Vom Patriarchen zum Arbeiter – Die Proletarisierung des heiligen Joseph

Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 21. April 2021 um 00:01 Uhr

Von 1847 bis 1955 gab es in der österlichen Zeit gesamtkirchlich das sogenannte Patrocinium S. Joseph, zu deutsch meist Schutzfest des heiligen Joseph genannt. Es wurde anfänglich am Sonntag Jubilate gefeiert, ab 1920 auf den Mittwoch nach dem Sonntag Misericordia  vorverlegt, um eine Anweisung umzusetzen, die Pius X. 1913 in einem Motu Proprio verfügt hatte. 1913 wurde das Fest im Rang erhöht und mit einer Oktav ausgestattet.

Da wir im Josephsjahr stehen, das Papst Franziskus zu feiern angeordnet hat und das uns daran erinnern soll, dass Pius IX. vor 150 Jahren, am 8. Dezember 1870, den heiligen Joseph zum Patriarchen, zum Schutzherrn über die Universalkirche, erklärt hat, erscheint heute dieser Beitrag.

Denn 2021 wäre heute das Hochfest des heiligen Joseph, Bekenners und Bräutigams der Allerseligsten Jungfrau Maria, Schutzpatrons der Gesamtkirche, wie der Festtitel offiziell ab 1913 und dann in der Editio typica des MR1920 lautete.

Bevor das Fest übrigens für die ganze Kirche eingeführt wurde, war es schon seit 1689 von den Unbeschuhten Karmeliten gefeiert worden.

Ein leider beseitigter Festinhalt

Wir sagten, das Fest wäre heute zu feiern, denn leider hat Pius XII. 1955 angeordnet, das Schutzfest zu streichen und stattdessen den 1. Mai als Fest Joseph des Arbeiters zu begehen.

Zwar enthält die Josephslitanei die Anrufung Exemplar opificum Vorbild der Arbeiter und kann man Pius XII. verstehen, dass er, insbesondere in Zeiten der intensiven weltanschaulichen Konfrontation mit Kommunismus und Sozialismus, den internationalen Tag der Arbeit gleichsam kirchlich integrieren und beanspruchen wollte. Aber doch verschoben sich so in der Wahrnehmung des heiligen Joseph in der Liturgie deutlich die Akzente.

Zusätzlich gibt es mittlerweile die Diskrepanz, dass Joseph der Arbeiter im MR1962 ein Fest 1. Klasse ist, in der sogenannten ordentlichen Form des Römischen Ritus lediglich noch einen nichtgebotenen Gedenktag darstellt. Im Usus antiquior schleppt man also eigentlich nur recht kurzlebigen historischen Ballast mit, außerdem das Manko, dass das Proprium des neueren Josephsfestes bloß in der sprachlich und von der Singbarkeit im Gregorianischen Choral her problematischen Fassung der sogenannten Bea-Psalmen von 1945 zur Verfügung steht.

Verkürzte Darstellung der Gestalt des heiligen Joseph

Der größere Verlust ist allerdings die inhaltliche Ebene. Joseph erscheint in Offizium und Messe nicht mehr deutlich und vorrangig in seiner hohen Würde als Patriarch und Schutzpatron, nicht einmal so sehr als Patron der Arbeit, sondern selbst als einfacher Arbeiter. Dies stellt jedenfalls maximal einen Ausschnitt des Bildes dar, das uns biblisch – insbesondere, wenn man den alttestamentlichen Joseph als Präfiguration hinzunimmt – vom heiligen Joseph gezeichnet wird und wovon die Praxis seiner Verehrung in der Frömmigkeit der Jahrhunderte geprägt ist. Davon sprechen auch eher die Messtexte am 19. März, seinem Namenstag. Das Bedürfnis nach einem zweiten Josephsfest im Kirchenjahr ging gerade darauf zurück, dass dieser Märztermin immer in die Fastenzeit fällt.

Als Votivmesse freilich ist das Messformular des einstigen Schutzfestes im MR1962 wenigstens erhalten und kann an Tagen 4. Klasse zum Beispiel immer mittwochs genommen werden, am heutigen Datum in diesem Jahr regulär allerdings nicht, da ein Drittklassefest zu berücksichtigen ist und Vorrang hat.

Schutzfest des heiligen Joseph zumindest als Möglichkeit rekonstruieren

Dass das Proprium als Votivmesse im Messbuch enthalten ist, würde es sehr unkompliziert gestalten, das Schutzfest des heiligen Joseph im Usus antiquior zumindest als Option wieder zu erlauben. Dabei wäre umgekehrt in dieser Form des Römischen Ritus das Fest Joseph der Arbeiter sinnvollerweise ebenfalls auf eine optionale Feier herabzustufen, da sonst diejenigen, die das Schutzfest feiern, oft nur wenige Tage später schon wieder Joseph den Arbeiter beachten müssten. Das Josephsjahr, das uns gerade an das Patronat des heiligen Joseph über die ganze Weltkirche erinnern soll, wäre eine passende Gelegenheit, im Kalender der liturgischen Bücher von 1962 eine solche Reform vorzunehmen, wenn sie schon leider nicht rechtzeitig bedacht und vollzogen wurde, um die Messe Adiutor et protector noster schon 2021 am heutigen Datum wieder in ihrer vollen Feierlichkeit als Festformular (nicht nur mit Gloria, sondern zusätzlich mit Credo) benutzen zu können.

Foto: Heiliger Joseph – Bildquelle: Oldendorf (Privatarchiv)

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