Schrift und auch Johannes Paul II mit seiner Theologie des Leibes auf biblischer Grundlage kritisiert, verlĂ€sst die Grundlage christlicher Anthropologie. Dies wird bei jeglichen moralischen Themen deutlich, auch gerade bei HomosexualitĂ€t, bei der die biblischen Befunde sorgfĂ€ltig wegdiskutiert werden, ganz nach dem unbiblischen Prinzip sola scriptura: Die Überlieferung wird zur Bewertung biblischer Befunde nicht heranzogen, die jedoch mehr als eindeutig ist. Die KirchenvĂ€ter lassen keinen Zweifel darĂŒber, wie die frĂŒhe Kirche zum Thema ausgelebter HomosexualitĂ€t steht.

Abschließend erfolgt die Konzeption einer neuen Moraltheologie (III), die nichts Theologisches mehr beinhaltet: Vielmehr wird eine zeitgeistliche Zivilmoral auf den Überlegungen Immanuel Kants ausdekliniert und gegen Johannes Paul II ausgespielt. Dabei wird deutlich, dass die neue Moraltheologie den Menschen an die Stelle Gottes setzt. Breitsameter und Goertz gehen in ihrem Konzept noch weiter: Nicht mehr die Theologie legt die Moral aus, sondern die Moral die Theologie. Ihre rein weltliche Denkweise offenbart sich auch bei der unsachgemĂ€ĂŸen Hantierung mit dem Menschenrechtsbegriff beim Thema sexuelle Selbstbestimmung: Es handelt sich bei den Menschenrechten um Abwehrrechte des einzelnen Menschen gegenĂŒber dem Staat. Ihre bindende Wirkung beschrĂ€nkt sich also weitgehend auf staatliches Handeln.

Was hat dies also in einer vermeintlich theologischen Konzeption zu suchen? Dagegen wird alles kritisiert, was irgendwie autoritativ daherkommt. So stoßen sich die Autoren an Johannes Paul II, der in seiner Theologie des Leibes die Zehn Gebote als höchste AutoritĂ€t voraussetzt. Sie stören sich zudem an den AusfĂŒhrungen Johannes Pauls II zur Körperlichkeit des Menschen, nehmen ihn gleichsam als Biologismus wahr. Immer wieder wird durch terminologische IrrefĂŒhrung der Schönheit der kirchlichen Lehre ein negativer Anstrich verpasst. So wird ihr Verzweckung der SexualitĂ€t vorgeworfen, wobei sie dieser vielmehr einen tiefen Sinn verleiht. Eine Verzweckung nehmen eher die Autoren vor, aus deren Sicht SexualitĂ€t um der Lust willen existiert. Von diesem Grundsatz her wird reduktionistisch fĂŒr jede Beziehungsform der Begriff „Ehe“ vorgeschlagen, die von Treue und Ausschließlichkeit geprĂ€gt ist.

Insgesamt ist festzustellen, dass Breitsameter und Goertz die Lehre der Kirche ganz aushöhlen und die entstandenen Leerstellen mit Gender und Zivilmoral auffĂŒllen. „Lieben, achten und ehren“ leiten sie nicht mehr von Schrift und Tradition ab, sondern von dem, was Kant und Hegel sagen.

Ist ein solches Werk fĂŒr glĂ€ubige Katholiken hilfreich? Die LektĂŒre kann als Spiegel der BemĂŒhungen des Synodalen Wegs bezeichnet werden. Wer begreifen möchte, woher die Forderungen nach einer neuen Sexualmoral kommen, findet in diesem Werk eine detaillierte Antwort. Auch wer nachvollziehen möchte, warum die Moraltheologie an katholischen FakultĂ€ten immer feindseliger gegenĂŒber der kirchlichen Morallehre wird, findet in diesem Werk die Antwort in gebĂŒndelter Form. Das Buch verhilft zum VerstĂ€ndnis des Zeitgeistes, doch es benötigt viel Geduld, sich damit auseinanderzusetzen. Eine wahrheitsgetreue Darstellung katholischer Sexualmoral wird man darin jedoch nicht finden.

Christof Breitsameter/Stephan Goertz, Vom Vorrang der Liebe, S. 21.
Vgl. ebd., S. 31.
Ebd., S. 9.
Vgl. ebd., S. 25 zu Augustinus, S. 36 zu frĂŒhchristlichen Autoren allgemein.
Vgl. ebd., S. 65.
Vgl. ebd., S. 41.
Vgl. ebd., S. 63.
Vgl. ebd., S. 72-73.
Vgl. ebd., S. 74.
Vgl. ebd., S. 76.
Vgl. ebd., S. 82.
Vgl. ebd., S. 90.
Vgl. ebd., S. 120.
Vgl. ebd., S. 122.
Vgl. ebd., S. 141.

Christoph Breitsameter/Stephan Goertz
Vom Vorrang der Liebe. Zeitenwende fĂŒr die katholische Sexualmoral
2020 Herder Verlag

Foto: Vom Vorrang der Liebe (Buchcover) – Bildquelle: Herder Verlag

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