Papst Franziskus: „Was ist mit dir los, Europa?“

Papst Franziskus erhielt in Rom den "Internationalen Karlspreis zu Aachen".
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 6. Mai 2016 um 14:08 Uhr
Kaiser Karl der Große

Aachen/Rom (kathnews/RV). In einem dem historischen Kr√∂nungssaal des Aachener Rathauses w√ľrdigen Rahmen wurde heute in der Sala Regia des Apostolischen Palastes im Vatikan Papst Franziskus mit dem „Internationalen Karlspreis zu Aachen“ ausgezeichnet. Aus zeitlichen Gr√ľnden, so hie√ü es, konnte der Papst den Preis nicht in Aachen in Empfang nehmen. Aachens Oberb√ľrgermeister Marcel Philipp √ľberreichte die Auszeichnung an den Heiligen Vater im Beisein vieler G√§ste aus Politik und Kultur, darunter eine gro√üe Delegation aus der Stadt Karls des Gro√üen. Anwesend waren auch der ehemalige Bischof von Aachen, Dr. Heinrich Mussinghoff, der heutige Di√∂zesanadministrator und der Aachener Dompropst. Vorher hatte Kardinal Kasper mit den G√§sten ein Pontifikalamt im Petersdom zelebriert. Die musikalische Gestaltung der Zeremonie im Apostolischen Palast hatte eine Gruppe des Aachener Domchores. Am Ende wurde die Aachener Stadthymne „Urbs Aquensis, Urbs Regalis“ (Aachen, du k√∂ngliche Stadt) gesungen. Radio Vatikan ver√∂ffentliche die Ansprache des Papstes, deren Text Kathnews hier vorlegt:

Die Ansprache des Papstes bei der Verleihung des Karlspreises, am 6. Mai 2016, im Vatikan im Wortlaut (Quelle: Radio Vatikan):

Sehr verehrte Gäste,

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† herzlich hei√üe ich Sie willkommen und danke Ihnen, dass Sie da sind. Ein besonderer Dank gilt den Herren Marcel Philipp, J√ľrgen Linden, Martin Schulz, Jean-Claude Juncker und Donald Tusk f√ľr ihre freundlichen Worte. Ich m√∂chte noch einmal meine Absicht bekr√§ftigen, den ehrenvollen Preis, mit dem ich ausgezeichnet werde, Europa zu widmen: Wir wollen die Gelegenheit ergreifen, √ľber dieses festliche Ereignis hinaus gemeinsam einen neuen kr√§ftigen Schwung f√ľr diesen geliebten Kontinent zu w√ľnschen.

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Die Kreativit√§t, der Geist, die F√§higkeit, sich wieder aufzurichten und aus den eigenen Grenzen hinauszugehen, geh√∂ren zur Seele Europas. Im vergangenen Jahrhundert hat es der Menschheit bewiesen, dass ein neuer Anfang m√∂glich war: Nach Jahren tragischer Auseinandersetzungen, die im furchtbarsten Krieg, an den man sich erinnert, gipfelten, entstand mit der Gnade Gottes etwas in der Geschichte noch nie dagewesenes Neues. Schutt und Asche konnten die Hoffnung und die Suche nach dem Anderen, die im Herzen der Gr√ľnderv√§ter des europ√§ischen Projekts brannten, nicht ausl√∂schen. Sie legten das Fundament f√ľr ein Bollwerk des Friedens, ein Geb√§ude, das von Staaten aufgebaut ist, die sich nicht aus Zwang, sondern aus freier Entscheidung f√ľr das Gemeinwohl zusammenschlossen und dabei f√ľr immer darauf verzichtet haben, sich gegeneinander zu wenden. Nach vielen Teilungen fand Europa endlich sich selbst und begann sein Haus zu bauen.

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Diese ¬ĽFamilie von V√∂lkern¬ę[1], die in der Zwischenzeit lobenswerterweise gr√∂√üer geworden ist, scheint in j√ľngster Zeit die Mauern dieses gemeinsamen Hauses, die mitunter in Abweichung von dem gl√§nzenden Projektentwurf der V√§ter errichtet wurden, weniger als sein Eigen zu empfinden. Jenes Klima des Neuen, jener brennende Wunsch, die Einheit aufzubauen, scheinen immer mehr erloschen. Wir Kinder dieses Traumes sind versucht, unseren Egoismen nachzugeben, indem wir auf den eigenen Nutzen schauen und daran denken, bestimmte Z√§une zu errichten. Dennoch bin ich √ľberzeugt, dass die Resignation und die M√ľdigkeit nicht zur Seele Europas geh√∂ren und dass auch die ¬ĽSchwierigkeiten zu machtvollen F√∂rderern der Einheit werden k√∂nnen¬ę[2].

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Im Europ√§ischen Parlament habe ich mir erlaubt, von Europa als Gro√ümutter zu sprechen. Zu den Europaabgeordneten sagte ich, dass von verschiedenen Seiten der Gesamteindruck eines m√ľden und gealterten Europa, das nicht fruchtbar und lebendig ist, zugenommen hat, wo die gro√üen Ideale, welche Europa inspiriert haben, ihre Anziehungskraft verloren zu haben scheinen; ein heruntergekommenes Europa, das seine F√§higkeit, etwas hervorzubringen und zu schaffen, verloren zu haben scheint. Ein Europa, das versucht ist, eher R√§ume zu sichern und zu beherrschen, als Inklusions- und Transformationsprozesse hervorzubringen; ein Europa, das sich ‚Äěverschanzt‚Äú, anstatt Taten den Vorrang zu geben, welche neue Dynamiken in der Gesellschaft f√∂rdern ‚Äď Dynamiken, die in der Lage sind, alle sozialen Handlungstr√§ger (Gruppen und Personen) bei der Suche nach neuen L√∂sungen der gegenw√§rtigen Probleme einzubeziehen und dazu zu bewegen, auf dass sie bei wichtigen historischen Ereignissen Frucht bringen. Ein Europa, dem es fern liegt, R√§ume zu sch√ľtzen, sondern das zu einer Mutter wird, die Prozesse hervorbringt (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 223).

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit? Was ist mit dir los, Europa, du Heimat von Dichtern, Philosophen, K√ľnstlern, Musikern, Literaten? Was ist mit dir los, Europa, du Mutter von V√∂lkern und Nationen, Mutter gro√üer M√§nner und Frauen, die die W√ľrde ihrer Br√ľder und Schwestern zu verteidigen und daf√ľr ihr Leben hinzugeben wussten?

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Der Schriftsteller Elie Wiesel, √úberlebender der Nazi-Vernichtungslager, sagte, dass heute eine ‚ÄěTransfusion des Ged√§chtnisses‚Äú grundlegend ist. Es ist notwendig, ‚ÄěGed√§chtnis zu halten‚Äú, ein wenig von der Gegenwart Abstand zu nehmen, um der Stimme unserer Vorfahren zu lauschen. Das Ged√§chtnis wird uns nicht nur erlauben, nicht dieselben Fehler der Vergangenheit zu begehen (vgl. Evangelii gaudium, 108), sondern gibt uns auch Zutritt zu den Errungenschaften, die unseren V√∂lkern geholfen haben, die historischen Kreuzungswege, denen sie begegneten, positiv zu beschreiten. Die Transfusion des Ged√§chtnisses befreit uns von der oft attraktiveren gegenw√§rtigen Tendenz, hastig auf dem Treibsand unmittelbarer Ergebnisse zu bauen, die ¬Ľeinen leichten politischen Ertrag schnell und kurzlebig erbringen [k√∂nnten], aber nicht die menschliche F√ľlle aufbauen¬ę (ebd., 224).

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Zu diesem Zweck wird es uns gut tun, die Gr√ľnderv√§ter Europas in Erinnerung zu rufen. Sie verstanden es, in einem von den Wunden des Krieges gezeichneten Umfeld nach alternativen, innovativen Wegen zu suchen. Sie hatten die K√ľhnheit, nicht nur von der Idee Europa zu tr√§umen, sondern wagten, die Modelle, die blo√ü Gewalt und Zerst√∂rung hervorbrachten, radikal zu ver√§ndern. Sie wagten, nach vielseitigen L√∂sungen f√ľr die Probleme zu suchen, die nach und nach von allen anerkannt wurden.

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Robert Schuman sagte bei dem Akt, den viele als die Geburtsstunde der ersten europ√§ischen Gemeinschaft anerkennen: ¬ĽEuropa l√§sst sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung: Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zun√§chst eine Solidarit√§t der Tat schaffen.¬ę[3] Gerade jetzt, in dieser unserer zerrissenen und verwundeten Welt, ist es notwendig, zu dieser Solidarit√§t der Tat zur√ľckzukehren, zur selben konkreten Gro√üz√ľgigkeit, der auf den Zweiten Weltkrieg folgte, denn ‚Äď wie Schuman weiter ausf√ľhrte ‚Äď ¬ĽDer Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne sch√∂pferische Anstrengungen, die der Gr√∂√üe der Bedrohung entsprechen.¬ę[4] Die Pl√§ne der Gr√ľnderv√§ter, jener Herolde des Friedens und Propheten der Zukunft, sind nicht √ľberholt: Heute mehr denn je regen sie an, Br√ľcken zu bauen und Mauern einzurei√üen. Sie scheinen einen eindringlichen Aufruf auszusprechen, sich nicht mit kosmetischen √úberarbeitungen oder gewundenen Kompromissen zur Verbesserung mancher Vertr√§ge zufrieden zu geben, sondern mutig neue, tief verwurzelte Fundamente zu legen. Wie Alcide De Gasperi sagte: ¬ĽVon der Sorge um das Gemeinwohl unserer europ√§ischen Vaterl√§nder, unseres Vaterlandes Europa gleicherma√üen beseelt, m√ľssen alle ohne Furcht eine konstruktive Arbeit wieder neu beginnen, die alle unsere Anstrengungen einer geduldigen und dauerhaften Zusammenarbeit erfordert.¬ę[5]

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Diese √úbertragung des Ged√§chtnisses macht es uns m√∂glich, uns von der Vergangenheit inspirieren zu lassen, um mutig dem vielschichtigen mehrpoligen Kontext unserer Tage zu begegnen und dabei entschlossen die Herausforderung anzunehmen, die Idee Europa zu ‚Äěaktualisieren‚Äú ‚Äď eines Europa, das imstande ist, einen neuen, auf drei F√§higkeiten gegr√ľndeten Humanismus zur Welt zu bringen: F√§higkeit zur Integration, F√§higkeit zum Dialog und F√§higkeit, etwas hervorzubringen.

Fähigkeit zur Integration

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Erich Przywara fordert uns mit seinem gro√üartigen Werk Idee Europa heraus, sich die Stadt als eine St√§tte des Zusammenlebens verschiedener Einrichtungen auf unterschiedlichen Ebenen vorzustellen. Er kannte jene reduktionistische Tendenz, die jedem Versuch, das gesellschaftliche Gef√ľge zu denken und davon zu tr√§umen, innewohnt. Die vielen unserer St√§dte innewohnende Sch√∂nheit verdankt sich der Tatsache, dass es ihnen gelungen ist, die Unterschiede der Epochen, Nationen, Stile, Visionen in der Zeit zu bewahren. Es gen√ľgt, auf das unsch√§tzbare kulturelle Erbe Roms zu schauen, um noch einmal zu bekr√§ftigen, dass der Reichtum und der Wert eines Volkes eben darin wurzelt, alle diese Ebenen in einem gesunden Miteinander auszudr√ľcken zu wissen. Die Reduktionismen und alle Bestrebungen zur Vereinheitlichung ‚Äď weit entfernt davon, Wert hervorzubringen ‚Äď verurteilen unsere V√∂lker zu einer grausamen Armut: jene der Exklusion. Und weit entfernt davon, Gr√∂√üe, Reichtum und Sch√∂nheit mit sich zu bringen, ruft die Exklusion Feigheit, Enge und Brutalit√§t hervor. Weit entfernt davon, dem Geist Adel zu verleihen, bringt sie ihm Kleinlichkeit.

            Die Wurzeln unserer Völker, die Wurzeln Europas festigten sich im Laufe seiner Geschichte. Dabei lernte es, die verschiedensten Kulturen, ohne sichtliche Verbindung untereinander, in immer neuen Synthesen zu integrieren. Die europäische Identität ist und war immer eine dynamische und multikulturelle Identität.

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Die Politik wei√ü, dass sie vor dieser grundlegenden und nicht verschiebbaren Arbeit der Integration steht. Wir wissen: ¬ĽDas Ganze ist mehr als der Teil, und es ist auch mehr als ihre einfache Summe.¬ę Daf√ľr muss man immer arbeiten und ¬Ľden Blick ausweiten, um ein gr√∂√üeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt¬ę (Evangelii gaudium, 235). Wir sind aufgefordert, eine Integration zu f√∂rdern, die in der Solidarit√§t die Art und Weise findet, wie die Dinge zu tun sind, wie Geschichte gestaltet werden soll. Es geht um eine Solidarit√§t, die nie mit Almosen verwechselt werden darf, sondern als Schaffung von M√∂glichkeiten zu sehen ist, damit alle Bewohner unserer ‚Äď und vieler anderer ‚Äď St√§dte ihr Leben in W√ľrde entfalten k√∂nnen. Die Zeit lehrt uns gerade, dass die blo√ü geographische Eingliederung der Menschen nicht ausreicht, sondern dass die Herausforderung in einer starken kulturellen Integration besteht.

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Auf diese Weise wird die Gemeinschaft der europ√§ischen V√∂lker die Versuchung √ľberwinden k√∂nnen, sich auf einseitige Paradigmen zur√ľckzuziehen und sich auf ‚Äěideologische Kolonialisierungen‚Äú einzulassen. So wird sie vielmehr die Gr√∂√üe der europ√§ischen Seele wiederentdecken, die aus der Begegnung von Zivilisationen und V√∂lkern entstanden ist, die viel weiter als die gegenw√§rtigen Grenzen der Europ√§ischen Union geht und berufen ist, zum Vorbild f√ľr neue Synthesen und des Dialogs zu werden. Das Gesicht Europas unterscheidet sich n√§mlich nicht dadurch, dass es sich anderen widersetzt, sondern dass es die Z√ľge verschiedener Kulturen eingepr√§gt tr√§gt und die Sch√∂nheit, die aus der √úberwindung der Beziehungslosigkeit kommt. Ohne diese F√§higkeit zur Integration werden die einst von Konrad Adenauer gesprochenen Worte heute als Prophezeiung der Zukunft erklingen: ¬ĽDie Zukunft der abendl√§ndischen Menschheit [ist] durch nichts, aber auch durch gar nichts, durch keine politische Spannung so sehr gef√§hrdet wie durch die Gefahr der Vermassung, der Uniformierung des Denkens und F√ľhlens, kurz, der gesamten Lebensauffassung und durch die Flucht aus der Verantwortung, aus der Sorge f√ľr sich selbst.¬ę[6]

Die Fähigkeit zum Dialog

Wenn es ein Wort gibt, das wir bis zur Ersch√∂pfung wiederholen m√ľssen, dann lautet es Dialog. Wir sind aufgefordert, eine Kultur des Dialogs zu f√∂rdern, indem wir mit allen Mitteln Instanzen zu er√∂ffnen suchen, damit dieser Dialog m√∂glich wird und uns gestattet, das soziale Gef√ľge neu aufzubauen. Die Kultur des Dialogs impliziert einen echten Lernprozess sowie eine Askese, die uns hilft, den Anderen als ebenb√ľrtigen Gespr√§chspartner anzuerkennen, und die uns erlaubt, den Fremden, den Migranten, den Angeh√∂rigen einer anderen Kultur als Subjekt zu betrachten, dem man als anerkanntem und gesch√§tztem Gegen√ľber zuh√∂rt. Es ist f√ľr uns heute dringlich, alle sozialen Handlungstr√§ger einzubeziehen, um ¬Ľeine Kultur, die den Dialog als Form der Begegnung bevorzugt,¬ę zu f√∂rdern, indem wir ¬Ľdie Suche nach Einvernehmen und √úbereink√ľnften [vorantreiben], ohne sie jedoch von der Sorge um eine gerechte Gesellschaft zu trennen, die erinnerungsf√§hig ist und niemanden ausschlie√üt¬ę (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 239). Der Frieden wird in dem Ma√ü dauerhaft sein, wie wir unsere Kinder mit den Werkzeugen des Dialogs ausr√ľsten und sie den ‚Äěguten Kampf‚Äú der Begegnung und der Verhandlung lehren. Auf diese Weise werden wir ihnen eine Kultur als Erbe √ľberlassen k√∂nnen, die Strategien zu umrei√üen wei√ü, die nicht zum Tod, sondern zum Leben, nicht zur Ausschlie√üung, sondern zur Integration f√ľhren.

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Diese Kultur des Dialogs, die in alle schulischen Lehrpl√§ne als √ľbergreifende Achse der F√§cher aufgenommen werden m√ľsste, wird dazu verhelfen, der jungen Generation eine andere Art der Konfliktl√∂sung einzupr√§gen als jene, an die wir sie jetzt gew√∂hnen. Heute ist es dringend n√∂tig, ‚ÄěKoalitionen‚Äú schaffen zu k√∂nnen, die nicht mehr nur milit√§risch oder wirtschaftlich, sondern kulturell, erzieherisch, philosophisch und religi√∂s sind. Koalitionen, die herausstellen, dass es bei vielen Auseinandersetzungen oft um die Macht wirtschaftlicher Gruppen geht. Es braucht Koalitionen, die f√§hig sind, das Volk vor der Benutzung durch unlautere Ziele zu verteidigen. R√ľsten wir unsere Leute mit der Kultur des Dialogs und der Begegnung aus.

 Die Fähigkeit, etwas hervorzubringen

            Der Dialog und alles, was er mit sich bringt, erinnern uns daran, dass keiner sich darauf beschränken kann, Zuschauer oder bloßer Beobachter zu sein. Alle, vom Kleinsten bis zum Größten, bilden einen aktiven Part beim Aufbau einer integrierten und versöhnten Gesellschaft. Diese Kultur ist möglich, wenn alle an ihrer Ausgestaltung und ihrem Aufbau teilhaben. Die gegenwärtige Situation lässt keine bloßen Zaungäste der Kämpfe anderer zu. Sie ist im Gegenteil ein deutlicher Appell an die persönliche und soziale Verantwortung.

            In diesem Sinne spielen unsere jungen Menschen eine dominierende Rolle. Sie sind nicht die Zukunft unserer Völker, sie sind ihre Gegenwart. Schon heute schmieden sie mit ihren Träumen und mit ihrem Leben den europäischen Geist. Wir können nicht an ein Morgen denken, ohne dass wir ihnen eine wirkliche Teilhabe als Träger der Veränderung und des Wandels anbieten. Wir können uns Europa nicht vorstellen, ohne dass wir sie einbeziehen und zu Protagonisten dieses Traums machen.

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† K√ľrzlich habe ich √ľber diesen Aspekt nachgedacht, und ich habe mich gefragt: Wie k√∂nnen wir unsere jungen Menschen an diesem Aufbau teilhaben lassen, wenn wir ihnen die Arbeit vorenthalten? Wenn wir ihnen keine w√ľrdige Arbeiten geben, die ihnen erlauben, sich mit Hilfe ihrer H√§nde, ihrer Intelligenz und ihren Energien zu entwickeln? Wie k√∂nnen wir behaupten, ihnen die Bedeutung von Protagonisten zuzugestehen, wenn die Quoten der Arbeitslosigkeit und der Unterbesch√§ftigung von Millionen von jungen Europ√§ern ansteigen? Wie k√∂nnen wir es vermeiden, unsere jungen Menschen zu verlieren, die auf der Suche nach Idealen und nach einem Zugeh√∂rigkeitsgef√ľhl schlie√ülich anderswohin gehen, weil wir ihnen hier in ihrem Land keine Gelegenheiten und keine Werte zu vermitteln verm√∂gen?

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† ¬ĽDie gerechte Verteilung der Fr√ľchte der Erde und der menschlichen Arbeit ist keine blo√üe Philanthropie. Es ist eine moralische Pflicht¬ę[7]. Wenn wir unsere Gesellschaft anders konzipieren wollen, m√ľssen wir w√ľrdige und lukrative Arbeitspl√§tze schaffen, besonders f√ľr unsere jungen Menschen.

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Das erfordert die Suche nach neuen Wirtschaftsmodellen, die in h√∂herem Ma√üe inklusiv und gerecht sind. Sie sollen nicht darauf ausgerichtet sein, nur einigen wenigen zu dienen, sondern vielmehr dem Wohl jedes Menschen und der Gesellschaft. Und das verlangt den √úbergang von einer ‚Äěverfl√ľssigten‚Äú Wirtschaft zu einer sozialen Wirtschaft. Ich denke zum Beispiel an die soziale Marktwirtschaft, zu der auch meine Vorg√§nger ermutigt haben (vgl. Johannes Paul II. Ansprache an den Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, 8. November 1990). Es ist n√∂tig, von einer Wirtschaft, die auf den Verdienst und den Profit auf der Basis von Spekulation und Darlehen auf Zinsen zielt, zu einer sozialen Wirtschaft √ľberzugehen, die in die Menschen investiert, indem sie Arbeitspl√§tze und Qualifikation schafft.

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Von einer ‚Äěverfl√ľssigten‚Äú Wirtschaft, die dazu neigt, Korruption als Mittel zur Erzielung von Gewinnen zu beg√ľnstigen, m√ľssen wir zu einer sozialen Wirtschaft gelangen, die den Zugang zum Land und zum Dach √ľber dem Kopf garantiert. Und dies mittels der Arbeit als dem Umfeld, in dem die Menschen und die Gemeinschaften ¬Ľviele Dimensionen des Lebens ins Spiel [bringen k√∂nnen]: die Kreativit√§t, die Planung der Zukunft, die Entwicklung der F√§higkeiten, die Aus√ľbung der Werte, die Kommunikation mit den anderen, eine Haltung der Anbetung. In der weltweiten sozialen Wirklichkeit von heute ist es daher √ľber die begrenzten Interessen der Unternehmen und einer fragw√ľrdigen wirtschaftlichen Rationalit√§t hinaus notwendig, ‚Äödass als Priorit√§t weiterhin das Ziel verfolgt wird, allen Zugang zur Arbeit zu verschaffen‚Äė[8]¬ę (Enzyklika Laudato si‚Äė, 127).

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Wenn wir eine menschenw√ľrdige Zukunft anstreben wollen, wenn wir eine friedliche Zukunft f√ľr unsere Gesellschaft w√ľnschen, k√∂nnen wir sie nur erreichen, indem wir auf die wahre Inklusion setzen: ¬Ľdie, welche die w√ľrdige, freie, kreative, beteiligte und solidarische Arbeit gibt¬ę[9]. Dieser √úbergang (von einer ‚Äěverfl√ľssigten‚Äú zu einer sozialen Wirtschaft) vermittelt nicht nur neue Perspektiven und konkrete Gelegenheiten zur Integration und Inklusion, sondern er√∂ffnet uns von neuem die F√§higkeit von jenem Humanismus zu tr√§umen, dessen Wiege und Quelle Europa einst war.

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Am Wiederaufbl√ľhen eines zwar m√ľden, aber immer noch an Energien und Kapazit√§ten reichen Europas kann und soll die Kirche mitwirken. Ihre Aufgabe f√§llt mit ihrer Mission zusammen, der Verk√ľndigung des Evangeliums. Diese zeigt sich heute mehr denn je vor allem dahin, dass wir dem Menschen mit seinen Verletzungen entgegenkommen, indem wir ihm die starke und zugleich schlichte Gegenwart Christi bringen, seine tr√∂stende und ermutigende Barmherzigkeit. Gott m√∂chte unter den Menschen wohnen, aber das kann er nur mit M√§nnern und Frauen erreichen, die ‚Äď wie einst die gro√üen Glaubensboten des Kontinents ‚Äď von ihm anger√ľhrt sind und das Evangelium leben, ohne nach etwas anderem zu suchen. Nur eine Kirche, die reich an Zeugen ist, vermag von neuem das reine Wasser des Evangeliums auf die Wurzeln Europas zu geben. Dabei ist der Weg der Christen auf die volle Gemeinschaft hin ein gro√ües Zeichen der Zeit, aber auch ein dringendes Erfordernis, um dem Ruf des Herrn zu entsprechen, dass alle eins sein sollen (vgl. Joh 17,21).

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Mit dem Verstand und mit dem Herz, mit Hoffnung und ohne leere Nostalgien, als Sohn, der in der Mutter Europa seine Lebens- und Glaubenswurzeln hat, tr√§ume ich von einem neuen europ√§ischen Humanismus: ¬ĽEs bedarf eines st√§ndigen Weges der Humanisierung¬ę, und dazu braucht es ¬ĽGed√§chtnis, Mut und eine gesunde menschliche Zukunftsvision¬ę[10]. Ich tr√§ume von einem jungen Europa, das f√§hig ist, noch Mutter zu sein: eine Mutter, die Leben hat, weil sie das Leben achtet und Hoffnung f√ľr das Leben bietet. Ich tr√§ume von einem Europa, das sich um das Kind k√ľmmert, das dem Armen br√ľderlich beisteht und ebenso dem, der Aufnahme suchend kommt, weil er nichts mehr hat und um Hilfe bittet. Ich tr√§ume von einem Europa, das die Kranken und die alten Menschen anh√∂rt und ihnen Wertsch√§tzung entgegenbringt, auf dass sie nicht zu unproduktiven Abfallsgegenst√§nden herabgesetzt werden. Ich tr√§ume von einem Europa, in dem das Migrantsein kein Verbrechen ist, sondern vielmehr eine Einladung zu einem gr√∂√üeren Einsatz mit der W√ľrde der ganzen menschlichen Person. Ich tr√§ume von einem Europa, wo die jungen Menschen die reine Luft der Ehrlichkeit atmen, wo sie die Sch√∂nheit der Kultur und eines einfachen Lebens lieben, die nicht von den endlosen Bed√ľrfnissen des Konsumismus beschmutzt ist; wo das Heiraten und der Kinderwunsch eine Verantwortung wie eine gro√üe Freude sind und kein Problem darstellen, weil es an einer hinreichend stabilen Arbeit fehlt. Ich tr√§ume von einem Europa der Familien mit einer echt wirksamen Politik, die mehr in die Gesichter als auf die Zahlen blickt und mehr auf die Geburt von Kindern als auf die Vermehrung der G√ľter achtet. Ich tr√§ume von einem Europa, das die Rechte des Einzelnen f√∂rdert und sch√ľtzt, ohne die Verpflichtungen gegen√ľber der Gemeinschaft au√üer Acht zu lassen. Ich tr√§ume von einem Europa, von dem man nicht sagen kann, dass sein Einsatz f√ľr die Menschenrechte an letzter Stelle seiner Visionen stand.

[1] Ansprache an das Europäische Parlament, Straßburg, 25. November 2015.

[2] Ebd.

[3] Erklärung am 9. Mai 1950 im Salon de l’Horloge, Quai d’Orsay, Paris.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Rede auf der Europäischen Parlamentarischen Konferenz, Paris, 21. April 1954.

[6] Ansprache auf dem Deutschen Handwerkertag, D√ľsseldorf, 27. April 1952.

[7] Ansprache beim Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra, 9. Juli 2015.

[8] Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate (29. Juni 2009), 32: AAS 101 (2009), 666.

[9] Ansprache beim Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra, 9. Juli 2015.

[10] Ansprache an den Europarat, Straßburg, 25. November 2014.

Foto: Kaiser Karl der Große РBildquelle: Kathnews

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