„Ohne Gott siegt der Egoismus“

Heiliger Vater im Marienwallfahrtsort Loreto.
Erstellt von Radio Vatikan am 5. Oktober 2012 um 11:57 Uhr
Papst Benedikt

Loreto (kathnews/RV). Papst Benedikt XVI. hat an diesem Donnerstag den italienischen Wallfahrtsort Loreto besucht. Vor dem Marienheiligtum feierte er am Vormittag mit rund 10.000 Menschen einen Gottesdienst unter freiem Himmel. Papst Johannes XXIII. hatte in der kleinen Stadt in den italienischen Marken vor genau 50 Jahren um den Beistand der Gottesmutter für das damals bevorstehende Zweite Vatikanische Konzil gebetet. Auch Benedikt XVI. blickte in seiner Predigt auf die kommenden Großereignisse der katholischen Kirche voraus:

„In einem Abstand von fünfzig Jahren bin nun auch ich, nachdem ich von der göttlichen Vorsehung berufen wurde, jenem unvergeßlichen Papst auf dem Stuhl Petri nachzufolgen, als Pilger hierher gekommen, um der Muttergottes zwei wichtige kirchliche Initiativen anzuvertrauen: das Jahr des Glaubens, das in einer Woche, am 11. Oktober – dem fünfzigsten Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils – beginnen wird, und die Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode, die von mir für den Monat Oktober einberufen wurde und unter dem Thema „Die Neuevangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens“ steht.“

Die „bescheidene Wohnstätte“ der Heiligen Familie in Loreto bewahre die Erinnerung an die Menschwerdung Gottes, fuhr der Papst fort, sie sei „konkretes und greifbares Zeugnis des größten Ereignisses unserer Geschichte“. Loreto zählt zu den meistbesuchten Pilgerstätten Italiens. Herzstück ist das im Heiligtum enthaltene „Heilige Haus“ Mariens, in dem diese in Nazareth gewohnt haben soll. Der Papst ging in seiner Predigt auch auf die aktuelle „Krise“ ein und rief zur Solidarität auf:

„In der augenblicklichen Krise, die nicht nur die Wirtschaft, sondern verschiedene Gesellschaftsbereiche betrifft, sagt uns die Inkarnation des Sohnes Gottes, wie wichtig der Mensch für Gott und Gott für den Menschen ist. Ohne Gott gibt der Mensch schließlich seinem Egoismus den Vorrang gegenüber der Solidarität und der Liebe, zieht er das Materielle den Werten vor, das Haben dem Sein.“ Viele Gläubige waren bereits in den frühen Morgenstunden auf die Piazza geströmt, um noch einen Platz zu ergattern. Bei strahlendem Sonnenschein hörten sie dem Papst zu. Benedikt XVI. erinnerte in seiner Predigt weiter an die Freiheit, die durch den wahren Glauben an Gott möglich werde – nämlich die Freiheit vom menschlichen Egoismus.

„Wenn wir Maria betrachten, müssen wir uns fragen, ob auch wir offen sein wollen für den Herrn, ob wir unser Leben darbieten wollen, damit es ihm Wohnstatt sei; oder ob wir fürchten, die Gegenwart des Herrn könne unsere Freiheit einschränken, und uns einen Teil unseres Lebens vorbehalten wollen, so daß er uns allein gehören kann. Doch gerade Gott ist es, der unsere Freiheit befreit, sie aus der Verschlossenheit in sich selbst herausholt, aus dem Durst nach Macht, nach Besitz, nach Herrschaft, und sie befähigt, sich der Dimension zu öffnen, die sie im eigentlichen Sinn verwirklicht: der Dimension der Selbsthingabe, der Liebe, die sich im Dienen und im Miteinander-teilen äußert.“

Gott wende sich dem Menschen zu, der ihm keinesfalls ein untergeordneter Gesprächspartner sein solle. Dies werde in der Geschichte der Verkündigung deutlich und rege immer wieder zu Staunen an, so Benedikt XVI. weiter: „Gott erbittet das Ja des Menschen; er hat einen freien Gesprächspartner erschaffen und bittet, daß sein Geschöpf ihm in voller Freiheit antworte. Um Mensch zu werden, erbittet Gott die freie Zustimmung Marias. Freilich, das Ja der Jungfrau ist Frucht der göttlichen Gnade. Doch die Gnade hebt die Freiheit nicht auf, im Gegenteil: sie schafft und unterstützt sie. Der Glaube entzieht dem Geschöpf Mensch nichts, sondern ermöglicht ihm seine volle und endgültige Verwirklichung.“

Vor dem Gottesdienst hatte sich der Papst zu einem privaten Gebet in das Marienheiligtum begeben. Nach einem Mittagessen im Zentrum „Johannes Paul II.“ im benachbarten Montorso fliegt Benedikt XVI. am Abend im Hubschrauber zurück nach Rom.

Johannes XXIII. in Loreto

Johannes XXIII. war am 4. Oktober 1962, eine Woche vor Beginn des Zweiten vatikanischen Konzils, nach Loreto gereist, um die Gottesmutter Maria um ihren Beistand für das bevorstehende Großereignis zu bitten. Es war damals die erste Reise, die ein Papst seit der Einheit Italiens im Jahr 1861 außerhalb der Region Latium unternahm. Benedikt XVI. besuchte Loreto als Papst bereits im Jahr 2007 bei einem großen italienischen Jugendtreffen.

Foto: Papst Benedikt XVI. – Bildquelle: Eric Draper, White House