Patientenautonomie: Bischof Voderholzer für eine „Kultur des Wohlwollens”

Vortrag im Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Regensburg.
Erstellt von Felizitas Küble am 18. Oktober 2014 um 13:32 Uhr
Dom zu Regensburg

Regensburg (kathnews/CF/Bistum Regensburg). Am vergangenen Mittwoch sprach Bischof Rudolf Voderholzer über die Bedeutung der Selbstbestimmung von Patienten – einem Schlüsselprinzip der modernen Medizin. Der Vortrag fand im Rahmen der „Regensburger Gespräche zur Medizinethik” im Großen Hörsaal des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Regensburg statt. Was bedeutet „wahre” Patientenautonomie und was sind ihre Voraussetzungen? Wo muss die Autonomie des Patienten gestärkt werden und wo gibt es – möglicherweise – Grenzen?

„Keine Autonomie” um jeden Preis

Anhand dieser Fragen und herausgestellt an den Beispielen der vorgeburtlichen Diagnostik und der in der Gesellschaft viel diskutierten Möglichkeit von assistertem Selbstmord unterschied Bischof Rudolf zwischen einem (auch durch Vordenker der Aufklärung geteilten) Autonomieverständnis, das den Menschen dazu befähigen solle, das sittlich Richtige zu tun, und einem Autonomieverständnis „um jeden Preis”, wodurch das Recht zur selbstbestimmten Entscheidung isoliert und verabsolutiert wird. Hierzu entgegnete der Regensburger Oberhirte, dass der Mensch nicht nur ein autonomes, sondern auch ein soziales Wesen sei, welches einerseits selber Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft habe, umgekehrt aber auch Hilfe und Beistand von dieser erfahren solle – vor allem in Zeiten von Krankheit und Not. Ebensowenig wie ein Patient sich in absoluter Selbstermächtigung ergehen könne, dürfe eine Gesellschaft Druck auf hochbetagte oder auch (erb)kranke und behinderte Menschen ausüben und ihnen suggerieren, dass sie eine „Last” darstellten.

Druck auf Schwangere, die ein behindertes Kind erwarten

Diesem Druck können Menschen ausgesetzt sein, wenn diese sich beispielsweise dafür entscheiden, ein (erwartbar) erbkrankes oder behindertes Kind zur Welt zu bringen (und es nicht abzutreiben) oder, wenn diese älter und krank sind und es ein Recht auf assistierten Selbstmord gäbe, sie sich fragen lassen müssten, warum sie dieses „Angebot” nicht annähmen. Letztlich geht es laut Bischof Voderholzer auch um die grundsätzliche Frage, in welcher Art von Gesellschaft man leben wolle. Die Enzyklika „Evangelium Vitae” von Johannes Paul II. zitierend, stellte er den Grundwiderspruch einer Gesellschaft heraus, die sich zwar Werten wie Menschenwürde, Gerechtigkeit und Frieden verschreibe, gleichzeitig jedoch Missachtung und Verletzung menschlichen Lebens dulde, vor allem wenn es sich hierbei um schwaches oder ausgegrenztes Menschenleben handelt. Er plädierte deshalb am Schluss seines Vortrags für eine intensivierte „Kultur der Achtsamkeit” gegenüber der seelischen und existentiellen Not der Mitmenschen und stellte dem „Prinzip der Autonomie” das „Prinzip des Wohlwollens” zur Seite. Nur so könne der Mensch auch in seiner Abhängigkeit, Bedürftigkeit und Verletztlichkeit wahrgenommen und über Methoden nachgedacht werden, die ihn nach besten Kräften schützen.

Textquelle: Christliches Forum und Bistum Regensburg

Foto: Dom zu Regensburg – Bildquelle: Andreas Gehrmann