Papst Benedikt XVI. – Die letzten Lebensjahre des heiligen Augustinus

Kathnews setzt seine Reihe ĂŒber „Leben und Werk der KirchenvĂ€ter und Glaubenslehrer“ fort.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 31. August 2016 um 10:19 Uhr

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

Im Zeitraum vom 7. MĂ€rz 2007 und dem 27. Februar 2008 hielt Papst Benedikt XVI. in Rahmen seiner wöchentlichen Mittwochsaudienzen in Rom insgesamt 36 Katechesen ĂŒber Leben und Werk der KirchenvĂ€ter und Glaubenslehrer, beginnend von Clemens von Rom bis zu Augustinus von Hippo. Kathnews setzt seine Reihe ĂŒber „Leben und Werk der KirchenvĂ€ter und Glaubenslehrer“ fort. Anfang 2008 widmete sich Papst Benedikt XVI in fĂŒnf Katechesen Leben und Werk des heiligen Augustinus.

Am vergangenen Sonntag, dem 28. August, dem Sterbetag des Bischofs von Hippo, wurde die erste Katechese des Papstes ĂŒber den heiligen Augustinus in Erinnerung gerufen.  Sie zeigte u.a.  wie Cicero, der große Philosoph, Staatsmann und Rheortiker des republikanischen Roms, und der heilige Ambrosius, der große Theologe auf dem Bischofsstuhl von Mailand, Meilensteine auf dem Weg des heiligen Augustinus zu seiner Bekehrung gewesen sind. In de zweiten Katechese behandelte Papst Benedikt XVI. die letzten Lebensjahre des Kirchenvaters:

Katechese von Papst Benedikt XVI ĂŒber den heiligen Augustinus (2)

Liebe BrĂŒder und Schwestern!

Wie schon am vergangenen Mittwoch will ich heute ĂŒber den großen Bischof von Hippo, den hl. Augustinus, sprechen. Vier Jahre vor seinem Tod wollte er seinen Nachfolger ernennen. Dazu versammelte er am 26. September 426 das Volk in der Friedensbasilika in Hippo, um den GlĂ€ubigen den Mann vorzustellen, den er fĂŒr diese Aufgabe bestimmt hatte. Er sagte: »In diesem Leben sind wir alle sterblich, aber der letzte Tag dieses Lebens ist fĂŒr jeden einzelnen immer ungewiß. Trotzdem hofft man in der Kindheit, zum JĂŒnglingsalter zu gelangen; im JĂŒnglingsalter zur Jugend; in der Jugend zum Erwachsenenalter; im Erwachsenenalter zur Zeit der Reife; in der Zeit der Reife zum Alter. Man ist nicht sicher, dahin zu gelangen, aber man hofft darauf. Das Alter hat hingegen keinen weiteren Zeitabschnitt vor sich, auf den es hoffen könnte; seine Dauer selbst ist ungewiß
 Ich kam durch Gottes Willen in der BlĂŒte meines Lebens in diese Stadt; aber jetzt ist meine Jugend vorĂŒber, und ich bin nun alt« (Ep. 213,1). An dieser Stelle nannte Augustinus den Namen des designierten Nachfolgers, des Priesters Heraclius. Die Versammlung brach in zustimmenden Beifall aus und wiederholte dreiundzwanzig Mal: »Gedankt sei Gott! Gelobt sei Christus!« Mit weiteren Akklamationen stimmten die GlĂ€ubigen außerdem allem zu, was Augustinus dann hinsichtlich seiner kĂŒnftigen Vorhaben sagte: er wollte die ihm noch verbleibenden Jahre einem intensiveren Studium der Heiligen Schrift widmen (vgl. Ep. 213,6).

In der Tat, die nachfolgenden vier Jahre waren Jahre einer außerordentlichen intellektuellen AktivitĂ€t: Er vollendete wichtige Werke, nahm weitere, nicht weniger anspruchsvolle in Angriff, hielt öffentliche Debatten mit den Irrlehrern – er suchte immer den Dialog –, er griff ein, um den Frieden in den afrikanischen Provinzen zu fördern, die von den BarbarenstĂ€mmen aus dem SĂŒden bedroht wurden. In diesem Sinn schrieb er an den Comes Darius, der nach Afrika gekommen war, um den Streit zwischen dem Comes Bonifatius und dem kaiserlichen Hof beizulegen, den die StĂ€mme der Mauren fĂŒr ihre ÜberfĂ€lle ausnutzten: »Der grĂ¶ĂŸte Ehrentitel« – sagte er in dem Brief – »besteht darin, den Krieg mit dem Wort statt Menschen mit dem Schwert zu töten, und mit dem Frieden fĂŒr den Frieden zu sorgen oder ihn aufrechtzuerhalten und nicht mit dem Krieg. Gewiß, auch diejenigen, die kĂ€mpfen, suchen, wenn sie gut sind, zweifellos den Frieden, aber um den Preis, Blut zu vergießen. Du hingegen bist entsandt worden, um zu verhindern, daß man versuche, irgend jemandes Blut zu vergießen« (Ep. 229,2). Die Hoffnung auf eine Befriedung der afrikanischen Gebiete wurde leider enttĂ€uscht: Im Mai 429 passierten die Vandalen die Straße von Gibraltar, nachdem sie aus Rache von Bonifatius selbst nach Afrika eingeladen worden waren, und fielen in Mauretanien ein. Die Invasion erreichte schnell die anderen reichen afrikanischen Provinzen. Im Mai oder Juni des Jahres 430 standen »die Zerstörer des Römischen Reiches«, wie Possidius jene Barbaren nennt (Vita, 30,1), vor Hippo, das sie belagerten.

In der Stadt hatte auch Bonifatius Zuflucht gesucht, der sich zu spĂ€t mit dem Hof ausgesöhnt hatte und nun vergeblich versuchte, den Invasoren den Weg zu versperren. Der Biograph Possidius beschreibt den Schmerz des Augustinus: »Mehr als sonst waren die TrĂ€nen Tag und Nacht sein Brot, er war nunmehr ans Ende seines Lebens gelangt und fristete mehr als die anderen in Bitterkeit und Trauer sein vorgerĂŒcktes Dasein« (Vita, 28,6). Und er erklĂ€rt: »Er, jener Mann Gottes, sah nĂ€mlich die Gemetzel und die Zerstörungen der StĂ€dte; die HĂ€user auf dem Land verfallen und die Einwohner von den Feinden getötet oder in die Flucht geschlagen und zerstreut; die Kirchen ihrer Priester und Diener beraubt; die heiligen Jungfrauen und die Ordensleute ĂŒberallhin zerstreut; unter ihnen die einen unter der Folter gestorben, die anderen mit dem Schwert getötet, wieder andere gefangengenommen, die IntegritĂ€t der Seele und des Leibes und auch den Glauben verloren, von den Feinden in schmerzhafte und lange Sklaverei gefĂŒhrt« (ebd., 28,8).

Obwohl er alt und mĂŒde war, stand Augustinus weiterhin in vorderster Linie und tröstete sich selbst und die anderen mit dem Gebet und der Betrachtung ĂŒber die geheimnisvollen PlĂ€ne der Vorsehung. Er sprach diesbezĂŒglich vom »Greisenalter der Welt« – und diese römische Welt war tatsĂ€chlich alt –, er sprach von diesem Alter, wie er es schon Jahre zuvor getan hatte, um die aus Italien kommenden FlĂŒchtlinge zu trösten, als im Jahr 410 die Goten Alarichs die Stadt Rom erstĂŒrmt hatten. Im Alter, sagte er, gibt es Krankheiten in FĂŒlle: Husten, Katarrh, TriefĂ€ugigkeit, Angst, Erschöpfung. Aber auch wenn die Welt altert, ist Christus ewig jung. Und daher die Aufforderung: »Lehne nicht ab, vereint mit Christus jung zu werden, auch in der alten Welt. Er sagt zu dir: FĂŒrchte dich nicht, deine Jugend wird sich erneuern wie die des Adlers« (vgl. Serm. 81,8). Der Christ darf also auch in schwierigen Situationen nicht verzagen, sondern muß sich dafĂŒr einsetzen, dem zu helfen, der in Not ist. Das rĂ€t der große Lehrer, als er dem Bischof von Thiava, Honoratus, antwortet, der ihn gefragt hatte, ob unter der BedrĂ€ngnis der BarbareneinfĂ€lle ein Bischof oder ein Priester oder irgendein Mann der Kirche fliehen dĂŒrfe, um sein Leben zu retten: »Wenn fĂŒr alle gleichermaßen Gefahr besteht, das heißt fĂŒr Bischöfe, Kleriker und Laien, so sollen diejenigen, die der anderen bedĂŒrfen, nicht von denen verlassen werden, derer sie bedĂŒrfen. In diesem Fall sollen sich alle an sichere Orte begeben; wenn aber einige bleiben mĂŒssen, sollen sie nicht von denen verlassen werden, die die Pflicht haben, ihnen mit dem heiligen Dienst beizustehen, so daß sie sich entweder gemeinsam in Sicherheit bringen oder gemeinsam das UnglĂŒck ertragen, das sie nach dem Willen des Familienoberhauptes erdulden sollen« (Ep. 228,2). Und er schloß: »Das ist der höchste Beweis der Liebe« (ebd., 3). Wie sollte man in diesen Worten nicht die heroische Botschaft wiedererkennen, die im Lauf der Jahrhunderte so viele Priester angenommen und sich zu eigen gemacht haben?

Indessen leistete die Stadt Hippo Widerstand. Das Kloster-Haus des Augustinus hatte seine Tore geöffnet, um die MitbrĂŒder im Bischofsamt aufzunehmen, die um Gastfreundschaft ersuchten. Unter diesen befand sich auch sein ehemaliger SchĂŒler Possidius, der uns so das direkte Zeugnis jener letzten, dramatischen Tage hinterlassen konnte. »Im dritten Monat jener Belagerung« – berichtet er – »legte er sich mit Fieber ins Bett: Es war seine letzte Krankheit« (Vita, 29,3). Der heilige Greis nutze jene endlich freie Zeit, um sich mit grĂ¶ĂŸerer IntensitĂ€t dem Gebet zu widmen. Er pflegte zu sagen, daß keiner, weder Bischof noch Ordensmann noch Laie, möge seine LebensfĂŒhrung noch so untadelig erscheinen, dem Tod ohne eine angemessene Buße entgegentreten darf. Daher wiederholte er stĂ€ndig unter TrĂ€nen die Bußpsalmen, die er so oft mit dem Volk gebetet hatte (vgl.ebd., 31,2).

Je mehr sich die Krankheit verschlimmerte, desto mehr verspĂŒrte der sterbende Bischof das BedĂŒrfnis nach Einsamkeit und Gebet: »Um von niemandem in seiner Sammlung gestört zu werden, bat er ungefĂ€hr zehn Tage vor seinem Hinscheiden uns Anwesende, außerhalb der Stunden, in denen die Ärzte kamen, um ihn zu untersuchen, oder man ihm das Essen brachte, niemanden in seine Kammer eintreten zu lassen. Sein Wille wurde genau erfĂŒllt, und diese ganze Zeit verbrachte er im Gebet« (ebd. 31,3). Er verschied am 28. August 430: Sein großes Herz hatte endlich Ruhe gefunden in Gott.

Zur Grablegung seines Leibes – informiert uns Possidius – wurde Gott das Opfer dargebracht, an dem wir teilnahmen, und dann wurde er bestattet (Vita 31,5). Sein Leib wurde an ungewissem Datum nach Sardinien ĂŒbertragen und von dort im Jahr 725 nach Pavia in die Basilika »San Pietro in Ciel d’oro«, wo er auch heute ruht. Sein erster Biograph gibt ĂŒber ihn dieses abschließende Urteil ab: »Er hinterließ der Kirche einen sehr zahlreichen Klerus, wie auch MĂ€nner- und Frauenklöster voller Menschen, die sich der Enthaltsamkeit im Gehorsam gegenĂŒber ihren Oberen geweiht hatten, zusammen mit den Bibliotheken, die seine BĂŒcher und Reden sowie die anderer Heiliger enthielten, aus denen man erfĂ€hrt, worin durch die Gnade Gottes sein Verdienst und seine GrĂ¶ĂŸe in der Kirche bestanden habe, und in denen die GlĂ€ubigen ihn immer lebendig vorfinden« (Possidius, Vita, 31,8). Das ist ein Urteil, dem wir uns anschließen können: in seinen Schriften »finden« auch wir ihn »lebendig« vor. Wenn ich die Schriften des hl. Augustinus lese, habe ich nicht den Eindruck, daß es sich um einen Mann handelt, der vor mehr oder weniger 1600 Jahren gestorben ist, sondern ich spĂŒre ihn wie einen Menschen von heute: einen Freund, einen Zeitgenossen, der zu mir spricht, der mit seinem frischen und aktuellen Glauben zu uns spricht. Im hl. Augustinus, der in seinen Schriften zu mir, zu uns spricht, sehen wir die bleibende AktualitĂ€t seines Glaubens; des Glaubens, der von Christus kommt, dem ewigen, fleischgewordenen Wort, Gottessohn und Menschensohn. Und wir können sehen, daß dieser Glaube nicht von gestern ist, auch wenn er gestern verkĂŒndet wurde; er ist immer von heute, weil Christus wirklich gestern, heute und in Ewigkeit ist. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. So ermutigt uns der hl. Augustinus dazu, uns diesem immer lebendigen Christus anzuvertrauen und so den Weg des Lebens zu finden.

Foto: Papst Benedikt XVI. – Bildquelle: Kathnews