„Procidentes adoraverunt eum.“

Eine Buchbesprechung von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 6. Januar 2022 um 23:46 Uhr

Das heutige Epiphaniefest enthält in seiner gewachsenen Liturgie Motive, die vorzüglich aufzeigen, was christlichen Gottesdienst ausmacht: Die Anbetung, die die Weisen aus dem Morgenland dem inkarnierten Gottessohn erweisen (Mt 2, 1-12), die Taufe Jesu im Jordan (Mt 3, 13-17) mit dem Offenbarwerden als geliebter Sohn und schließlich die Hochzeit zu Kana (Joh 2, 1-11) mit der Manifestation der ersten Wundertat des Herrn. Im Kontext eines Hochzeitsmahles weist sie zum einen hin auf das eschatologische Hochzeitsmahl des Lammes, zum anderen mit ihrer verwandelnden Kraft voraus auf das Geschehen der Eucharistie.

Dieser dreifache Festgehalt bietet eine passende Gelegenheit, auf ein markantes, im vergangenen Jahr erschienenes Buch hinzuweisen, das ob seiner ganz eigenständigen ökumenischen Perspektive, die wohltuend von dem verschieden ist, was man gemeinhin vom ökumenischen Betrieb gewohnt ist oder beinahe schon befürchten muss, nämlich die Nivellierung jedes Glaubensbekenntnisses, eine besondere Aufmerksamkeit verdient. Es überrascht nicht, wenn das Buch Geheiligt werde dein Name[1] bemerkenswert ist. Sein Verfasser ist der ordinierte lutherische Geistliche Reinhard Thöle, zugleich emeritierter Professor für Ostkirchenkunde, der zuletzt an der Universität Halle-Wittenberg gelehrt hat. Das Fachgebiet des Autors passt ebenfalls gut zur Epiphania Domini, denn sie ist liturgisch die vielleicht stärkste Brücke zwischen Ost- und Westkirche im Verlauf des Kirchenjahres und ruht gerade gottesdienstlich auf einem ungebrochenen Einheitsgrund.

In der Vollmacht seines Namens

Ausgangspunkt der Beschäftigung mit der Herausforderung, Krise und Größe christlichen Gottesdienstes ist die doppelte Grundüberzeugung Thöles: „Die Sammlung der Worte, Lehren, Gleichnisse und Taten Jesu ist nicht ein Florilegium von Gedanken, die für die Menschen irgendwie wertvoll sind, sondern ist mit der Person Jesu, seinem Geschick und dem Glauben an ihn verbunden. Wer nicht weiß, wer er (Jesus) ist, der versteht seine Worte und Taten letztlich nicht. Das gilt auch für den Gottesdienst. Wer das Versprechen Jesu, dass er persönlich anwesend sein will in der Zusammenkunft von zwei, drei oder mehreren Christen, die sich in der Vollmacht seines Namens versammeln, nicht ernst nimmt, der versteht nicht, worum es im Gottesdienst geht (Mt 18, 20).“[2]

Diese biblische Grundlegung gottesdienstlicher Wirklichkeit erlaubt Thöle die Weite seines Blicks auf die Eucharistie, die er meist so bezeichnet – neben dem Ausdruck Heiliges Abendmahl aus seiner eigenen Tradition. Das Handeln, besser noch: das Geschehen in der Vollmacht seines Namens und die Anerkennung der Erfahrung davon entheben den Verfasser der Notwendigkeit, von vornherein die Kriterien der Autorisation und Gültigkeit einer bestimmten Konfession auf den eucharistischen Gottesdienst anzuwenden.

Ein römisch-katholischer Leser wird das, was Thöle zur katholischen Liturgie sagt, konstruktiv aufnehmen können, wenn er es vor dem Horizont dessen versteht, was der Ökumeniker der orthodoxen Welt positiv attestiert: „Die Kirche, die einzelne Gemeinde oder der Priester sind nicht Besitzer, Inhaber und rechtliche Normgeber des gottesdienstlichen Geschehens. Man unterscheidet auch nicht zwischen einem Glaubensgrund und einer ganz in den Händen der Menschen liegenden und machbaren, irdischen Gestalt. Die Liturgie ist nicht untergeordnet und kann auch nicht unterworfen oder zurechtgemacht werden. Es ist umgekehrt. Die Kirche lebt aus dem vorgeordneten gottesdienstlichen Geschehen. Der Ritus ist Träger dieses Geschehens. Wenn man ihn ändert, dann beschädigt man das Geschehen der Offenbarung.“[3]

Deutliche Kritik an der nachkonziliaren katholischen Liturgie

Anhand des Quellenverzeichnisses[4], das auch im Internet zugängliche Quellen aufführt, wobei Thöle angibt, wann er sie jeweils zuletzt abgerufen hat, kann man schließen, dass die Arbeit am Manuskript irgendwann im weiter fortgeschrittenen Monat Oktober 2020 abgeschlossen worden sein muss. Das ist nicht unerheblich, denn so wird klar, dass die Kritik, die der Autor an der nachkonziliaren Liturgiereform Pauls VI. und der im katholischen Raum seitdem vorherrschenden gottesdienstlichen Praxis übt, noch nicht in Kenntnis der mit Traditionis Custodes eingetretenen Situation formuliert worden sein kann. Wie akzentuiert würde sie erst danach ausfallen, obgleich sie schon unmissverständlich ist: „Im Zusammenhang mit der Liturgiereform [hat sich] eine Krise des katholischen Gottesdienstes eingestellt […], von der man nicht genau sagen kann, warum und wie sie entstanden ist. Die Begeisterung der Reformer über ihr Werk ist nicht unbedingt auf das Kirchenvolk übergesprungen, die Kirchen und Priesterseminare sind nicht voller geworden, man befindet sich derzeit in einer Sackgasse von Ratlosigkeiten. Die erneuerte Liturgie bietet scheinbar nicht die gleiche Heimatlichkeit an wie die vor der Reform, vielleicht soll sie das auch gar nicht. Es könnte ja sein, dass das, was theologisch als richtig propagiert wurde, sich vielleicht doch religiös als falsch erwiesen hat. Der vermeintliche Gewinn der Reform der Liturgie ist offensichtlich mit einem großen Verlust erkauft, der nur schwer aufgearbeitet und behoben werden kann.“[5] Thöle wird noch deutlicher und konkreter, zeigt zugleich, dass seine Kritik sehr subtil, durchaus differenziert und wissenschaftlich fundiert ist: „Eine historisch informierte Liturgiewissenschaft und Praxis würde heute auch zugeben können, dass man in das rekonstruiert Historische immer hermeneutisch die eigenen Denkvoraussetzungen und damit die Zeitbedingtheit der Forschenden hineininterpretiert.“[6] Gemeint sind selbstverständlich zunächst die Denkweisen und Annahmen der Liturgiereformer der 1960ger Jahre, die ja angaben, einer ursprungsgemäßeren Liturgie näherkommen, zugleich aber den Menschen von heute besser erreichen zu wollen. Diese größere Nähe zu einem vermeintlichen Ursprung war nicht zuletzt ökumenisch angetrieben, sollte die Liturgie und eucharistische Theologie von einer gegenreformatorischen Ausrichtung sozusagen befreit werden. So ist die getroffene Feststellung einmal deswegen besonders aussagekräftig, insofern sie von einem Lutheraner kommt. Sie betrifft freilich auch diejenigen, die abseits der nachkonziliaren ganz bewusst an der tridentinischen Liturgie festhalten wollten und wollen.

Große Sympathie für überlieferte Liturgie

Für dieses Spektrum zeigt Thöle viel Verständnis und große Sympathie: „Es ist nicht verwunderlich, dass die in kurzer Zeit und mit starken Eingriffen in das Gewohnte durchgeführte Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils innerkatholisch auf Widerstände traf.“[7] Als außenstehender Beobachter zeigt er sich auch sehr gut orientiert über diese Kreise. Er nennt namentlich Pius- und Petrusbruderschaft, kennt sogar eine so punktuelle Gemeinschaft wie das Institut St. Philipp Neri in Berlin und stellt die Differenzen, die es zwischen diesen Gruppen gibt, ziemlich präzise dar.[8] Thöle hat mehr Einfühlungsvermögen in deren Anliegen als man es innerhalb der katholischen Amtskirche oft erlebt und erwarten kann, nicht erst seit dem Rückfall, den Traditionis Custodes markiert und fixieren soll. Aber angesichts dessen ist Thöle umso entschiedener zuzustimmen: „Es wäre zu einfach, im katholischen liturgischen Spiel diese Bruderschaften, Gruppierungen und einzelnen Persönlichkeiten eines primitiven Formalismus und Ritualismus zu verdächtigen. […] Die Verfechter der alten Form halten an der Messe von 1962 und der mit ihr tradierten liturgischen Theologie nicht fest, weil sie meinen, sie hätten damit ein ideales Instrumentarium, Gott festhalten zu können oder ihn ‚in der Tasche zu haben‘. Es geht ihnen vielmehr darum, eine unaussagbare Gottesdimension nicht zu verlieren, nämlich sich in Ehrfurcht Gott nähern zu können und sich von seiner Gegenwart im Gottesdienst prägen zu lassen.“[9] Die hier gefundene sprachliche Form vermittelt fast schon anrührend, wie gut sich der evangelische Christ Thöle in traditionsgebundene Katholiken versetzen kann. Sicher eine Folge seiner ökumenischen Kontakte zur Ostkirche, womöglich aber auch des Umstandes, dass der lutherische Gottesdienst und das ihm gemäße Abendmahlsverständnis ursprünglich von allen reformatorischen Strömungen die noch stärkste Kontinuität mit dem Katholischen beibehielt.

Tiefenstruktur kultisch vermittelter christlicher Gottesbegegegnung

In seiner Suche nach einer Grundgemeinsamkeit christlicher Eucharistiefeier prägt Thöle den Ausdruck einer Liturgia abscondita. In der Vorstellung der Verborgenheit soll ausgesagt werden, es gehe dabei nicht um bestimmte äußere Elemente oder, über alle konfessionellen Unterschiede hinweg, um Schritte, die sich im rituellen Ablauf als verbindend identifizieren lassen. Was Thöle sagen will, findet er am besten gefasst in einem Vers aus dem Kolosserbrief Pauli: „Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott.‘ (Kol 3,3) Der Gottesdienst ist das Ergebnis einer Begegnung von zwei Dimensionen: Die Verborgenheit Gottes trifft auf ein sterbliches menschliches Leben.“[10] Im Hintergrund steht also Tauftheologie, und wo das gültige Taufsakrament gespendet wird, besteht eine basale interkonfessionelle Verbindung. Thöle fährt fort: „Die Verborgenheit Gottes kann vom Menschen nicht entschlüsselt werden. Sie stellt klar, dass der Mensch im Gottesdienst nicht von sich aus eindringen kann in das göttliche Handeln. Es würde dem Gottesdienst eine blasphemische Dimension verleihen und dem Menschen zutiefst schaden, wollte er sich anmaßen, diese Verborgenheit zu entschleiern. Der Mensch kann noch nicht einmal feststellen, ob der verborgene Gott in der ‚Liturgia abscondita‘ handelt oder nicht. Er muss aber darum bitten und kann darauf vertrauen.“[11]

Aus Sicht einer klassischen, scholastisch geprägten Sakramententheologie kann das als Mahnung verstanden werden, das ex opere operato nicht als einen sakramentalen Automatismus bei rubrizistisch korrektem Kultvollzug aufzufassen. Das wird ja von den Vertretern der nachkonziliaren Liturgie den Tridentinern aller Schattierungen nur allzu gern unterstellt, nämlich, eine quasi-magische Vorstellung insbesondere mit dem Wandlungsvorgang zu verbinden. Thöle hat die Traditionalisten dankenswerterweise gegen diesen Vorwurf in Schutz genommen, was schon vorhin zitiert worden ist.

Was wahrscheinlich zu einem guten Teil erklärt, warum ein Scheitern der nachkonziliaren Liturgiereform schon von Anfang an in ihr angelegt war, ist die Unterscheidung zwischen wesentlichen und akzidentellen Elementen in der Liturgie. Der bekannte US-amerikanische Theologe Peter A. Kwasniewski spricht in diesem Zusammenhang immer wieder gern von neoscholastischem Reduktionalismus. Vereinfacht gesagt ist das am Beispiel der heiligen Messe die Vorstellung, solange nur die Wandlungsworte gegeben seien[12], könne – zumindest von einer dazu befugten kirchlichen Autorität – ein Eucharistiegebet oder eine Vielzahl solcher eucharistischer Hochgebete praktisch beliebig geschaffen werden, und zwar nicht nur Hochgebete, sondern die gesamte Messliturgie.

Erinnern wir uns zurück an das vorausgeschickte „orthodoxe“ Zitat[13] , bestätigt sich diese Vermutung, und traditionstreue Katholiken teilen mit der Orthodoxie das Bewusstsein von der Unverfügbarkeit der Liturgie und letztlich Gottes selbst, dem man darin zu begegnen trachtet.[14] Die neuscholastische Unterscheidung in zur Gültigkeit unverzichtbare Elemente und solche, deren Beeinträchtigung, Ausfall oder Austausch eine Gültigkeit der Feier gegebenenfalls nicht infrage stellen, behalten sie zwar meist bei, nicht bedenkend, wie diese schon fast mechanische Sichtweise in der Sakramententheologie das Gefüge liturgischer Gestalt letztlich aufsprengt und zum Ansatzpunkt wurde, die Liturgie der Kirche tiefgreifend zu ändern und umzugestalten. Und den Liturgiereformern kann man vorwerfen, dass ihnen dieses neuscholastische Denken, das sie sonst als mittelalterliche Beschränktheit verächtlich machen, gerade recht war, nämlich als Rechtfertigungsvorwand ihrer Eingriffe und Entstellungen.

Das Hin- und Hergerissensein zwischen Anbetung und Anbiederung wird vom dreifachen Mysterium der Liturgie der Erscheinung des Herrn her korrigiert und geheilt. Deswegen heute die ausdrückliche Empfehlung, Reinhard Thöles Buch zum christlichen Gottesdienst gerade als Katholik zu lesen und zu beherzigen. Das Buch gleicht selbst dem Stern, bei dessen Anblick die Weisen sich mit überaus großer Freude gar sehr freuten.[15]

Bibliographische Angaben und Bestellmöglichkeit: Geheiligt werde dein Name von Thöle –  978-3-8288-4636-4 | Nomos Online-Shop (nomos-shop.de)

[1]Thöle, R., Geheiligt werde dein Name. Christliche Gottesdienste zwischen Anbetung und Anbiederung, tectum-Verlag, Baden-Baden 2021.

[2]Ebd., S. 7.

[3]Ebd., S. 71.

[4]Vgl. ebd., S. 171-174.

[5]Ebd., S. 57.

[6]Ebd., S. 62.

[7]Ebd., S. 64f.

[8]Vgl. ebd., S. 65.

[9]Ebd., S. 66.

[10]Ebd., S. 107.

[11]Ebd., S. 107f.

[12]Thöle ist zweifelsohne bekannt, dass dieses Phänomen der dezidierten Isolation einer Konsekrationsformel sich bezeichnenderweise erstmals ausgerechnet besonders gut an Luthers Wormser Deutscher Messe ablesen lässt, vgl. dazu Brunner, P., Die Wormser Deutsche Messe, in: Heinz-Dietrich Wendland (Hrsg.), Kosmos und Ekklesia (FS Wilhelm Stählin), Johannes-Stauda-Verlag, Kassel 1953, S. 106-162: „Die Einsetzungsworte [werden] aus dem sie umgebenden Gebetstext herausgehoben. Ihr stiftender und konsekrierender Charakter ist dadurch noch stärker sichtbar gemacht als in der römischen Messe“, ebd., hier: S. 153.

[13]Vgl. Thöle, R., Geheiligt werde dein Name (wie Anm. 1), S. 71.

[14]Freilich kommt einem auch manches andere bekannt vor: „Besonders Fragen aus dem gottesdienstlichen Bereich, z.B. Kalenderfragen oder die Verwendung der Kirchensprache, finden dabei Interesse. Aspekte, die aus dem Bereich der Ökumene oder der säkularen Gesellschaft in die kirchliche Diskussion eingebracht werden, lösen Feindbild-Stereotypen aus. Ein sprechendes Beispiel aus der Gegenwart dafür ist die Ablehnung der durch das Patriarchat Moskau erlassenen Instruktionen zum hygienischen Umgang mit der Kommunionspendung in der Corona-Krise. Die Fanatiker beharren darauf, dass man sich bei der Kommunion nicht anstecken kann, und stilisieren ihren Irrtum zum Zeichen des wahren Glaubens“ vgl. ebd., S. 74; dass das Institut St. Philipp Neri Thöle ein Begriff ist, wurde weiter oben schon vermerkt.

[15]Vgl. Mt 2, 10. Eine überwältigende Freude, die die Weisen den Jesusknaben anbeten lässt, indem sie sich im Überschwang dieser Freude niederwerfen (Proskynese/Prostration), wie der folgende V. 11 sagt, dem die lateinische Wendung als Titel dieser Rezension entnommen ist.

Foto: Geheiligt werde Dein Name (Buchcover) – Bildquelle: Tectum Verlag

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