Vom Glauben zum Schauen

Gedanken zum Tagesgebet von Epiphanie. Von Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 5. Januar 2022 um 18:03 Uhr
Die Anbetung der Heiligen Drei Könige

Die Tagesoration (Collecta) von Epiphanie bzw. der Offenbarung des Herrn – im Volksmund auch „Heilige Drei Könige“ genannt – im neuen Messbuch ist identisch mit der im Missale Pius V. bzw. von 1962. Sie stammt aus dem Sacramentum Gregorianum (9. Jhr.). Die Ăśbersetzung der Deutschen Bischofskonferenz geht mit dem lateinischen Original bekanntermaĂźen wieder auffallend frei um, während die Ăśbertragung von Pater Martin Ramm FSSP  dem Grundsatz der Nähe zum lateinischen Text erfreulicherweise treu bleibt. ZugegebenermaĂźen ist der lateinische Texte mit seinen syntaktischen Verschachtelungen, Relativsätzen und dem Ablativus Absolutus (stella duce) nicht einfach und schon gar nicht wörtlich ins Deutsche ĂĽbertragabar. Die Kunst des Ăśbersetzens besteht darin, die dem lateinischen Text entsprechenden deutschen Satzstrukturen zu suchen unter Wahrung des Textinhaltes im Originaltext und unter Vermeidung von interpretierenden Zusätzen oder gar Auslassungen.

Zum Inhalt: Die Oration zieht eine im Relativsatz (qui …) und im Finalsatz (ut …) sprachlich zum Ausdruck kommende Parallele zwischen dem Suchen der Völker (im Evangelium vertreten durch die Weisen aus dem Osten), denen sich Gott durch den Stern in seinem Sohn geoffenbart hat (revelasti), und den am Festtag von Epiphanie im Gottesdient versammelten Gläubigen. Sie bitten Gott, dass auch sie vom Glauben zum Schauen kommen, näherhin „zur unverhĂĽllten Anschauung“ seiner „Herrlichkeit“ (DBK) bzw. „zur vollen Anschauung der Schönheit seiner Hoheit“ (Ramm). Josef Pascher macht darauf aufmerksam, dass die im  Finalsatz ausgedrĂĽckte Bitte ein Echo von 2 Kor 5, 7 ist: „denn glaubend gehen wir unseren Weg, nicht schauend“ (J. Pascher, 138). Als Glaubende sind wir noch nicht am Ziel, sondern – wie die Weisen aus dem Morgenland – auf dem Weg zur Anschauung Gottes, zur seligen Gottesschau. Erst wenn wir vom Glauben zum Schauen gekommen sind, haben wir unser Ziel erreicht: die ewige Seligkeit im Schauen es dreieinen Gottes.  So wird der Stern zum Sinnbild fĂĽr den Glauben und das Finden des Kindes durch den Stern ein Hinweis auf die seligmachende Gottesschau als Ziel des Glaubens.

Der Glaube ist kein Schauen. Noch sind unsere Augen wie verschleiert. Aber der Glaube selbst ist ein Licht, das in der Seele leuchtet. Darum ist es der Ungläubige, der sich noch in der Dunkelheit befindet, nicht mehr der gläubige Christ. Denn durch den Glauben besitzt er schon anfanghaft, was ihm bei der Anschauung Gottes, dem Ziel seines Lebensweges, vollendet geschenkt wird.

Tagesgebet (Collecta)

Deutsches Messbuch

Allherrschender Gott, durch den Stern, dem die Wiesen gefolgt sind, hast du am heutigen Tag den Heidenvölkern deinen Sohn geoffenbart. Auch wir haben dich schon im  Glauben erkannt. Führe uns vom Glauben zur unverhüllten Anschauung deiner Herrlichkeit.

Lateinischer Originaltext

Deus, qui hodiena die Unigentium tuum gentibus stella duce revelasti, concede propitius, ut, qui iam te ex fide cognovimus, usque ad contemplationem speciem tuae celsitudinis perducamur.  

Römisches Messbuch von 1962 (Übersetzung: Pater Martin Ramm FSSP)

Gott, der Du am heutigen Tag Deinen Eingeborenen den vom Stern geführten Heiden offenbart hast, gewähre gnädig, dass wir, die wir Dich bereits aus dem Glauben kennen, bis zur vollen Anschauung der Schönheit Deiner Hoheit geführt werden.

Lateinischer Originaltext

Deus, qui hodiena die Unigentium tuum gentibus stella duce revelasti, concede propitius, ut, qui iam te ex fide cognovimus, usque ad contemplationem speciem tuae celsitudinis perducamur. 

Foto: Anbetung der sogenannten „Heiligen drei Könige“ – Bildquelle: Albrecht Altdorfer (etwa 1480–1538)

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