Verkündigung und Glaubenszeugnis der Laien in der Welt

Mitarbeit an der amtlich-hierarchischen Verkündigung nur in Ausnahmefällen. Was das Zweite Vatikanische Konzil über das Prophetenamt der Laien sagt. Lumen gentium, Artikel 35.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 15. März 2015 um 11:01 Uhr
Vaticanum II, Konzilsväter

Von Gero P. Weishaupt:

Immerfort weist das Zweite Vatikanische Konzil auf den „Weltcharakter“ (indoles saecularis) der Laien hin. Das gilt auch und ganz besonders in der Ausübung ihres Verkündigungsauftrages, d.h. des Glaubenszeugnisses, wozu sie durch Taufe und Firmung befähigt und verpflichtet sind. Durch die Taufe erhalten die Laien Anteil am Prophetenamt Christi und in ihm am Verkündigungsdienst (munus docendi) der Kirche, durch die Firmung empfangen sie die Gabe des Heiligen Geistes, der sie darzu stärkt und sendet. Zusammen mit den geweihten Amtsträgern tragen sie die Frohe Botschaft in die Welt. „Christus“, so beginnen die Konzilsväter den Text des Artikel 35 von Lumen gentium, der die Teilhabe der Laien am Prophetenamt Christi zum Thema hat, „… erfüllt bis zur vollen Offenbarung der Herrlichkeit sein prophetisches Amt nicht nur durch die Hierarchie, die in seinem Namen und in seiner Vollmacht lehrt, sondern auch durch die Laien.“

Keine Homilie

Das Konzil meint hier nicht die amtliche Verkündigung. Diese kommt der Hierarchie, den geweihten Amtsträgern zu, und Laien können nur bei Mangel an geweihten Amtsträgern, wie er in Missionsgebieten oder in Verfolgungszeiten vorkommen kann, Aufgaben der amtlich-hierarchischen Verkündigung übernehmen, sofern diese das Weihesakrament nicht voraussetzen. So ist es nach geltendem Kirchenrecht, das – wie der Katechismus der Katholischen Kirche – eine authentische hoheitliche Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils darstellt, nicht möglich, dass ein Laie eine Homilie in der Eucharistiefeier hält, da Wortverkündigung und Messopfer aufs engste miteinander verknüpft sind und daher die Weihe voraussetzen. In anderen Gottesdiensten, die keine Eucharistiefeier sind, können theologisch geschulte Laien in Ausnahmefällen (!) und mit einer für jeden (!) Einzelfall gegebenen Erlaubnis des Bischofs eine Predigt halten. Es handelt sich hierbei um eine sogenannte Suppletionsaufgabe. Dazu heißt es im gegenständlichen Konzilstext: „Wenn nun einige von ihnen (gemeint sind die Laien/GPW)) beim Mangel an geweihten Amtsträgern oder bei deren Verhinderung unter einem Verfolgsregime nach Möglichkeit gewisse heilige Aufgaben stellvertrend erfüllen (pro facultate supplent) und viele von ihnen ihre ganzen Kräfte dem apostolichen Werk widmen, so müssen doch alle zur Ausweitung und zum Wachstum des Reiches Christi in der Welt mitarbeiten.“

Das missverstandene Konzil

Man kann sich nicht auf das Zweiten Vatikanische  Konzil berufen, wenn der Fokus der Mitarbeit der Laien auf die amtlich-hierarchischen Verkündigung zur Hauptaussage des Konzils gerichtet wird, wie es in der nachkonziliaren Umsetzung hier und da geschehen ist. Die Konzilsväter legen unmissverständlich den Akzent auf die Verkündigung und Bezeugung des Glaubens durch die Laien „in der Welt“: Christus bestellt die Laien „zu Zeugen und rüstet sie mit dem Glaubenssinn und der Gnade des Wortes aus …, damit die Kraft des Evangeliums im alltäglichen Familien- und Gesellschaftsleben aufleuchte.“ Nicht die Sakristei, nicht der Altarraum, nicht die Kanzel sind der erste Ort der Laien, sondern die Welt, da wo die Laien leben und wirken: Ehe und Familie, Schule, Universtität, Unternehmen, Betriebe, die Politik, die Wirtschaft, die Medien und die Kultur.

Doch darf nicht übersehen werden: Die Konzilsväter heben besonders Ehe und Familie hervor, also jenen „Lebensstand, der durch ein besonderes Sakrament geheiligt ist“. „Dort gibt es eine hervorragende Übung und Schule des Laienapostolates, wo die christliche Religion die ganze Einrichung des Lebens durchdringt und von Tag zu Tag mehr umbildet.“ Das nachkonziliare universale Lehramt der Päpste hat auf die diesbezüglich Bedeutung von Ehe und Familie hingewiesen (vgl. Familiaris consortio). Die kommende Bischofssynode steht ebenfalls wiederum – das Anliegen des Konzils aufgreifend – ganz im Zeichen der „Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt“.

Text von Lumen gentium 35

Christus, der große Prophet, der durch das Zeugnis seines Lebens und in Kraft seines Wortes die Herrschaft des Vaters ausgerufen hat, erfüllt bis zur vollen Offenbarung der Herrlichkeit sein prophetisches Amt nicht nur durch die Hierarchie, die in seinem Namen und in seiner Vollmacht lehrt, sondern auch durch die Laien. Sie bestellt er deshalb zu Zeugen und rüstet sie mit dem Glaubenssinn und der Gnade des Wortes aus (vgl. Apg 2,17-18; Offb 19,10), damit die Kraft des Evangeliums im alltäglichen Familien- und Gesellschaftsleben aufleuchte. Sie zeigen sich als Söhne der Verheißung, wenn sie stark in Glauben und Hoffnung den gegenwärtigen Augenblick auskaufen (vgl. Eph 5,16; Kol 4,5) und die künftige Herrlichkeit in Geduld erwarten (vgl. Röm8,25). Diese Hoffnung sollen sie aber nicht im Inneren des Herzens verbergen, sondern in ständiger Bekehrung und im Kampf „gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die Geister des Bösen“ (Eph 6,12) auch durch die Strukturen des Weltlebens ausdrücken.

Wie die Sakramente des Neuen Bundes, durch die das Leben und der Apostolat der Gläubigen genährt werden, einen neuen Himmel und eine neue Erde (vgl. Offb 21,1) vorbilden, so werden die Laien gültige Verkünder des Glaubens an die zu erhoffenden Dinge (vgl. Hebr 11,1), wenn sie mit dem Leben aus dem Glauben ohne Zögern das Bekenntnis des Glaubens verbinden.

Diese Evangelisation, das heißt die Verkündigung der Botschaft Christi durch das Zeugnis des Lebens und das Wort, bekommt eine eigentümliche Prägung und besondere Wirksamkeit von da her, daß sie in den gewöhnlichen Verhältnissen der Welt erfüllt wird.

In dieser Aufgabe erscheint als besonders wertvoll jener Lebensstand, der durch ein besonderes Sakrament geheiligt wird, das Ehe- und Familienleben. Dort gibt es eine hervorragende Übung und Schule des Laienapostolates, wo die christliche Religion die ganze Einrichtung des Lebens durchdringt und von Tag zu Tag mehr umbildet. Dort haben die Eheleute ihre eigene Berufung, sich gegenseitig und den Kindern den Glauben und die Liebe Christi zu bezeugen. Die christliche Familie verkündet mit lauter Stimme die gegenwärtige Wirkkraft des Gottesreiches, besonders aber auch die Hoffnung auf das selige Leben. So überführt sie durch Beispiel und Zeugnis die Welt der Sünde und erleuchtet jene, die die Wahrheit suchen.Daher können und müssen die Laien, wenn auch den zeitlichen Sorgen verpflichtet, eine wertvolle Wirksamkeit zur Evangelisation der Welt ausüben.

Wenn nun einige von ihnen beim Mangel an geweihten Amtsträgern oder bei deren Verhinderung unter einem Verfolgungsregime nach Möglichkeit gewisse heilige Aufgaben stellvertretend erfüllen und viele von ihnen ihre ganzen Kräfte dem apostolischen Werk widmen, so müssen doch alle zur Ausweitung und zum Wachstum des Reiches Christi in der Welt mitarbeiten. Deshalb sollen die Laien sich um eine tiefere Kenntnis der geoffenbarten Wahrheit bemühen und inständig von Gott die Gabe der Weisheit erbitten.

Foto: Vaticanum II. Konzilsväter – Bildquelle: Lothar Wolleh / Wikipedia