Papst leidet an Kirche in Deutschland

Apostolischer Nuntius, Erzbischof Jean-Claude Périsset, im Interview.
Erstellt von Radio Vatikan am 16. August 2012 um 15:32 Uhr

Bonn (kathnews/RV). Der Botschafter des Papstes in Deutschland sorgt sich um die Zukunft der katholischen Kirche in der Bundesrepublik. „Der Papst leidet unter der bisweilen verschlossenen Haltung ihm gegenüber in Deutschland.“ Das sagte der Apostolische Nuntius, Erzbischof Jean-Claude Périsset, in einem am Mittwoch vorab veröffentlichten Interview der in Bonn erscheinenden Zeit-Beilage „Christ und Welt“. Es sei ein „großer Verlust“, dass die Kirche in Deutschland so wenig auf den Papst höre.

Zum Dialogprozess, den die Deutsche Bischofskonferenz in Gang gebracht hat, meinte Périsset: „Es war von den Bischöfen ein mutiger Schritt, das Gespräch mit dem Kirchenvolk zu suchen.“ Er gab allerdings zu bedenken, man dürfe nicht „die Kirche von den Füßen auf den Kopf stellen“. Zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen erklärte er: „Ich habe noch keinen Bischof gefunden, der sagt, dass generell einfach alle wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion zugelassen werden können. Es kommt eben immer auf den Einzelfall an.“ Wer sich alles zu einfach vorstelle, „der kennt die Problematik nicht“. Das gelte auch mit Blick auf die Rolle von Frauen in der Kirche: „Auch da fehlt es an Verständnis, ja.“

Mit Blick auf die Debatte um die Kirchensteuer sagte der Nuntius, die Kirche in der Bundesrepublik sei „manchmal zu viel mit der Verteilung der Mittel beschäftigt und vergisst dabei die Verkündigung der Frohen Botschaft“. Auf die Frage nach den Gründen für leere Kirchen und geringen Priesternachwuchs betonte Perisset, es gebe kein Versagen der Institution Kirche; die Gründe lägen in der Mentalität der Menschen und in einem fehlenden Glauben. „Wir brauchen eine neue Kultur der Gemeinschaft, des Miteinanders im Glauben. Deswegen brauchen wir auch große Feiern wie den Weltjugendtag oder die Papstmesse im Olympiastadion. Die zeigen: Du bist nicht allein“, so der Nuntius.

Deutlich wies Erzbischof Périsset Kritik an einer Studie zur Missbrauchskrise in der deutschen Kirche zurück, die die Deutsche Bischofskonferenz in Auftrag gegeben hat. Auch wenn protestierende Priester sich als besonders papsttreu sähen: „Es heißt doch nicht, dass … sie deswegen recht haben.“ Mit ihrer Kritik hätten die Priester „überzogen“, es fehle „an einer Vertrauenshaltung ihren Bischöfen gegenüber“. Die Vatileaks-Affäre ist aus der Sicht Périssets „ein undenkbarer Vorgang im so nahen Bereich des Papstes“. Es tue ihm „sowohl für den Papst als auch für den Täter leid“. Wörtlich sagte der Nuntius: „Da müssen Mesnchen gehandelt haben, die nur sich im Blick hatten, nicht das Ganze. Es braucht Zeit, diese Krise zu überwinden.“

Foto: Papst Benedikt XVI. – Bildquelle: Andreas Gehrmann