Vaticanum II – Reform in Kontinuität

Gott kann mit dem Licht der menschlichen Vernunft „aus den geschaffenen Dingen sicher erkannt werden“. Artikel 6 von Dei Verbum.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 15. August 2015 um 11:41 Uhr
Vaticanum II, Konzilsväter

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

Mit Artikel 6 schließt das erste Kapitel der Offenbarungskonstitution Dei Verbum über die Offenbarung an sich. Die Konzilsväter wiederholen, was bereits zu Beginn gesagt worden ist, dass Offenbarung die Selbstmitteilung Gottes und die Mitteilung der ewigen Entscheidungen (decreta) seines Willens an die Menschen ist mit dem Ziel, den Menschen das Heil kundzutun. Offenbarung umfaßt folglich unzertrennlich immer beides: Selbstmitteilung Gottes und Kundtun seines Willens, seiner decreta (Entscheidungen).

Offenbarung: Selbstmitteilung Gottes und Mitteilung von Wahrheiten

Damit hält Vaticanum II wie in einem anderen Zusammenhang schon gesagt, an der Lehre von Vaticanum I fest, dessen Konstitution über den Glauben, Dei Filius, es auch an  dieser Stelle erneut zitiert (Kontinuität). Joseph Ratzinger weist in seinem Kommentar zu Dei Verbum allerdings auf das Neue gegenüber Vaticanum I hin (Reform), indem er darauf aufmerksam macht, dass in Dei Verbum von „kundtun“ (manifestare) und „mitteilen“ (communicare) die Rede ist. Dadurch, so der damalige Konzilstheologe, werde „noch einmal der das bloß Lehrmäßige überschreitende Realitätscharakter der Offenbarung unterstrichen …, die nicht bloß ´göttliche Beschlüsse` mitteilt, sondern der Dialog des Heils, die im Wort sich vollziehende Kommunikation von Person zu Person ist“ (LThK, II. Erg., 515). Das Zweite Vatikanische Konzil ging bekanntlich über den einseitig, von neuscholastischer Denkweise geprägten instruktionstheoretischen Begiff von Offenbarung, also über eine auf bloße Mitteilungen von Wahrheiten und Willensentschlüssen gekennzeichnete Offenbarung, hinaus, ohne diesen wichtigen Aspekt auszuschließen, wie die Formulierung des gegenständlichen Artikel nochmal beweist. Denn das hätte tatsächlich einen Bruch mit der Tradition bedeutet. Vaticanum II will Reform in Kontinuität, nicht einen Bruch mit der Tradition. Es ging der kollegialen Gesamtheit der Konzilsväter, deren Wille und Aussage sich in den Schlussdokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils manifestiert, um ein organisches Fortentwickeln der Glaubenslehre (depositum fidei) im Sinne des Vinzenz von Lèrin (vgl. dessen Commonitorium: „Non nova, sed noviter“, d.h. nichts Neues wird verkündet, sondern das Glaubensgut wird neu dargelegt und tiefer verstanden).

Christologische Mitte von Offenbarung und Gotteserkenntnis

Die Hauptaussage des Artikels 6 ist, dass Gott sich auch in der Schöpfung offenbart, d.h. sich darin zu erkennen gibt. Damit wiederholt Vaticanum II die in der Heiligen Schrift (Röm 1, 20) verankerte Glaubenslehre des Vaticanum I: Gott kann mit dem Licht der menschlichen Vernunft „aus den geschaffenen Dingen sicher erkannt werden“. Anders allerdings als Vaticanum I, dass in diesem Zusammenhang „mit der natürlichen Gotteserkenntnis begonnen“ hat und „von ihr her zur ´übernatürlichen`Offenbarung` aufgestiegen“ ist, „entfaltet“ Vaticanum II „die Offenbarung von ihrer christologischen Mitte her, um dann als eine Dimension des Ganzen die unaufhebbare Verantwortung der menschlichen Vernunft herauszustellen“ (Joseph Ratzinger).

Deutscher und lateinischer Text von Dei Verbum, Artikel 6

Durch seine Offenbarung wollte Gott sich selbst und die ewigen Entscheidungen seines Willens über das Heil der Menschen kundtun und mitteilen, „um Anteil zu geben am göttlichen Reichtum, der die Fassungskraft des menschlichen Geistes schlechthin übersteigt“. Die Heilige Synode bekennt, „daß Gott, aller Dinge Ursprung und Ziel, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen sicher erkannt werden kann“ (vgl. Röm 1,20); doch lehrt sie, seiner Offenbarung sei es zuzuschreiben, „daß, was im Bereich des Göttlichen der menschlichen Vernunft an sich nicht unzugänglich ist, auch in der gegenwärtigen Lage des Menschengeschlechtes von allen leicht, mit sicherer Gewißheit und ohne Beimischung von Irrtum erkannt werden kann“.

 Divina revelatione Deus Seipsum atque aeterna voluntatis suae decreta circa hominum salutem manifestare ac communicare voluit, „ad participanda scilicet bona divina, quae humanae mentis intelligentiam omnino superant“.

Confitetur Sacra Synodus, „Deum, rerum omnium principium et finem, naturali humanae rationis lumine e rebus creatis certo cognosci posse“ (cf. Rom 1,20); eius vero revelationi tribuendum esse docet, „ut ea, quae in rebus divinis humanae rationi per se impervia non sunt, in praesenti quoque generis humani conditione ab omnibus expedite, firma certitudine et nullo admixto errore cognosci possint“.

Foto: Konzilsväter – Bildquelle: Lothar Wolleh / Wikipedia