Reform und Kontinuitäten. Joseph Ratzinger zur Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils

Zugleich eine Buchbesprechung von Clemens Victor Oldendorf, Folge I.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 3. Oktober 2013 um 11:35 Uhr
Foto: Joseph Ratzinger - Gesammelte Schriften, Vat. II

In den Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers ist als Band 7, der sich auf zwei Teilbände aufteilt, alles zusammengetragen, was der Theologe Ratzinger jemals zum Zweiten Vatikanischen Konzil gesagt hat. Dieser Band ist rechtzeitig zur 50. Wiederkehr der Eröffnung des Zweiten Vaticanums im Jahr 2012 bei Herder erschienen. Die folgenden Überlegungen verstehen sich im äußeren Rahmen als Buchbesprechung zum genannten Band 7 „Zur Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils“, der sich sehr passend in das noch von Benedikt XVI. ausgerufene Jahr des Glaubens fügt, in dem die Kirche aufgerufen ist, sich mit dem historischen Ereignis des Konzils wiederum bewusster auseinanderzusetzen, sich seine Texte von neuem anzueignen und ebenso sich Rechenschaft zu geben über die bisherige Rezeption der Konzilsdokumente und ihre Umsetzung im Leben der Kirche. Diese Gewissenserforschung muss in einen Vorsatz münden, welcher die künftige Deutung des Konzils und seine Bedeutung für die Zukunft und in Zukunft bestimmt. Diesem Anliegen, so kann man sagen, galt das gesamte Pontifikat Benedikt’ XVI.: der rechten Hermeneutik des Zweiten Vatikanischen Konzils. Solche Hermeneutik hatte Benedikt als eine Hermeneutik der Reform gefasst und den Begriff der Reform durch das Kriterium der Kontinuität inhaltlich bestimmt. Reform war nicht der Akt der Abkehr und des Bruches, sondern der einer Umkehr, auch einer Rückkehr. Nicht jedoch ein Rückschritt, sondern eine Hinwendung zum Ursprung, zum Quell, der zum Strom wird und in dessen Fluss die Kirche wahrhaft voranschreitet, in Erwartung und Offenheit für den, der ihr Alpha und Omega ist; ein Omega, das auf uns zukommt und das nicht Ende bedeutet, sondern Erfüllung.

I. Folge: Kontinuität – ein vielsagend-uneindeutiger Begriff

Benedikts Pontifikat konnte schon solange es währte als das Pontifikat der Kontinuität erkannt werden. In mancher Hinsicht ist es dies noch deutlicher nach dem Amtsverzicht des Theologenpapstes und in der Rückschau. Das Stichwort der Kontinuität wurde von den einen mit der Hoffnung auf Restauration verbunden, von den anderen wurde Kontinuität als Restauration verunglimpft. Beide Seiten haben Joseph Ratzinger letztlich missverstanden, ihn bewusst oder unbewusst als Projektionsfläche entweder der eigenen Befürchtungen oder aber der eigenen Wünsche missbraucht.

a) Kontinuität der Zugangsweise und Leistung

Ein Stück weit hat Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. selbst zu diesen Verkürzungen und Verzerrungen beigetragen. Dies sei nicht im Modus des Vorwurfs gesagt, sondern als rein sachliche Feststellung. Immer schon, und darin besteht eine erste Kontinuität, war das theologische Bemühen Ratzingers von Subtilität und Dialektik gekennzeichnet. Sie waren stets zu großer synthetischer Leistung fähig, haben jedoch den durchschnittlichen Geist auch der meisten Fachtheologen in der Regel überfordert und überschätzt.

b) Kontinuität der Thematik durch Reflexion und Fortführung der Leitmotive des Zweiten Vaticanum

Blättert man den Band „Zur Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils“ durch, stößt man auf eine zweite Kontinuität bei Ratzinger, die man als thematische Kontinuität bezeichnen könnte. An ihr wird besonders gut sichtbar, inwiefern der junge Konzilstheologe durch die Erfahrung des Zweiten Vatikanischen Konzils geprägt worden und auch als Papst davon geprägt geblieben ist. Die großen Themen, die das Konzil beschäftigt hatten, Liturgie, Kirche, Offenbarung, das Verhältnis der Kirche zur Welt, zu den Konfessionen und Religionen, um nur die zentralsten zu nennen, es sind die gleichen, die Ratzinger immer fasziniert und die seine theologische Arbeit sowohl, als auch seinen Petrusdienst schwerpunktmäßig inspiriert haben.

Inhaltliche Varianz bei der Motivdurchdringung im Lernprozess

Einer Täuschung erliegt man, wenn man sich Joseph Ratzinger oder Papst Benedikt als ruhenden Pol vorstellt, der zu all diesen Themen einmal eine Position eingenommen und dann stoisch-immun oder statisch-konstant beibehalten hätte, während der Stellungswechsel sich um ihn her ereignet habe, ohne ihn zu berühren. Im Vorwort zu seinen gesammelten Aufsätzen spricht Benedikt XVI. selbst vom Konzil als von einer Schule, durch die er gegangen sei und sagt von seinen Arbeiten zum Zweiten Vaticanum, es seien „bruchstückhafte Wortmeldungen, in denen auch der Prozess des Lernens sichtbar wird, den Konzil und Konzilsrezeption für mich bedeuteten und bedeuten.“ (Ratzinger, J., Zur Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils, Tbd.1, S.9) Diese Entwicklung wird freilich auch da verkannt, wo man meint, an einem bestimmten Punkt angelangt, habe sich Ratzinger mehr oder minder unvermittelt und abrupt vom Progressiven zum Konservativen gewandelt, habe er plötzlich Konzilseuphorie gegen Konzilsskepsis eingetauscht. Vielmehr gehört seine Begeisterung für das Konzil zu den bleibenden Elementen des Konstitutiven in Ratzingers Persönlichkeit und Theologie. Bei aller persönlicher, existentieller Ergriffenheit kann diese Begeisterung bei einem Manne wie ihm aber niemals irrational oder naiv sein.

c) Hermeneutische Kontinuität ist historisch verankerte Konzilienkontinuität

So gelangen wir zu einer dritten Kontinuität, und diese ist diejenige, die in der Prägung von der „Hermeneutik der Reform in Kontinuität“ eigentlich gemeint ist. Dabei handelt es sich um eine historische und konziliare Kontinuität des Zweiten Vaticanum mit den vorangegangenen Konzilien und sodann auch des anschließenden Lehramtes mit diesen. Damit ist also eine Konzilskontinuität, genauer sogar eine Konzilienkontinuität gemeint, in der das Zweite Vaticanum stehen soll und stehen muss, um als Konzil legitim zu sein und an der ebenso die Äußerungen des gegenwärtigen Lehramts zu messen sind.

Der Aspekt des Historischen, der für diese dritte Kategorie von Kontinuität, die wir bei Ratzinger finden, mitbestimmend ist, hat bewirkt, dass er während seines Pontifikates in seinem äußeren Erscheinungsbild und Auftreten als Papst einen betont klassischen Habitus gewählt hat. Der Schwerpunkt, den Ratzinger immer auf den Bereich der Liturgie gelegt hat, ist genausowenig eine bloß äußerlich-individuelle Vorliebe oder persönliche Ästhetik (möglicherweise ist sie zusätzlich dies). Liturgie ist locus theologicus, Gottesdienst gebetetes, gesungenes, Dogma, von daher Quell- und Erkenntnisgrund von Glaube und Theologie. Deswegen musste für Ratzinger Liturgie gleichsam ebenfalls Ikone der Konzilienkontinuität sein, wie er sie in seiner Gestalt als Papst verkörperte. Reform der Liturgie war in dieser Sicht nur als Kontinuität der Liturgie überhaupt denkbar.

Mangelnde Abgrenzung der drei Kontinuitäten

Doch leider stehen wir hier an einem Punkt, wo wieder die Subtilität Ratzingers ins Spiel kommt, die die allermeisten nicht nachvollziehen konnten und die sie deswegen zu eingängigen Vereinfachungen verleitet hat. Da war dann die Papstliturgie im Äußeren plötzlich deswegen wieder vorkonziliarer oder barocker und trug der Papst wieder Samtmozetta und rote Schuhe, weil ein weiser Greis und Feingeist Papst war und weil alte Leute eben generell gern nostalgisch werden. Ein großes und verhängnisvolles Missverständnis von Konzilshermeneutik und Liturgiepraxis Benedikts zugleich.

Dass dieses Missverständnis tatsächlich bestanden hat und besteht, wurde alsbald nach der Wahl des neuen Papstes Franziskus deutlich. Dieser lehnte gleich nach der Wahl die Samtmozetta ab und trägt auch keine roten Schuhe mehr. Es wurde schon langweilig, wie gerade Konservative, die die Konzilshermeneutik Benedikts scheinbar begeistert rezipiert hatten, nun beteuerten, das seien ja nur Äußerlichkeiten, ein unterschiedlicher Stil, in allen entscheidenden Fragen bestehe Kontinuität und vollkommene Übereinstimmung des neuen Heiligen Vaters mit Benedikt XVI.

Damit ist indirekt offenbar geworden, dass die meisten Ratzingerianer Benedikt keineswegs besser verstanden haben als seine Kritiker. Unbewusst setzen auch sie voraus, in der Hermeneutik der Kontinuität sei letztlich eine Kontinuität mit einem individuellen, theologischen Entwurf Ratzingers gemeint. Auf die roten Schuhe kann man verzichten, aber dieser Inhalt muss identisch bleiben. Tatsächlich geht es aber bei der dritten Kontinuität, die sich bei Ratzinger herausarbeiten lässt, gar nicht um eine Kontinuität mit ihm persönlich, mit seinem Stil, seinen individuellen Ideen oder Vorlieben, sondern um eine Konzilienkontinuität, in die Benedikt XVI. sich deswegen eingefügt hat, weil sich ihr alle Päpste gehorsam einfügen müssen. Eine Konzilienkontinuität, der sich das Zweite Vaticanum einfügen muss, um als Konzil legitim zu sein, der sich die ganze Kirche einzufügen hat, um durch allen Wandel hindurch ihre Identität zu wahren. Benedikt XVI. hat diese Kontinuität nicht selbst entworfen oder konstruiert, höchstens ausdrücklich benannt und bekannt, da sich eine Bruchhermeneutik lautstark in den Vordergrund gedrängt hatte.

Der nun emeritierte Papst hat, um zu verdeutlichen, dass es sich bei der Kontinuität, die zu zeigen ihm am Herzen lag, nicht um eine kurzfristige handelt, nicht um eine Übereinstimmung etwa nur mit dem jeweils letzten Konzil oder den vergangenen fünfzig oder vierzig Jahren der Geschichte von Kirche und Welt, eine Formensprache benutzt, in der die ganze Breite und Weite der Tradition wieder sichtbar, erleb- und erfahrbar wurde, nicht nur intellektuell zugänglich sein sollte.

Nicht „Mode“, sondern „Sakramentalien“ der Kontinuitätshermeneutik und andere Risiken von Missverständnis und Verwechslung

All diese Ausdrucksformen der Kontinuität waren keineswegs einfach nur persönlicher Stil oder unverbindliche Vorliebe. Sie waren auch nicht historisierende Nostalgie, sondern ganz bewusst eingesetzte Zeichen und bedeutungsgeladene Signale, sozusagen Sakramentalien der Hermeneutik der Reform in Kontinuität. Weil sie nicht nostalgisch und auch nicht Maskerade waren, hätten sie die Potenz besessen, Gegenwart und Zukunft der Kirche von ihrer Herkunft her zu gestalten. Diese äußere Kontinuität der Form wurde und wird also fälschlich entweder für nicht mehr als für den Geschmack Ratzingers gehalten. Oder aber, wenn man zugesteht, dass diese Form einen Inhalt ausdrückt, auf zweifache Weise verwechselt. Statt zutreffend die Konzilienkontinuität, von der ich sprach, als die der Form zugehörige Aussage zu erkennen, also die dritte Kontinuität, die hier angeführt worden ist, hält man die zweite Gestalt von Kontinuität, die thematische im theologischen Weg und Werk Ratzingers, die als Gestalt gewissermaßen selbst nur formal ist, für diesen Inhalt. Die erste Verwechslung. Die zweite Verwechslung kommt hinzu, wenn man, was ich auch schon sagte, diese thematische Kontinuität mit der Vorstellung irgendwann einmal eingenommener, dann aber bleibend invariabler Standpunkte verbindet, wo tatsächlich die Schritte einer überaus dynamischen, mitunter spannungsreichen, Entwicklung vorliegen, die manchen Wechsel, Schwankung und gar nicht wenige Akzentverlagerungen enthält. Diese erscheinen Ratzinger nicht als einstige Irrwege oder Abwege der Jugend, sondern als notwendige Wegstrecken, ohne die er seinen gegenwärtigen Standpunkt nicht hätte erreichen können, den Weg nicht von der jetzigen Station seines geistigen und theologischen Werdegangs aus fortsetzen könnte.

Ratzingers Werk kein Steinbruch, inhaltliche Reifung im theologischen Ringen

Deswegen fehlt bei Ratzinger die Korrektur in der Form der radikalen Rücknahme und Ersetzung. Die thematische Kontinuität verpflichtet denjenigen, der sich mit Ratzingers Theologie auseinandersetzt oder sie für sich als Argument beansprucht, dazu, den ganzen Entwicklungsbogen, den Ratzinger zu einem Thema vollzogen hat, in Betracht zu ziehen und dessen gegenwärtigen Verlaufs-, beziehungsweise reifen Endpunkt als die gültige Position anzuerkennen. Zu argumentieren, der Theologe und Papst habe seine früheren Positionen ja nie zurückgenommen, ist aus dem oben Gesagten heraus unredlich, zumindest inkonsequent. Im eigentlichen Sinne kann man nicht sagen, dass Ratzinger unverändert zu diesen Positionen steht. Er hält sie nicht für falsch, sondern sogar für notwendig. Doch, er steht nicht dazu, sondern er ist seinen Weg weitergegangen.

Aus diesem Grund kann man sich für die eigene Position weder isoliert auf ein früheres Ratzingerstadium berufen und die weitere Entwicklung, die man vielleicht kritisch sieht, ausblenden, noch Ratzinger heute frühe Aussagen vorwerfen und spätere Stellungnahmen zum selben Gegenstand absichtlich ignorieren. Die Hermeneutik der Kontinuität zur Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils hat zwar auf weite Strecken die Themen mit Ratzingers thematischer Kontinuität gemeinsam, weil seine Leitmotive Themen des Zweiten Vatikanischen Konzils sind, aber die Konzilshermeneutik erschöpft sich nicht in diesen Themen und ist auch nicht zwangsläufig an Ratzingers Theologie gebunden, zumal diese selbst nicht inhaltlich konstant oder durchgängig homogen ist. Thematische Kontinuität bei Ratzinger und die Kontinuität der Konzilienhermeneutik sind nicht identisch, sie haben durch das Zweite Vaticanum viele Berührungspunkte und Überlappungen, sind indes nicht etwa vollkommen deckungsgleich. Das ist vorteilhaft, weil ansonsten wohl erst recht Kongruenz für Identität gehalten werden würde. Dann müsste Konzilienkontinuität in ihrer Verbindlichkeit dadurch relativiert werden, dass sie als theologische Sonderannahme eines einzelnen Theologen, und sei es auch Ratzinger, erschiene.

Freiheit und Verbindlichkeit für Papst Franziskus

An diesem Punkt der Überlegungen angelangt, kann man es deutlich sagen: Papst Franziskus steht es völlig frei, schwarze Schuhe zu tragen und die Übereinstimmung mit Benedikt in der äußeren Erscheinung als Papst sogar noch weiter zurückzunehmen, als er es bis jetzt tut. Er könnte zum Beispiel ohne weiteres aufhören, dessen Ferula zu verwenden. Deswegen kann er mit Benedikt trotzdem inhaltlich und thematisch übereinstimmen. Denn diese äußeren Formen sind keine oder jedenfalls nicht nur eine Frage von Benedikts persönlichem Geschmack, sie sind auch nicht Ausdruck seiner Theologie, mit der Franziskus oder ein anderer künftiger Papst auf Biegen und Brechen übereinstimmen müsste. Wenn es bedenklich stimmt, dass diese, eigentlich seit Johannes XXIII. erst von Benedikt XVI. im großen und ganzen wieder konsequent aufgenommene äußere Kontinuität jetzt unter Papst Franziskus bereits wieder weitgehend entfällt, so dann deshalb, weil sie gerade nicht Ausdruck persönlicher Anschauungen des Ratzingerpapstes, sondern der Hermeneutik der Konzilienkontinuität war, in die er das Zweite Vaticanum, sein Pontifikat und das gesamte nachkonziliare und künftige Lehramt zu stellen bemüht war. In dieser Konzilienkontinuität zu stehen und die entsprechende Hermeneutik anzuwenden, ist nun freilich nicht Geschmacksfrage oder ein auf Papst Benedikt beschränkter, theologischer Zugang, zu dem es Alternativen gibt. Äußerlich muss sie nicht unbedingt auf „benediktinische“ Weise zum Ausdruck gebracht werden, inhaltlich ist sie verpflichtend und alternativlos, nicht erst seit Papst Benedikt, der sie maximal ausdrücklich reflektiert und wieder deutlich praktiziert hat. Diese konziliare Kontinuität bindet auch Papst Franziskus, weil sie für alle Konzilien und Päpste, ja für die ganze Kirche verbindlich und konstitutiv ist.

Im Lichte dieser Feststellung fragt man sich schon, warum Papst Franziskus so akzentuiert anders erscheint und auftritt als sein unmittelbarer Vorgänger. Sollte es der Fall sein, dass der regierende Papst selbst meint, all diese Dinge seien nichts weiter als Äußerlichkeiten des persönlichen Stils Benedikts oder höchstens der Hermeneutik der Reform in Kontinuität, die er aber bloß als theologischen Entwurf und Vorschlag Ratzingers aufnimmt, dem man folgen kann, aber auch nicht? Die Frage klingt sicher als Provokation. Sie ist in aller Gelassenheit gestellt. In der zweiten Folge dieses Beitrags, die demnächst erscheinen wird, folgt eine Textanalyse, in der die thematischen Übereinstimmungen zwischen Benedikt und Franziskus hervortreten, aber auch deutlich werden wird, dass diese Übereinstimmungen gegebenenfalls eine Konzilskontinuität mit Vaticanum II konstituieren, damit aber noch nicht zwangsläufig oder automatisch in der eigentlich entscheidenden Konzilienkontinuität stehen. Praktisch ist die Übereinstimmung sicher in puncto „Entweltlichung“ und Kurienreform am größten. Es gibt aber auch den klaren thematischen Bruch zwischen Franziskus und Benedikt. Vor allem aber wird die Schwierigkeit der Zukunft darin bestehen, die franziskanische Konzilsinterpretation in Einklang mit der Konzilienkontinuität zu verstehen, die die benediktinische Hermeneutik der Reform angestrengt auszuzeigen bemüht war. Insofern diese Hermeneutik in der theologischen Ausformulierung auch ein individueller Ansatz Ratzingers ist, muss man hier vielleicht G. K. Chesterton zitieren, der einer der Figuren seiner Kriminalgeschichten einmal in den Mund legt: „Wenn alles zusammenhängt und alles zusammenpasst, dann zweifeln wir.“ Jedenfalls gilt dieser Einwand einer Interpretation, die die Kontinuität bei Ratzinger bei vielen seiner begeisterten Jünger gefunden hatte, sie ist gar nicht die reibungslose Harmonie, für die sie häufig gehalten wurde und wird.

Autorität Ökumenischer Konzilien als Klammer und Zusammenhalt

Schließlich soll eine Kritik an Herausgeber und Verlag der Ratzingerschriften noch in dieser ersten Folge einer großangelegten Rezension platziert sein. Beide in Leinen gebundene Bände tragen rückwärts auf dem Einband ein Zitat, in dem einerseits treffend die Konzilienkontinuität ausgedrückt ist. In den Einband eingeprägt liest es sich so: „Es ist unmöglich, sich für das Vaticanum II und gegen Trient und Vaticanum I zu entscheiden. Es ist ebenso unmöglich, sich für Trient und Vaticanum I, aber gegen das Vaticanum II zu entscheiden.“ In dieser Form des Zitates erscheint Konzilienkontinuität andererseits als Konzilienhomogenität. Das ist aber nur möglich, weil das Zitat ohne Kennzeichnung gekürzt und damit letztlich verstümmelt ist. Wenn man danach sucht, findet man es ungekürzt im Text: „Thesen zum Thema ‚Zehn Jahre Vaticanum II’“ (Ebd., Tbd. 2, S. 1060-1063). Vollständig lautet es dort: „a) Es ist unmöglich, sich für das Vaticanum II und gegen Trient und Vaticanum I zu entscheiden. Wer das II. Vaticanum bejaht, so wie es sich selbst eindeutig geäußert und verstanden hat, der bejaht damit die gesamte verbindliche Tradition der katholischen Kirche, insonderheit auch die beiden vorangegangenen Konzilien. b) Es ist ebenso unmöglich, sich für Trient und Vaticanum I, aber gegen das Vaticanum II zu entscheiden. Wer das Vaticanum II verneint, negiert die Autorität, die die beiden anderen trägt und hebt sie damit von ihrem Prinzip her auf. Jede Auswahl zerstört hier das Ganze, das nur als unteilbare Einheit zu haben ist.“ (A. a. O., S. 1060f.)

In ihrer Vollform wird deutlich, dass Ratzinger mit dieser Aussage keiner Konzilienhomogenität das Wort redet, die das Vaticanum II nachträglich dogmatisieren würde. Er will auf die Konzilienkontinuität hinaus, die ich in dieser Erörterung herausgearbeitet habe. Aus dem Zitat wird weiter deutlich, dass es bei dieser Konzilienkontinuität um Fragen der Verbindlichkeit und Autorität geht. Wenn aber – in Auswahl, eigentlich müssten alle Konzilien in den Blick genommen werden, was Ratzinger am Schluss des Zitates selbst andeutet – dem II. Vaticanum die selbe Autorität wie Vaticanum I und Trient zugeschrieben wird, wird deutlich, dass dieses Moment der identischen Autorität nicht im Bereich des dogmatischen Ranges oder der Unfehlbarkeit liegen kann, da Vaticanum II bewusst eine pastorale Sprech- und Lehrweise gewählt hat. Wenn es trotzdem in den Konzilien der Gesamtkirche eine identische Autorität gibt, an der auch das II. Vatikanische Konzil teilhat, hilft die Unterscheidung zwischen dogmatischem und pastoralem Konzil an diesem Punkt offenbar nicht weiter. Auch Ratzinger spricht das nicht ausdrücklich aus. Aus dem Kontext erkennt man aber, dass die identische Autorität, die er meint, nur aus der Ökumenizität der Konzilien abgeleitet werden kann. Diese Ökumenizität kann möglicherweise gleichermaßen dogmatische und pastorale Konzilien umfassen und innerhalb der dogmatischen und pastoralen Lehr- und Verbindlichkeitsansprüche zugleich und zusätzlich Abstufungen von Autorität integrieren.

Dieser Gesichtspunkt scheint mir in der Diskussion bisher noch überhaupt nicht erkannt und thematisiert worden zu sein. Hier möchte ich diejenigen Theologen, die eine Hermeneutik der Reform in Kontinuität auch im neuen Pontifikat für möglich halten und theologisch reflektiert redlich fortsetzen wollen, einladen, endlich tiefergehende Analysen und Überlegungen anzustellen. Jedenfalls ist das Zitat nicht so gemeint, als seien alle Konzilien von der gleichen dogmatischen Verbindlichkeit. So wird es aber von Herausgeber und Verlag instrumentalisiert, als anti-„traditionalistischer“ Seitenhieb und auch in nachträglicher Verkennung des bewusst gewählten Eigencharakters des Zweiten Vaticanum, das in seinem, bisher behelfsweise oder sogar unbeholfen mit dem Begriff Pastoralkonzil ausgesprochenen Eigencharakter, gleichwohl in dem Bewusstsein und Anspruch zusammentrat, ein Ökumenisches Konzil der Gesamtkirche zu sein.

Folge II der Buchbesprechung von Clemens Victor Oldendorf

Band 7/1
Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.)
Zur Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils
Formulierung – Vermittlung – Deutung
Format: 13,9 x 21,4 cm, 640 Seiten, Leinen mit Leseband
Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften
Theologie Verlag Herder
€[D] 60,- / sFr 79.- / €[A] 61,70
ISBN 978-3-451-34124-3

Band 7/2
Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.)
Zur Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils
Formulierung – Vermittlung – Deutung
Format: 13,9 x 21,4 cm, 640 Seiten, Leinen mit Leseband
Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften
Theologie Verlag Herder
€[D] 60,- / sFr 79.- / €[A] 61,70
ISBN 978-3-451-34043-7

Foto: Joseph Ratzinger – Gesammelte Schriften, Vat. II – Bildquelle: Herder