Überlegung zur „Privatmesse“

Von Mag. Alexander Fischer, Kaplan in den Pfarren Maria Anzbach und Eichgraben, Diözese St. Pölten, Österreich.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 28. Mai 2020 um 16:03 Uhr
Alte Messe

Was soll ich berichten von meinen Erfahrungen als Priester in den vergangenen Wochen? Ich könnte schreiben von organisatorischen Dingen, von Gesprächen mit Pfarrangehörigen am Telefon, von den Freudentränen in den Augen einer jungen Mutter, während ich ihr nach Wochen die hl. Kommunion gespendet habe, von technischen Problemen beim facebook-Livestream oder vielem anderen. All das gibt es aber – anders nuanciert – auch sonst im Leben eines Priesters.

Etwas, das meinen priesterlichen Alltag in letzter Zeit tatsächlich anders als sonst sehr geprägt hat, ist die Feier der hl. Messe ohne Anwesenheit von Gläubigen (oder mit ganz wenigen). Privatmesse nennt man solche Feiern manchmal, obwohl bereits Paul VI. von der Bezeichnung missa privata abgeraten hat, weil jede Messfeier ihrem Wesen nach öffentlich, missa publica, ist. Ich kann der Bezeichnung trotzdem etwas abgewinnen, nämlich wenn ich privata nicht als Gegenteil von publica, sondern abgeleitet vom Verb privare-berauben betrachte. Die missa privata ist eine „beraubte“ Messe, eine Messe, der etwas Wichtiges weggenommen ist, nämlich die Gemeinschaft der Gläubigen.

Und das genau ist der Punkt, an dem in letzter Zeit kritische Stimmen laut geworden sind gegen diese Form der Messfeier. Man solle das Messefeiern doch gleich lassen, weil es ohne mitfeiernde Gläubige sowieso keine echte Messe mehr sei. – Ich persönlich halte dies für eine gefährliche Ansicht und möchte das mit einem vielleicht ungewöhnlichen Vergleich begründen. Wenn ein Mensch behindert ist, wenn ihm etwa das Augenlicht fehlt – etwas, das im Normalfall sehr wichtig für das menschliche Leben ist – ist er dann kein echter Mensch mehr? Ich hoffe, wir sind uns einig, dass dies zwar sicher eine gewisse, ja sogar große Beeinträchtigung darstellt, aber der Blinde doch ein vollwertiger Mensch mit unantastbarer Würde ist! So ähnlich dürfen wir sagen: Die hl. Messe, die ein Priester kraft seiner Priesterweihe ohne physische Anwesenheit von weiteren Gläubigen feiert, ist eine gültige, echte Messe mit unendlichem Wert; auch wenn ihr, wie gesagt, etwas Wichtiges fehlt, wenn nicht alle Aspekte in ihr zum Tragen kommen, die sie enthalten würde, wenn sie in diesem Sinn eben missa privata ist.

Bleiben wir aber noch beim Vergleich. Oft sagt man ja, dass bei blinden Menschen die anderen Sinne stärker ausgeprägt sind. Ich bin selbst nicht blind, kann hier also nicht aus eigener Erfahrung sprechen. Aber was ich aus eigener Erfahrung sagen kann, ist, dass der Vergleich mit der Privatmesse auch unter diesem Aspekt tragfähig ist. Ich empfinde es als Priester schon anders, wenn ich die Messe ohne Gemeinde feiern muss. Das dialogische Element fällt zum Beispiel faktisch weg. Die anwesenden Engel oder im Geiste verbundenen Menschen habe ich jedenfalls noch nicht „Und mit deinem Geiste“ sagen gehört. Meiner Meinung nach bringt es auch nicht viel, etwas „nachzuspielen“, das real im Moment leider nicht möglich ist. Es treten dafür eben andere Aspekte in den Vordergrund. Die hl. Messe ist ein so reichhaltiges Geschehen, dass nie alles auf einmal im Fokus stehen kann. Auf einen dieser Aspekte, die ich in den letzten Wochen stärker erlebt habe, möchte ich kurz eingehen, nämlich auf das Thema Stellvertretung.

Drei Punkte dazu:

1. Der Priester vertritt der Gemeinde gegenüber die Stelle Christi. Er handelt nicht als er selbst, sondern als Diener der Kirche und Werkzeug Gottes. Die Priesterweihe in apostolischer Sukzession ist sichtbarer Ausdruck dafür, dass die Gemeinde ein Gegenüber hat und nicht um sich selbst kreist.

2. Besonders wenn ich als Priester alleine zelebriere, wird aber auch eine zweite Richtung der Stellvertretung sichtbar. Der Priester vertritt vor Gott die Stelle der Gemeinde. Dazu ein interessantes liturgisches Detail: In der Privatmesse hat sich auch nach der Liturgiereform der 70er Jahre eine Art „Stufengebet“ erhalten. Wenn der Priester alleine die Messe feiert, betet er gemäß den Regelungen des Messbuchs zuerst das Schuldbekenntnis, bevor er zum Altar emporsteigt. Er steht also zuerst „auf einer Stufe“ mit den Gläubigen, muss sich selbst bewusst sein, dass auch er zur Gemeinde gehört und bei der Messe zunächst und grundlegend ein Empfangender ist.

3. Beide Richtungen der Stellvertretung vollzieht der Priester in persona Christi, der selbst Gottheit und Menschheit verbindet. In der Welt macht Jesus in seiner Person Gott gegenwärtig und im Inneren Gottes vertritt er die gesamte Menschheit und trägt sie hinein in die ewige Liebesbeziehung zwischen Vater und Sohn im Heiligen Geist.

Foto: Alte Messe – Bildquelle: Marianne Müller