Vatikanum II: Der kirchliche Dienstcharakter der Exegese

Eine „Loslösung der Schrift von der gesamtkirchlichen Überlieferung führt entweder zum Biblizismus oder zum Modernismus oder zu beiden“ (Joseph Ratzinger). Artikel 23 von Dei Verbum.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 5. Dezember 2015 um 15:16 Uhr
Foto: Joseph Ratzinger - Gesammelte Schriften, Vat. II

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

In Artikel 23 der Offenbarungskonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils erinnern die Konzilsväter an den kirchlichen Dienstcharakter der Exegese. Schon im ersten Satz, der von der Kirche als der Braut des fleichgewordenen Wortes (Verbi incarnati Sponsa) spricht, „wird … der grundsätzliche kirchliche Ort der Exegese umrissen“, womit die „innere Zuordnung der Kirche zum Wort angedeutet“ wird als „die Voraussetzung des Verstehens“ des Wortes Gottes in den Heiligen Schriften (Joseph Ratzinger). Darum kann es eine von der Kirche losgelöste Bibelauslegung nicht geben. In ihrer wissenschaftlichen Zusammenarbeit sind der Exeget und der Theologe einerseits der kirchlichen Tradition durch das „Studium der Väter des Ostens wie des Westens und der Liturgie“, andererseits dem kirchlichen Lehramt verpflichtet, das eine Aufsichtsfunktion über die exegetische und theologische Arbeit ausübt (sub vigilantia Sacri Magisterii). Eine „Loslösung der Schrift von der gesamtkichlichen Übelieferung führt entweder zum Biblizismus oder zum Modernismus oder zu beiden“ (Joseph Ratzinger).

 Text Dei Verbum, Artikel 23. Deutsch und Latein

 Die Braut des fleischgewordenen Wortes, die Kirche, bemüht sich, vom Heiligen Geist belehrt, zu einem immer tieferen Verständnis der Heiligen Schriften vorzudringen, um ihre Kinder unablässig mit dem Worte Gottes zu nähren; darum fördert sie auch in gebührender Weise das Studium der Väter des Ostens wie des Westens und der heiligen Liturgien. Die katholischen Exegeten und die anderen Vertreter der theologischen Wissenschaft müssen in eifriger Zusammenarbeit sich darum mühen, unter Aufsicht des kirchlichen Lehramts mit passenden Methoden die göttlichen Schriften so zu erforschen und auszulegen, daß möglichst viele Diener des Wortes in den Stand gesetzt werden, dem Volke Gottes mit wirklichem Nutzen die Nahrung der Schriften zu reichen, die den Geist erleuchtet, den Willen stärkt und die Menschenherzen zur Gottesliebe entflammt. Die Heilige Synode ermutigt die Söhne der Kirche, die Bibelwissenschaft treiben, das glücklich begonnene Werk mit immer neuen Kräften und ganzer Hingabe im Geist der Kirche fortzuführen.

Verbi incarnati Sponsa, Ecclesia nempe, a Sancto Spiritu edocta, ad profundiorem in dies Scripturarum Sacrarum intelligentiam assequendam accedere satagit, ut filios suos divinis eloquiis indesinenter pascat; quapropter etiam studium sanctorum Patrum tum Orientis tum Occidentis et sacrarum Liturgiarum rite fovet. Exegetae autem catholici, aliique Sacrae Theologiae cultores, collatis sedulo viribus, operam dent oportet, ut sub vigilantia Sacri Magisterii, aptis subsidiis divinas Litteras ita investigent et proponant, ut quam plurimi divini verbi administri possint plebi Dei Scripturarum pabulum fructuose suppeditare, quod mentem illuminet, firmet voluntates, hominum corda ad Dei amorem accendat. Sacra Synodus Ecclesiae filiis, biblicarum rerum cultoribus, animum addit, ut opus feliciter susceptum, renovatis in dies viribus, omni studio secundum sensum Ecclesiae exsequi pergant.

Foto: Joseph Ratzinger – Gesammelte Schriften – Bildquelle: Herder