Terror wurzelt in psychischer und spiritueller Not

Österreichische Zeitung interviewt Leiter des „Forschungsinstitut für Philosophie Hannover”.
Erstellt von Katholische Nachrichten-Agentur am 15. Januar 2015 um 22:00 Uhr
Skulptur

Wien/Hannover (kathnews/KNA). Der Theologe und politische Philosoph Jürgen Manemann sieht im Terror der vergangenen Wochen ein „faschistisches Syndrom“, das auf eine Destabilisierung der Gesellschaft ziele. Die Frage der Religion sei angesichts des Terrors in Paris und in Syrien „sekundär“, sagte der Leiter des „Forschungsinstitut für Philosophie Hannover“ (fiph) im Interview der österreichischen Wochenzeitung „Die Furche“. Man müsse die neue Qualität des Terrorismus in den Blick nehmen, so Manemann, nämlich eine „extreme, nihilistische Form der Gewalt, die kein Ziel mehr kennt außer sich selbst“. Der Wissenschaftler kritisierte eine oberflächliche öffentliche Diskussion in dieser Frage. Zwar werde seit Jahren, meist anlassbezogen, die Frage von Religion und Gewalt diskutiert; allerdings komme man dabei „nicht wirklich weiter“.

Man sollte daher vielmehr die Frage stellen, wie es sein kann, dass die meist jungen Täter mitten aus europäischen Gesellschaften kommen, so Manemann. Diese Anfälligkeit resultiere nicht aus religiöser Fanatisierung, sondern „aus einer extremen psychischen Not, aus einer geradezu spirituellen Krise“. Wenn Menschen sich „selbst in materiell abgesicherter Existenz nicht mehr anerkannt fühlen“, dann drohe „eine radikale Vergleichgültigung der Welt, die in ein gewaltvolles Nein zum Leben des Nächsten münden kann, in Gewalt und Tod“. Europa werde der Gewalt daher nichts entgegensetzen können, wenn man nicht aufrichtig „die Frage umfassender sozialer Teilhabe an der Gesellschaft“ auch für Randgruppen diskutiere, so der Philosoph. „Menschen wollen schließlich nicht nur überleben, sondern ein gutes Leben führen.“ Die Antwort auf die Gewalt dürfe nun nicht in einer Einschränkung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit liegen, wie dies etwa in den USA nach dem 11. September geschehen sei, sondern „in einer neuen Wertschätzung“ der Demokratie, die sich nicht in einem „bloß mechanischen Ablauf von regelmäßigen Wahlgängen und kalter Rechtstaatlichkeit“ erschöpfe, sondern die auf einem „Glauben an die Werthaftigkeit der Verschiedenheit“ beruhe.

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Foto: Skulptur – Bildquelle: Kathnews