Vatikanum II – Historisch kritische Exegese allein reicht nicht aus

Die Bedeutung der KirchenvĂ€ter fĂŒr Exegese und die Predigt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 5. Juni 2017 um 07:33 Uhr
Evangeliar

Von Gero P. Weishaupt:

Seit Beginn des Kirchenjahres (Advent 2016) können interessierte Leser von Kathnews eine Homilie oder Predigt eines Kirchenvaters zu den Evangelien der Sonn- und Festtage lesen. 

Die KirchenvĂ€ter sind die griechischen und lateinischen Autoren (Theologen, Bischöfe, PĂ€pste) des Ostens und des Westens der ersten acht Jahrhunderten nach Christus. Sie genießen in der Kirche eine besondere LehrautoritĂ€t. Im Rahmen eines kanonischen bzw. dogmatisch-kirchlichen Ansatzes der LektĂŒre der Heiligen Schrift – vor allem in Exegese und Predigtvorbereitung – mĂŒssen nach der Lehre der Kirche, wie sie sich u.a. in der Dogmatischen Konstitution „Dei Verbum“ Art. 12 des Zweiten Vatikanischen Konzils und dem Katechismus der Katholischen Kirche ausdrĂŒckt,  die KirchenvĂ€ter BerĂŒcksichtigung finden. Sie sind die ersten Zeugen der kirchlichen Lehre. Das tun sie vor allem, indem sie das in den Heiligen Schriften Dargelegte in ihren Schriften und Predigten (Homilien) darstellen.

Das Zweite Vatikanische Konzil betonte im ersten Teil des Artikels 12 von „Dei Verbum“, dass die moderne, vor allem im 19. Jahrhundert aufgekommene historisch-kritische Exegese ein unerlĂ€ssliches Instrument fĂŒr das TextverstĂ€ndlich der Heiligen Schriften bietet. Die PĂ€pstliche Bibelkommission konnte auf dieser Grundlage 1993 formulieren:

Die historisch-kritische Methode ist die unerlĂ€ssliche Methode fĂŒr die wissenschafltich Erforschung des Sinnes aller Texte. Da die Heilige Schrift, als ‚Wort Gottes in menschlicher Sprache‘, in all ihren Teilen und Quellen von menschlichen Autoren verfaßt wurde, lĂ€sst ihr echtes VerstĂ€ndnis diese Methode nicht nur als legitim zu, sondern es erfordert auch ihre Anwendung„.

Den „Sensus plenior“ erheben

Zugleich aber erinnert das Zweite Vatikanische Konzil im zweiten Teil des genannten Artikels in „Dei Verbum“ daran, dass sich Exegese und Predigtvorbereitung nicht in der historisch-kritischen Exegese erschöpfen. Denn sie alleine reicht nicht aus, um den vollen Sinn (sensus plenior) der Heiligen Schrift zu erfassen. Exegese und Predigtvorbereitung bleiben notwendig defizitĂ€r, wenn sie sich ausschließlich auf die historisch-kritische Methode beschrĂ€nken. Urheber der Heiligen Schrift ist Gott. Durch den Heiligen Geist inspirierte er die biblischen Schriftsteller.  Darum kann die Heilige Schrift nur ganz verstanden werden im Horizont einer dogmatisch-kirchlichen Methode. Das drĂŒckt das Zweite Vatikanische Konzil so aus:

Da die Heilige Schrift in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muss, in dem sie geschrieben wurde, erfordert die rechte Ermittlung des Sinnes der heiligen Texte, dass man mit nicht geringerer Sorgfalt auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift achtet, unter BerĂŒcksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens. Aufgabe der Exegeten ist es, nach diesen Regeln auf eine tiefere Erfassung und Auslegung des Sinnes der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleichsam auf Grund wissenschaftlicher Vorarbeit das Urteil der Kirche reift. Alles, was die Art der Schriftauslegung betrifft, untersteht letzlich dem Urteil der Kirche, deren gottergebener Auftrag und Dienst es ist, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen.

Verbindung von historisch-kritischer und kirchlich-dogmatischer Exegese

Die Problematik des Bruches von Glaube und Vernunft, auf die Joseph Ratzinger in seinen Schriften und als Papst Benedikt XVI. in seiner VerkĂŒndigung unermĂŒdlich und wiederholt hingewiesen hat, spiegelt sich letztendlich auch in der historisch-kritischen Exegese und Predigtvorbereitung wider, nĂ€mlich da, wo die kanonische bzw. kirchlich-dogmatische Methode außen vor gelassen wird, anstatt im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils die historisch-kritische Methode in die kirchliche-dogmatische Exegese hin zu integrieren, also beide Methoden miteinander zu verbinden.

Exeget und Homilet mĂŒssen den „Sensus plenior“ erheben

Die Erhebung des geistliche Schriftsinnes legt sich vor allem in der Auslegungsmethode fĂŒr die Liturgie nahe, d. h. fĂŒr die Homilie als einer Predigt innerhalb einer liturgischen Feier, insbesonderer der Eucharistiefeier. Der geistliche Sinn ist der, „den die biblischen Texte ausdrĂŒcken, wenn sie unter dem Einfluss des Heiligen Geistes im Kontext des österlichen Mysteriums Christi und des daraus folgenden neuen Lebens gelesen werden. Diesen Kontext gibt es tatsĂ€chlich. Das Neue Testament erkennt darin die ErfĂŒllung der Schriften. So ist es natĂŒrlich, die Schriften im Lichte dieses neuen Kontextes zu lesen, der das Leben im Heiligen Geist ist“ (PĂ€pstliche Bibelkommission).

Der Beitrag der KirchenvÀter

Im Zusammenhang mit dem geistlichen Schriftsinn spielen die KirchenvÀter eine wichtige Rolle

Ihre Schriften gehen meistenteils auf ErlĂ€uterungen des Wortes Gottes zurĂŒck, die sie den GlĂ€ubigen in einem liturgischen Rahmen vorgetragen haben. … Die Vertrautheit mit den Schriften der KirchenvĂ€ter kann dem Prediger sehr dabei helfen, sich den geistlichen Sinn der Schrift zu erschließen. Aus den Predigten der VĂ€ter erfahren wir, wie tief die Einheit des Alten und des Neuen Testamentes ist. Von ihnen können wir lernen, zahlreiche Modelle und Vorbilder des Ostergeheimnisses zu entdecken, die seit Beginn der Schöpfung in der Welt gegenwĂ€rtig sind und sich durch die Geschichte Israels hindurch weiter entfalten, die in Jesus Christus ihren Höhepunkt erreicht. Von den VĂ€tern lernen wir, dass geradezu jedes Wort der erleuchteten Schrift einen unerwarteten und unergrĂŒndlichen Reichtum hervorbringen kann, wenn es in der Mitte des kirchlichen Lebens und des Gebets ergrĂŒndet wird. Von den VĂ€tern lernen wir, wie innig das Geheimnis des biblischen Wortes mit dem Geheimnis der Sakramentenfeier verbunden ist. …

Das Konzil hat uns ein erneuertes VerstĂ€ndnis von der Homilie hinterlassen, die ein fester Bestandteil der Liturgiefeier, eine fruchtbare Art der Bibelauslegung und fĂŒr Prediger ein Anreiz ist, sich mit den ReichtĂŒmern der zweitausend Jahre wĂ€hrenden Betrachtung des Wortes Gottes vertraut zu machen, die das katholische Erbe ausmachen“ (Homiletisches Direktorium, 24 f.).

Christus – Die Klammer zwischen Altem und Neuem Testament

Exeget und Homilet mĂŒssen bei ihre Arbeit immer vor Augen haben, dass die Klammer zwischen dem Alten und dem Neuen Testament Jesus Christus ist. Sein Mysterium ist bereits im Alten Testament verborgen, und das Alte Testament findet seine ErfĂŒllung im Neuen Testament durch  Christus. „Novum in Vetere latet et in Novo Vetus patet„, sagt der heiligen Augustinus: „Der Neue  ist am Alten verborgen, im Alten ist der Neue Bund enthĂŒllt.“

Foto: Evangeliar – Bildquelle: Kathnews

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