Vom Glauben zur unverhüllten Anschauung

Das „Tagesgebet“ (Collecta) des Hochfestes „Erscheinung des Herrn“ (Epiphanie) im Römischen Ritus. Von Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 4. Januar 2020 um 12:41 Uhr
Sternsinger

Vom Glauben an Gott zur unverhüllten Anschauung seiner Herrlichkeit zu gelangen (ad contemplandam speciem tuae celsitudinis perducamur): Das ist die Berufung des Menschen, das ist seine Bestimmung und  Vollendung, in der er sein ewiges Glück findet. Diese (christlich-anthropologische) Wahrheit drückt sich bündig in der Collecta für das Hochfest der Erscheinung des Herrn (Epiphanie, im Volksmund auch: Fest der [sogenannten] Heiligen drei Könige) aus. Zur Anschauung Gottes („Himmel“) sind alle Menschen berufen. Diese Universalität repräsentieren die drei Weisen aus dem Osten, die unter Leitung eines Sternes (stella duce) zum Mittler zwischen Gott und den Menschen geführt werden. Christus, Gott und Mensch zugleich, ist der einzige Weg, auf dem wir zur Anschauung Gottes gelangen.

Original und Übersetzung

Der Römische Ritus hat auch am Hochfest Epiphanie in beiden Formen dieselbe  Collecta. Die lateinische Oration ist durch den Ablativus absolutus (stella duce) im ersten Relativsatz (qui … revelasti) und dem folgenden Finalsatz (ut …) sowie den darin eingeschobenen zweiten Relativsatz (qui … cognovimus) ziemlich verschachtelt. Eine genau dem lateinischen Satzbau folgende Übersetzung wäre stilistisch unschön. Darum ist der Übersetzer angehalten, den Satz so umzubauen, dass er a) gutes Deutsch ist und b) sprachlich und inhaltlich dem Original treu bleibt.

Die Übersetzungen von Pater Ramm und Prof. Stock entsprechen diesen Anforderungen, wobei die Übersetzung „unter Leitung eines Sternes“ von A. Stock den Ablativus absolutus stella duce besser und adäquater wiedergibt und der freieren Übersetzung Ramms „vom Stern geführten“ vorzuziehen ist, wenngleich inhaltlich dasselbe ausgedrückt wird.

Die amtliche Übersetzung des Deutschen Messbuches geht mit dem lateinischen Original wiederum auffallend  freier um. So fügt sie in den Text –  wohl vom Evangelium her motiviert – die drei Weisen ein, die dem Stern gefolgt sind.  „Das einfache ‚Gott‘ wird zu ‚Allherrschender‘ aufgehöht, vielleicht, weil man damit die kosmische Dimension der Sterndeutekunst de Weisen aus dem Morgenland hervorheben wollte“ (A. Stock).

Auffallend ist schließlich, dass alle drei Übersetzungen das lateinische species unterschiedlich ins Deutsche übertragen (Ramm: mit „Schönheit“, Deutsches Messbuch: mit „unverhüllter Anschauung“, Stock: mit „Glanz“). Tatsächlich läßt species, sieht man von dem Epitheton „unverhüllter“ im Deutschen Messbuch ab, alle diese Übersetzungen zu, so dass es unter Berücksichtigung des Kontextes, in dem das Wort steht, letztendlich eine Frage der Interpretation bleibt, ob man es so oder so übersetzt.  Übersetzungen sind halt  immer Interpretationen.

 

  • Collecta des Hochfestes „Erscheinung des Herrn“ (Epiphanie)

 

Deus, qui hodierna die Unigentium tuum

gentibus stella duce revelasti,

concede propitius,

ut, qui iam te ex fide cognovimus,

usque ad contemplandam speciem tuae celsitudiis perducamur.

 

  • Übersetzung im Volksmissale (Pater Ramm FSSP) für die klassische  Form

 

Gott, der Du am heutigen Tag

Deinen Eingeborenen den vom Stern geführten Heiden offenbart hast,

gewähre gnädig,

dass wir, die wie Dich bereits aus dem Glauben kennen,

bis zur vollen Anschauung der Schönheit Deiner Hoheit geführt werden.

 

  • Amtliche deutsche Übersetzung der Editio Typica des Römischen Messbuches von 1969

 

Allmächtiger Gott,

durch den Stern, dem die Weisen gefolgt sind,

hast du am heutigen Tag den Heidenvölkern deinen Sohn geoffenbart.

Auch wir haben dich schon im Glauben erkannt.

Führe uns vom Glauben zur unverhüllten Anschauung deiner Herrlichkeit

 

  • Vorschlag einer Übersetzung von Prof. em. Alex Stock

Am heutigen Tag hast du, Gott, den Völkern der Heidenwelt

Unter der Leitung des Sterns deinen  einzigen Sohn offenbart.

Uns, die dich im Glauben schon kennen, führe gütig dahin,

deinen Glanz in der Höhe zu schauen.

 

Zusammen mit dem Introitus, dem Eröffnungsvers der heiligen Messe, hebt die Collecta („Tagesgebet“) das liturgische Geheimnis, das am jeweiligen Tag gefeiert wird, ins Wort. Die Übersetzung der Collecta im Messbuch der klassischen Form ist dem Volksmissale für das  römische Messbuch nach der Ordnung von 1962 entnommen und stammt vom Pater Martin Ramm FSSP. Die Übersetzung der Collecta aus dem Messbuch der sog. ordentlichen Form von 1969 folgt der amtlichen Übersetzung der Deutschen Bischofskonferenz.  Die Vorschläge für eine von der DBK-Übersetzung abweichenden Übersetzung sind zu finden in: Alex Stock, Orationen. Die Tagesgebete der Festzeiten  neu übersetzt und erklärt, Regensburg 2014. Letztere sind allerdings nicht für den liturgischen Gebrauch gedacht. Hierfür ist die amtliche Übersetzung der DBK zu verwenden.

Foto: Sternsinger – Bildquelle: Foto: Sebastian Ulbrich