„Seid das, was ihr seht, und empfangt, was ihr seid!“

Homilie des heiligen Augustinus zu Fronleichnam (s. 272: Ed. Maur. 5, 1103) Übersetzung: Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 10. Juni 2020 um 18:50 Uhr
Monstranz

Das, was ihr auf dem Altar Gottes seht, sind Brot und Kelch. Eure Augen nehmen es war. Doch Euer Glaube, der unterrichtet werden muss, verlangt  dies:  Das Brot ist der Leib Christi, der Kelch das Blut Christi. Wenige Worte reichen vielleicht für den Glauben aus. Doch der Glaube verlangt nach Belehrung. Ihr könnt mir  gewiss nun sagen: Du hast vorgeschrieben, dass wir glauben. Erkläre dann auch, damit wir verstehen. Es kann bei jemandem der Gedanke aufkommen: Wir wissen, woher unser Herr Jesus Christus Fleisch angenommen hat: aus der Jungfrau Maria. Als Kind empfing er Milch, wurde ernährt und wuchs heran. Er erreichte das Jugendalter. Am Kreuz fand er den Tod, vom Kreuz wurde er herabgenommen, ist begraben worden, am dritten Tag ist er auferstanden, an dem von ihm gewollte Tag stieg er auf zum Himmel, dorthin erhob er seinen Leib. Vor dort wird er wiederkommen, um die Lebenden und Toten zu urteilen, dort hat er jetzt seinen Platz zur Rechten des Vaters. Doch wie ist das Brot sein Leib? Und der Kelch bzw. das, was er beinhaltet: wie ist das sein Blut?

Diese Gaben werden, Brüder und Schwester, deswegen Sakramente genannt, weil in ihnen das eine gesehen, da andere verstanden wird. Was man sieht, ist die leibliche Spezies. Was man versteht, ist die geistliche Frucht. Wenn du den Leib Christi verstehen willst, höre dann die Worte des Apostels, der sagt: Ihr seid der Leib Christus und seine Glieder. Wenn ihr also der Leib Christi und seine Glieder seid, dann liegt euer Geheimnis auf dem Tisch des Herrn: Ihr empfangt euer Geheimnis. Ihr antwortet auf das, was ihr selber seid, mit „Amen“. Und indem ihr antwortet, sagt ihr Ja. Du hörst „Der Leib Christi“, und du antwortest: Amen. Seid also Glieder des Leibes Christi, damit euer Amen auch ehrlich ist.

Warum denn im Brot? Nichts wollen wir hier aus unserer eigenen Erfahrung vortragen. Lasst uns immer wieder auf den Apostel hören, der in seinen Ausführungen über das Sakrament sagte: „Ein Brot, ein Leib sind wir alle.“ Begreift es und freut euch: Einheit, Wahrheit, Frömmigkeit, Liebe. Ein Brot: Wer ist dieses eine Brot? Die vielen sind ein Leib. Bedenkt, dass Brot nicht aus einem Korn zusammensetzt ist. Seid also das, was ihr seht, und empfangt, was ihr seid!

Das sagte der Apostel über das Brot. Was wir nun in Bezug auf den Kelch verstehen würden, darüber wurde zwar nichts gesagt, machte der Apostel aber hinlänglich deutlich. Wie nämlich die vielen Körner zu einem Teig werden, so dass daraus eine sichtbare Gestalt des Brotes entsteht – gleichsam wie jenes verwirklicht wird, das die Heilige Schrift über die Gläubigen aussagt, nämlich dass sie ein Herz und eine Seele in Gott  waren – so gilt dasselbe auch vom Wein. Bedenkt, Brüder und Schwestern, woraus der Wein entsteht. Viele Körnchen hängen von der Weinbeere herab, doch die Flüssigkeit der Körnchen ergießt sich in Einheit. So bezeichnete Christus, der Herr, auch uns. Er wollte, dass wir zu ihm gehören. Er heiligte das Geheimnis des Brotes und unserer Einheit auf seinem Tisch. Wer das Geheimnis der  Einheit empfängt, aber nicht das Band des Friedens wahrt, empfängt das Geheimnis nicht für sich, sondern als Zeugnis gegen sich.

Foto: Monstranz – Bildquelle: © Franziska Strecker, NIGHTFEVER Kassel