„Retrokatholizismus“ – gelungene Wortschöpfung für das falsche Phänomen

Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 29. März 2020 um 08:54 Uhr
Jesus übergibt Petrus die Schlüssel zum Paradies

Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Erfurt unterhält den Blog Theologie aktuell. Auf diesem stellte die dort lehrende Dogmatikprofessorin Julia Knop am 26. März einen Beitrag online, in dem sie den Begriff Retrokatholizismus prägt.

Was sie als solchen kennzeichnet, ist die Tatsache, dass im Zuge der Corona-Krise Praktiken wie geistliche Kommunion, Ablass und Generalabsolution wieder aktuell werden.

Wahrscheinlich wird sie den einen Tag später außerordentlich erteilten Segen Urbi et Orbi bei der Abfassung ihres Artikels schon kritisch im Visier gehabt haben. Nun kann man Knop bis zu einem gewissen Grad nicht einmal widersprechen, denn man kann schwerlich jahrzehntelang all diese Dinge, einschließlich sogar eines weithin verschwundenen Sakramentes – der Ohrenbeichte, aus der alltäglichen Glaubenspraxis und aus Katechese und Predigt de facto streichen und dann in einer Ausnahmesituation meinen, darauf wieder zurückgreifen zu können, so wie man mal schnell einen Schalter umlegt.

Papst Franziskus – ein Retrokatholik?

Von Anfang an wurde Franziskus gern als progressiv vermarktet. Manchmal wird man den Eindruck nicht los, dass er selbst mit einer provokanten Unkonventionalität kokettiert. Aber, wenn es darauf ankommt, zeigt er sich entschieden konservativ, und das ist etwas, womit die etablierte akademische Theologie, womit Leute wie die Dogmatikerin Knop nicht gerechnet haben und nicht zurechtkommen.

Dieser konservative Wesenszug prägt bei Franziskus zwar nicht seinen Stil im Auftreten, aber er bestimmt seine persönliche Frömmigkeitspraxis fast schon unterbewusst intuitiv. Das zeigt sich exemplarisch dann, wenn er, wie kürzlich, zur Ikone der Salus Populi Romani und zu jenem Kreuz gepilgert ist, mit dem bei der Pest 1522 Prozessionen durch die Ewige Stadt geführt wurden und daraufhin die Pest von Rom abließ. Auf Geheiß des Papstes war dieses Pestkreuz und das römische Gnadenbild Mariens zum Papstsegen mit Ablass auf den Petersplatz gebracht worden.

Keine Frage, dass man mit der Annährungsweise einer Frau Professor aus Erfurt darin nur magisches Denken erblicken kann, und man unterstellt sicher nichts Falsches, wenn man vermutet, dass sie sich den Ausdruck Aberglaube nur aufgrund einer Mischung aus Taktik und Höflichkeit verkniffen hat, es geht ja nun einmal um eine Kritik, die andernfalls direkt und unmittelbar das progressive Image von Franziskus ankratzen und beschädigen müsste.

Die Wortschöpfung Retrokatholizismus ist trotzdem genial, und für diese Begriffsprägung kann man Julia Knop regelrecht dankbar sein. Sie trifft freilich nicht die Formen der Volksfrömmigkeit, die sie damit bezeichnen möchte.

Retrokatholizismus – ein Phänomen fehlender Theologie

Gerade in Querida Amazonia hat Franziskus gezeigt, dass er mit dem Instrumentarium einer neoscholastischen Handbuchtheologie auf alle Fälle noch umgehen kann und darin in dubio ein festes Fundament findet, das ein Abgleiten ins Bodenlose verlässlich verhindert, mehr noch: wirkliche Solidität gewährleisten kann.

Worin Knop beizupflichten ist, das ist, dass es nicht gelingen kann, eine Praxis des Glaubens und der Frömmigkeit, die zumindest diesem Grundniveau klassischer Theologie entspricht, ohne den entsprechenden katechetischen Unterbau nur im Bedarfsfalle zu reaktivieren. Ein Phänomen, das man sinnvollerweise Retrokatholizismus nennen kann und das in dem Maße immer mehr und drängender virulent wird, als vorkonziliare Restsubstanz an Praxis und Wissen quasi unwiederbringlich aufgezehrt ist, wenn sie nicht wieder genährt und aufgefüllt wird.

Die riskantere Spielart

Den eigentlichen und gefährlicheren Retrokatholizismus orte ich jedoch woanders. Er findet sich da, wo sich eine Art liturgische Nostalgie gemütlich in einer Nische einrichtet und sich letztlich ohne theologische Begründung mit dem eigenen Festhalten an traditionellen Formen und Standpunkten zufriedengibt. Oder der Retrokatholizismus äußert sich darin, dass eine Abwehrhaltung eingenommen wird, die sich im Endeffekt in unverstanden bleibender Handbuchtheologie erschöpft, die zwar reflexartig, aber unreflektiert bloß in steriler Repetition wiederholt wird. Nicht auf diese Theologie zu rekurrieren, ist dabei das Problem, sondern sie nicht wirklich zu vertiefen und zu verinnerlichen und auch nicht eigenständig auf neuartige Problemstellungen und Einwände argumentativ anwenden zu können.

Stillung des Seesturms

Beim CoronaUrbi et Orbi wurde das Evangelium vom schlafenden Jesus, den die Jünger im Boot  wecken und der dem See und dem Sturm gebietet (Mk 4, 35-41), vorgetragen. Franziskus meditierte anschließend zentral über Vers 40: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“ Besonders häufig wiederholte der Papst in seiner Ansprache den zweiten Teil: „Habt ihr (noch) keinen Glauben?“

Bei dem, was Julia Knop für Retrokatholizismus hält, möchte man ihr und ihrem Lager die biblische Frage variiert stellen: „Habt Ihr noch Glauben?“ Doch zuerst müsste man fragen: „Habt Ihr noch Theologie?“ Diese Frage richtet sich allerdings auch an ganz andere Richtungen. An diejenigen, die Tradition auf Nostalgie verkürzen oder aber an die, die bei näherer Prüfung die theologische Argumentation zugunsten der Tradition eigentlich bereits aufgegeben haben, sich auf die leere Repetition von Worthülsen und auf festgefügte Floskeln beschränken.

Das größte Problem freilich ist, dass Retrokatholiken genauso unter sich bleiben wie die Knops der theologischen Fakultäten. Der Austausch fehlt, und die Fähigkeit, einander auch nur begrifflich zu verstehen, wird irgendwann endgültig der Vergangenheit angehören. Deshalb auch wird Papst Franziskus von den Progressiven vereinnahmt und von Konservativen häufig pauschal ablehnt, schlussendlich oft von keinen von beiden verstanden.

Foto: Jesus übergibt Petrus die Schlüssel zum Paradies – Bildquelle: Wikipedia