Reichtum der überlieferten Liturgie im Kirchenjahr, im Sakramentenempfang und in den Sakramentalien

Eine Buchbesprechung von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 13. Januar 2022 um 08:27 Uhr

Umgangssprachlich ist zwar immer von der Alten Messe die Rede, wenn es um die Anhänglichkeit an die überlieferte Liturgie geht, und es ist eine unleugbare Tatsache, dass die heilige Messe im Zentrum katholischer Glaubenspraxis steht. Die Kehrseite davon ist, dass auch die Gegnerschaft gegenüber dem liturgischen Erbe der Lateinischen Kirche, die seit Traditionis Custodes unrühmlicherweise wieder offen von Rom selbst ausgeht, in einem ersten Schritt des Angriffs höchstens noch die Feier der heiligen Messe ermöglichen will – freilich mit dem klaren Ziel, auch diese mittel- und langfristig abzustellen.

Überlieferte Liturgie ist mehr als eine isolierte Alte Messe

Dass die Liturgie das Leben durchdringt, zeigt sich besonders anschaulich in einem Bereich, der den gewöhnlichen Gläubigen zumeist nicht so sichtbar ist, im Göttlichen Offizium, dem Stunden- oder Breviergebet, das zur Messliturgie in Entsprechung steht, ihr während des Tages vorausgeht und folgt. So erstreckt sich die Liturgie nicht nur über den einzelnen Tag und die Nacht, sondern gestaltet das Kirchenjahr. Dieses Zusammenspiel hatte Pater Martin Ramm FSSP aufgezeigt, indem er neben dem zweisprachigen Volksmissale auch das Diurnale und Nocturnale Romanum nach der Ordnung von 1962 in deutscher Sprache erschloss: als Hilfsmittel zunächst für die Seminaristen und Kleriker der Petrusbruderschaft, aber auch für andere Geistliche und Gläubige, die sich der Ecclesia orans in ihrem überlieferten Römischen Ritus in persönlicher Frömmigkeit und im Gebet enger anschließen wollen.

Erst isolieren, dann ersticken

Die Sakramente in Spendung und Empfang sollen im überlieferten Ritus, wenn es nach Traditionis Custodes und Papst Franziskus geht, schon ab sofort unterdrückt und ausgelöscht werden.

Nur in Personalpfarreien, die zu Zeiten von Summorum Pontificum eigens zugunsten der Gläubigen errichtet wurden, die der überlieferten Liturgie verbunden sind, soll der Diözesanbischof überhaupt noch die Kompetenz haben, (ganz oder nur teilweise) die Verwendung des Rituale Romanum, das 1962 in Kraft war, zu gestatten. Im deutschen Sprachraum wurde von der kirchenrechtlichen Möglichkeit der Schaffung solcher Pfarreien kaum Gebrauch gemacht, und außerdem sollen gemäß Traditionis Custodes bestehende Personalpfarreien auf ihren Nutzen hin überprüft und jedenfalls keine neuen mehr errichtet werden. Mit anderen Worten können und sollen bestehende Personalpfarreien dieser Art in Zukunft leicht aufgelöst werden. Das Pontificale Romanum in seiner letzten tridentinischen Ausgabe soll überhaupt nicht mehr zur Verfügung stehen, auch nicht für die Spendung des Firmsakramentes. Bereits während der mit Summorum Pontificum geschaffenen Rechtslage freilich war das ältere Pontifikale allgemein nur für die Firmung freigegeben. Wo es in größerem Umfang verwendet wurde, zum Beispiel für klerikale und sakramentale Weihen im Vorfeld oder Zusammenhang des Weihesakraments, geschah dies strenggenommen weiterhin nur im Wege eines Indultes. Summorum Pontificum gestattete die Verwendung des älteren Rituale genaugenommen lediglich im Rahmen eines, dem Pfarrer oder Kirchenrektor eingeräumten, Ermessensspielraums.

Neues Buch erschließt den Reichtum, den Papst Franziskus der Kirche vorenthalten will

Dies vorausgeschickt, ist das Rituale Parvum, das 2021 von Pater Martin Ramm lateinisch und deutsch herausgegeben wurde, eine beachtliche Neuerscheinung. Es handelt sich eigentlich schon um die dritte Auflage, jedoch ist diese erweitert und edler ausgestattet. Die Vorgängerauflagen waren kostenlose Kleinschriften, jetzt liegt ein Buch mit festem Einband, Goldschnitt und drei Lesebändchen vor, das auf fein getöntem Bibelpapier gedruckt ist, wie man es schon vom Volksmissale und Diurnale kennt. Die deutsche Übersetzung entspricht entweder derjenigen der Collectio Rituum, die 1960 im Regensburger Verlag Friedrich Pustet erschienen ist und gegebenenfalls auch für den liturgischen Gebrauch approbiert war oder ist eine private Übersetzung Pater Martin Ramms, die sich ausdrücklich nur als Verständnisbrücke für die Gläubigen sieht. Um welche Übersetzung es sich im Einzelnen handelt, ist jeweils angegeben. Manche Texte kommen auf diese Weise sogar doppelt übersetzt im Rituale Parvum vor, wobei Ramm einmal mehr das Kompliment gemacht werden muss, sprachlich und satzbaulich präziser und originalgetreuer ins Deutsche übertragen zu haben, als man es von älteren, auch für den liturgischen Gebrauch approbierten, Übersetzungen gewohnt ist.

Im strikten Sinne ist das Rituale Parvum kein liturgisches Buch. Dank seiner Gestaltung und Ausstattung in der dritten Auflage eignet es sich jedoch sehr gut für eine Verwendung im gottesdienstlichen Rahmen. Der überlieferte Römische Ritus ist eine vitale Wirklichkeit im Leben der Kirche. Aus diesem kann er auch vom Papst oder der Gottesdienstkongregation nicht legitim verdrängt werden. Etwas völlig anderes wäre es, wenn eine überlieferte Liturgie von sich aus einschläft oder außer Gebrauch gerät.

Die von Papst Franziskus unternommenen Maßnahmen unterstreichen nur auf paradoxe Weise die ungebrochene Lebendigkeit des Römischen Ritus in seiner gregorianisch-tridentinischen Gestalt. Deswegen sollten sich weder die Bischöfe scheuen, das ältere Pontificale Romanum integral zu benutzen noch die Priester, Sakramente nach dem tridentinischen Rituale Romanum zu spenden und Segnungen ihm gemäß vorzunehmen.

Wertvolles liturgisches Erbe und Leben

Aus dem tridentinischen Pontificale Romanum bietet das Rituale Parvum den Ritus der heiligen Firmung (vgl. S. 76-82). Besonders wertvoll ist die als Teil der Erweiterung der dritten Auflage neu hinzugekommene Erwachsenentaufe, die überhaupt erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt (vgl. S. 40-75).

Außer den sakramentalen Riten enthält das Rituale Parvum eine reiche Fülle von Segnungen, die entweder mit bestimmten Festen im liturgischen Jahreslauf verbunden sind oder ganzjährig im Leben der gesamten Kirche oder der einzelnen Gläubigen vorkommen können. Es soll hier nicht eine liturgische Anarchie befürwortet werden, aber angesichts der zahllosen Wahlmöglichkeiten und Spielräume aus pastoralen Gründen, die der Ritus Pauls VI. ganz offiziell erlaubt, gibt es ein legitimes Recht, sich gegen den Versuch, den gewachsenen Römischen Ritus zu ersticken, wirksam zur Wehr zu setzen – genau wie unmittelbar nach dem Zweiten Vaticanum, als ein solcher Versuch zum ersten Male unternommen wurde. Auch wer lediglich ein Zeichen setzen will gegen ungerechte Einschränkung und Marginalisierung wertvollen liturgischen Erbes und Lebens, kann dies tun, indem er das Rituale Parvum durch Kauf eines oder mehrerer Exemplare unterstützt, zumal es sich hervorragend als Geschenk eignet.

Bibliographische Angaben und Bestellmöglichkeit: https://petrusverlag.de/?artikelid=449 .

Foto: Pater Martin Ramm FSSP – Bildquelle: Pater Martin Ramm FSSP (Privatarchiv)

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